Liebe Gertraud, vielen Dank für Deinen Brief, der mich ermutigte das vor fünf Tagen zusammen Gekleisterte nun doch abzusenden. Du beschreibst die übermäßige Trockenheit in Europa. Bei uns ist es, umgekeht, zu nass. Verbreitete Überschwemmungen, zwar nicht auf unserem Berge. Aber im Keller steht Wasser in den Vertiefungen des Fußbodena und die Wände sind nass. Von der Zuverlässigkeit der Wettervoraussagen bin ich beeindruckt. Zu den Klimawechselprophezeiungen verhalte ich mich wie es sich einem frommen gläubigen Bürger des 21. Jahrhunderts gebührt, vergleichbar mit meinem Glauben an das nizeänische Glaubensbekenntis beim Abendmahl, besorgt vor allem meine Gemeindemitglieder durch keinen Glaubensmangel zu beängstigen und zu betrüben. Als Fünfzehnjähriger stand ich in Philadelphia auf der Bühne der Academy of Music, Ecke Broad Street and Locust Street. Bei einer Tannhäuser Aufführung der Metropolitan Opera war ich Komparse, ein stummer Fahnenträger auf der Wartburg. Fand mich damals durch den inbegriffenen Mythos tugendhafter Abstinenz und Keuschheit vorm Sturm und Drang erwachender Triebe geschützt. Bei der Andacht von Margarets 95. Geburtstag deute ich das Menschenleben anders, als reines Naturgeschehen, jenseits von Gut und Böse, und bin bestrebt, wie Möchtegern, die Vergeltungsethik die Himmel und Hölle geschaffen hat, mit einer Verstehensethik zu ersetzen die es ermöglicht in Frieden und manchmal in Freude zu leben und zu sterben. Dein Jochen