Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Inzwischen suchen Euch meine Vorstellungen und Gedanken im Osten, in den baltischen Ländern, auf, aber vergebens. Scheinbar wird im hohen Alter nicht nur der Körper sondern auch der Geist zu schwerfällign zum Reisen. Die sechs Wochen die ich hier allein in Konnarock verbracht habe, waren äußerlich ereignislos; innerlich waren sie eine Zusammenfassung eines langen Lebens für das ich Grund habe sehr dankbar zu sein, und für das ich sehr dankbar bin. Am kommenden Dienstag, den 3. September, trete ich die Rückreise an. Ich beabsichtige in Grantville, Pennsylvania zu übernachten. Besinnt Ihr Euch? Zwar ist das Ende des Lebens unausweichlich, dennoch widerstrebt es der Vorstellung. Schon seit mehreren Jahre, denke ich bei jeder Abreise aus Konnarock, sie müsse schließlich endgültig, die letzte sein. Wenn ich dann im folgenden Jahr wiederkehre, komme ich mir fast schalkhaft vor, als wäre ich erpicht dem Schicksal einen Streich zu spielen. Kürzlich, wenn ich zu müde war zu denken, hab ich die Zeit mit Auswendiglernen vertrieben, ins Besondere von Teilen des Librettos "Ariadne auf Naxos" das Hofmannsthal für Richard Strauß verfasst hat. Die Musik überhöre ich; aus den Worten jedoch entnehme ich den Versuch der Todesahnung dichterischen Ausdruck zu verleihen, und doch scheint es mir dass dieser Versuch auf jeder Ebene in eine Bestätigung des Lebens mündet. Ich sende Euch meine Herbstgrüße und Wünsche für eine erinnerungsträchtige ereignisvolle und zugleich ereignislose Reise. Euer Jochen