am 24. Juli 2019 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Seit meinem jüngsten Brief an Euch hab ich ein schlechtes Gewissen, im Allgemeinen, und ins Besondere wegen der Arroganz meiner ungebührlichen Verallgemeinerung meines Begriffs vom Lesen. Im ersten Kapitel meines Romans den ihr seiner Zeit auf dem Bette in Kierspe vorfandet, schrieb ich über das Lesen: "Vorerst entdecken wir bei uns, wann immer wir lesen, den Glauben, dass das Geschriebene Sinn hat. Das Geschriebene, so glauben wir, bedeutet etwas außer ihm. Es war des Schriftstellers Pflicht, dieser Bedeutung Ausdruck zu geben. Es wird des Lesers Pflicht sie aufzufinden. Der Glaube an eine gemeinsame, den Schreibenden mit dem Lesenden verbindende Bedeutung ist zugleich ein Glaube an eine Wirklichkeit welche sie beide umfasst. Nun ist es aber offensichtlich, dass der Schriftsteller sich des Sinnes seiner Schrift durchaus nicht im Voraus im Klaren ist. Denn seine Schrift wie seine Sprache entfließen einem Unterbewusstsein, das erst im Augenblick des Ausdrucks offenbar zu werden beginnt. Der Sinn des Gesprochenen, das weiß jeder aus eigener Erfahrung, wird erst erkennbar, indem es gesprochen ist. Der Sinn des Geschriebenen wird gleichfalls erst erkennbar, wenn es geschrieben ist. Dass Sinn erkennbar wird, heißt jedoch noch nicht, dass Sinn erkannt wird. Den Sinn begreifen der Hörer und der Leser jeweils nur zum Teil. Aber auch der welcher spricht und der welcher schreibt, der Sprecher also und der Schreiber, begreifen den Sinn dessen was sie gesprochen oder geschrieben haben immer teilweise. Insofern aber als das Wort über sich selbst hinausdeutet, nicht nur über das Verstehen des Empfängers, sondern auch über das Verstehen des Wortgebenden, deutet das Wort auf eine sonst unerreichbare Wirklichkeit die beide umschließt; und in diesem Sinne, ist das Wort, ist jedes Wort, heilig. Es mag sein, dass der Evangelist auf diese Wirklichkeit, jenseits und letzthin unerreichbar von allen sprechenden und hörenden, schreibenden und lesenden Menschen, aufmerksam machen wollte, als er schrieb: 'das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.'" "Aus diesen Erwägungen, geht hervor dass alles Geschriebene etwas Biblisches an sich hat, insofern es auf Wahrheit und Wirklichkeit hinausdeutet die nicht nur jenseits des Wortes selbst, sondern auch jenseits des Wortgebenden und Wortnehmenden sind. Diese Einsicht würde an der Art des Schreibens weniger ändern, als an der Art des Lesens, denn paradoxerweise ist der Schreibende, ungeachtet all seiner Geschäftigkeit, der passive Vermittler eines Wirklichen in dessen Dienst er schreibt, während der Lesende, ungeachtet seiner scheinbaren Passivität, die Aufgabe hat, mittels der ihm gebotenen Schrift, einen Teil jenes Wirklichen zu begreifen, worauf sie deutet. So finde ich, dass alles ernste Schreiben ein Dienst am Heiligtum ist, und alles ernste Lesen dessen Offenbarung." Die Verpflichtung des Berichterstatters, des Feuilletonschreibers, hingegen, gilt nicht einer erahnten und ersehnten transzentendalen Wirklichkeit, sondern (lediglich) dem beschränkten Verständnis und der Zusagung des Lesers. In diesem Sinn, sträube ich mich mein Schreiben abzustimmen auf das was der Leser zu lesen begehrt, statt Ausdruck zu verleihen, dem was ich als wirklich und bündig erlebe. Ich gebe bereitwillig zu, dass erfolgreiches