Die Dialektik von Vergeltungsethik und Verständnisethik entspricht der Doppelnatur des Menschen als Einzelner und als Gesellschaftsmitglied. Wie die theoretische Unvereinbarkeit von Ich und Herde, so sind auch die beiden Erscheinungen der Ethik theoretisch unvereinbar. Aber wie die praktische Vereinbarkeit von Ich und Herde, so sind auch die beiden Darstellungen der Ethik mit einander verschränkt (verflochten, greifen ineinander). Es wäre übertrieben eine allgemein herrschende Feindseligkeit der Menschen gegeneinander vorauszusetzen, aber es wäre untertrieben eine Verpflichtung oder auch nur Möglichkeit, unbeschränkter und unbegrenzter "Nächstenliebe" wie Jesus in der Bergpredigt, anzunehmen. Aus diesen - und mancherlei anderen - Erwägungen schließe ich, dass unser Erleben sich nicht in Worten, nicht in Begriffen festlegen lässt, sondern dass die Worte, die Begriffe, die Sprache stets nur auf das eigentliche Erleben hinweisen; wohlbemerkt das es nicht selten das eigentliche Erleben entstellt oder verdeckt.