Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dank für Euern Brief. Wieder einmal eine umgehende Antwort, und mit der üblichen Entschuldigung: das Alter, die Vergesslichkeit, "mein Kopf behält nichts mehr. Nur Schatten streichen durch einen Schatten hin." Eine Antwort aber von erfreulicher Kürze, denn ich hab die halbe Nacht wachgelegen, und schlafe augenblicklich ein. Damit für Euch die hermeneutiche Herausforderung zu entscheiden ob's die Worte eines Wachen, eines Schlafenden, eines Träumenden eines Trunkenen oder eines Verrückten sind, die Ihr nicht versteht. Bei Euren Reisen, macht einen Abstecher nach Kneitlingen und grüßt meinen Geist. Dass meine Hirngespenste über Lesen und Schreiben, über Idealisierung und Entidealisierung, über Vergeltungsethik und Verständnisethik Euch nichts sagen, Euch nicht unterhalten, geschweige denn dass sie sich mit Euch unterhielten, ist fast selbstverständlich. Es ist die Eigenart des (pseudo-philosophischen) Denkens, dass es in Irre, in Öde, in Einsamkeit verhallt. Welch ehrlicher Mensch würde behaupten, dass er die Mysterien eines Plato, Aristoteles, Spinoza, Kant ... u.s.w. "verstünde"? Deren Schriften sind eigenbrötlerische Eingaben der "Denker", sind Geistesgefüge die letzthin unmitteilbar sind, und gerade deswegen, weil unverständlich, sind sie Gegenstände verständnislosen Ruhms. Mein Libretto über Krötenrettung ist längst nicht abgeschlossen. In welchem Inferno- (oder Paradiso) -kreis mein Lumpenheld untergebracht werden sollte, ist auch mir ein Rätsel. Vorletzte Nacht träumte mir, die Deutschland Abteilung seines Geheimdienstes hätte die Kröttenrettung entdeckt und wär im Begriff mich abzuschieben, zurückzusenden dahin von wo ich vor achtzig Jahren hierher kam. Das angeblich "größte" Werk des abendländischen Schrifttums, Dantes Beschreibung der Hölle, lese ich als entsetzliches Spiegelbild des abendländischen Geistes, der christichen Weltordnung. Meine Krötenrettungsphantasien sind Eulen und Meerkatzen im seelischen Bäckerklint die Ihr vielleicht nicht weiter beachten solltet. Ich glaube ich bin schließlich aufgewacht. Nun zurück in die Küche, zum Weiterbacken. Euch beiden, herzliche Hochsommergrüße, und Gute Reise! Euer Jochen