Schreiben meiner Unfähigkeit entgeht, und dass meine besondere Deutung von Lesen und Schreiben ein Destillat von sauren Trauben sein mag. Kein Wunder dass ich keine Leser habe und nur an und für mich selber schreibe. In diesem Zusammenhang bitte ich, Euch zu keiner Antwort verpflichtet zu fühlen. Meinerseits empfinde ich meine Briefe an Euch als aufdringliches Ausnützen, eine (im doppelten Sinne) eingebildete Ansprache und Aussprache, der ich mich bediene, wie ein die Flügel schlagender Vogel vorm Abflug, in meinem Falle, in den Unsinn meiner Gedanken. Hier sitze ich nun, in Konnarock, im Hause meiner Eltern, vorm Fenster mit Blick auf den Rasen und das üppige grüne Gebüsch und die dichten Schierlingstannen die im Dornröschenlied wie "eine Hecke riesengroß" dies kleine Schloss schützend umwachsen haben. Sie schicken den Blick zurück, nach Innen, in die Vergangenheit, zu den längst Verstorbenen, zu meinen Eltern, zu meiner Schwester, zu Margaret, und zu mir selbst, der wenngleich zeitentsprechend heute noch nicht körperlich im Sterben liegt, - dennoch im Geiste, Tag und Nacht sich aufs Sterben vorbereitet. Als Sterbensvorbereitung betrachte ich auch meinen Netzort, ernstjmeyer.ddns.net, eine heute noch sehr unvollständige Sammlung von Urkunden über die Familie der ich entstamme, und über mich selber. Wahrscheinlich nur für mich, ein bemerkenswertes Dokument das ich als Darstellung des Keimens eines geistig-seelischen Bewusstseins aus dem alltäglichen Dasein deute. Da ist, ganz am Anfang, ein Brief einer entfernten Kusine an meine Urgroßmutter Emilie Herzberg Meyer, http://ernstjmeyer.ddns.net/Dokumente/1856/18560821_Henriette_Spiegel_an_Isaak_Meyer_0all.pdf Emilie war die Gattin meines Urgroßvaters Isaak Meyer, eines Fabrikanten, dessen Lebensbetätigung darin bestand, dem vermutlich von ihm selbst getöteten Vieh die Felle abzuziehen um sie zu gerben und als Leder zu verkaufen. Es ist eine für mich bedenkenswerte Verwandlung die sich dann über das Leben meines Vaters, (vgl. http://ernstjmeyer.ddns.net/Trennung/19381210_Heinz_an_Marga0all.pdf (Seite 25-27)) über mein eigenes so übermäßig üppig beurkundetes Denken und Fühlen, zu dem Verständnis meines Sohnes Klemens (http://ernstjmeyer.ddns.net/ordeal0all.pdf) erstreckt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bei seinen Lebzeiten die leidenschaftliche Autobiographie meines Vaters veröffentlicht hätte, wie er sie in einem 35 Seiten langen Brief an meine Mutter, in den letzten sieben Tagen der Überfahrt nach Amerika verfasste. Ich frage mich, und ich frage Euch, ist es ungehörig von mir, diese Bekundung seines innigsten Erlebens heute, mehr als 32 Jahre nach seinem Tode zu veröffentlichen? Ist es ein Irrtum zu behaupten, dass das Sterben des Körpers den Geist in eine scheinbare Ewigkeit befreit? Jedenfalls betrachte ich mein eigenes Schreiben als meine Einübung ins Nicht-mehr-sein, ohne jegliche Erwartung, oder auch nur den Wunsch, gelesen zu werden. Dennoch setze ich es fort. In den fünf Tagen seit meiner Ankunft in Konnarock, hab ich meine Zeit ausschließlich mit der Neu-Einrichtung der Fernseh-Überwachungsanlage verbracht, Bemühungen mit denen ich jedenfalls zu einem vorläufigen Beschluss gekommen bin. Dieser Brief dient zum Teil mein Denken auf die Fortsetzung, - um das Wort Vollendung zu vermeiden, - meines Versuchs über die Krötenrettung zu richten. Bei Gelegenheit einer Friedenskonferenz die Krötenstreitigkeiten zwischen Baron von Krötenheim und schwadronierendem Gutsbesitzer, Hochstapler, Prahlhans und Schürzenjäger Maga Lump, zu schlichten, hatte Lump geschlechtliche Annäherungsversuche an die drei schönen jungen Musen gerichtet, http://ernstjmeyer.ddns.net/kroetenrettung Zeile (1138), war, als als man ihn abwies, (1298) zornig geworden (1537), und hatte den dreien und ihren zwei männlichen menschlichen Begleitern zerquetschte Kröten in die Gesichter geschleudert (1542). Die beleidigten Musen werden dann durch die Gerechtigkeitsgöttin Dike gerächt, indem diese die Abänderung der gerichtlichen Kataster bewirkt (1747), und somit Lump seines Grundbesitzes enteignet. Diese Enteignung hatte einen Aufstand von Lumps Gefolgschaft zur Folge (2169), einen Bürgerkrieg, welchen Dike nicht zu bewältigen vermochte. Apollo der zurat gezogen wurde (2295), befahl Ruhe als die erste Bürgerpflicht (2623), und bestimmte weiterhin, alle Beteiligten müssten sich hinfort als Schauspieler in einem Theaterstück betragen (2668). Die Vorlage aber, das Libretto, dieses Theaterstücks vermochte auch Apollo nicht zu entwerfen, denn dieser Gott war bekanntlich als Teilnehmer am Trojanischen Krieg durch seinen Verlass auf gerade die Vergeltungsethik belastet welche nicht nur einst Troja und Atreus Söhne zerstört hatte, sondern auch diesen Bürgerkrieg gestiftet. Selbst Apollo war ratlos; nach einigem Zögern erklärte er sich bereit, Möchtegerns Überlegungen anzuhören. Möchtegern macht den Vorschlag, dass außer, und im Gegensatz zur Vergeltungsethik welche auf Recht und Unrecht, auf Gut und Böse fußt, eine zweite, eine Verstehens- oder Verständnisethik zu erwägen sei. Die Wirksamkeit dieser Verstehensethik beruhe auf grundsätzlicher Entidealisierung. Statt des Versuches die Welt nach vorgefassten Vorstellungen und Regeln zu richten, würde der Vermittler die Bedürfnisse der im Streit Liegenden verstehen, begreifen, und nach Möglichkeit miteinander vereinbaren. War übereinstimmen möglich, würde der Vermittler die Übereinstimmung einleiten; wo nicht würde er einen Vergleich, einen Mittelweg bestimmen der den Bedürfnissen der beiden Parteien genügen müsste. Möchtegerns Vorschlag wurde von allen Beteiligten genehmigt außer Maga Lump, der auf jedenfalls eine der Musen als Gattin bestand. Möchtegern wies darauf hin, dass Lump in der Opernsängerin Ursula Schönstimm über die denkbar großartigste Gattin verfügte. "Ja," sagte Lump, "dass stimmt, aber Ursula ist eine Frau ohne Schatten. Mit der werd ich versteinern." Da überredete Apoll Melpomene, sie möchte ihren eigenen großen, tiefen Schatten, des Nachts mit der schattenlosen Ursula teilen, Sie, Melpomene, würde sich begnügen Lump in der Verstehensethik die sie leidenschaftlich befürworte, zu unterweisen. Indessen würde Euterpe Baronin Krötenheim werden, und Erato würde "Haushälterin" für den alten sterbenden Möchtegern. Zum Schutz der zu ihren Laichplätzen ziehenden Kröten, werden besondere Unterführungen in die Schnellstraße gebaut. Diese Lösungen fanden allgemeinen Beifall. Nicht nur die Kröten waren gerettet, sondern auch die Menschen, Lump, Krötenheim und Möchtegern. Vor allem aber die drei Göttinnen, Melpomene, Euterpe und Erato, denn ihnen war es nunmehr erspart in den Himmel zurückzukehren. Herzliche Hochsommergrüße an Euch beide. Euer Jochen