am 24. Juli 2019 Lieber Herr Nielsen, Seit meinem jüngsten Brief an Sie sind 41 Tage verstrichen. Bedarf es der Entschuldigung, dass ich 41 Tage geschwiegen habe, oder dass ich mein Schweigen nach schon 41 Tagen unterbreche? In einer Welt wo gemäß Anaximandros, das ledigliche Existieren die Schuld heraufbeschwört, möchte beidem, dem Schweigen und dem Schreiben, Schuld gebühren. Hingegen, bitte ich Sie, lieber Herr Nielsen, inständig, sich zu keiner Antwort verpflichtet zu fühlen, denn meinerseits empfinde ich meine Briefe an Sie als aufdringliches Ausnützen Ihrer geistigen Persönlichkeit, eine (im doppelten Sinne) eingebildete Ansprache und Aussprache, der ich mich bediene, wie ein die Flügel schlagender Vogel vorm Abflug, in meinem Falle, in den Unsinn meiner Gedanken. Hier sitze ich nun, in Konnarock, Virginia, im Hause meiner Eltern, vorm Fenster mit Blick auf den Rasen und das üppige grüne Gebüsch und die dichten Schierlingstannen die im Dornröschenlied wie "eine Hecke riesengroß" dies kleine Schloss schützend umwachsen haben. Sie schicken den Blick zurück, nach Innen, in die Vergangenheit, zu den längst Verstorbenen, zu meinen Eltern, zu meiner Schwester, zu meiner Frau, und zu mir selbst, der wenngleich zeitentsprechend heute noch nicht körperlich im Sterben liegt, - dennoch im Geiste, Tag und Nacht sich aufs Sterben vorbereitet. Als Sterbensvorbereitung betrachte ich auch meinen Netzort, ernstjmeyer.ddns.net, eine heute noch sehr unvollständige Sammlung von Urkunden über die Familie der ich entstamme, und über mich selber. Wahrscheinlich nur für mich, ein bemerkenswertes Dokument das ich als Darstellung des Keimens eines geistig-seelischen Bewusstseins aus dem alltäglichen Dasein deute. Da ist, ganz am Anfang, ein Brief einer entfernten Kusine an meine Urgroßmutter Emilie Herzberg Meyer, http://ernstjmeyer.ddns.net/Dokumente/1856/18560821_Henriette_Spiegel_an_Isaak_Meyer_0all.pdf Sie war die Gattin meines Urgroßvaters Isaak Meyer, eines Fabrikanten, dessen Lebensbetätigung darin bestand, dem vermutlich von ihm selbst getöteten Vieh die Felle abzuziehen um sie zu gerben und als Leder zu verkaufen. Es ist eine für mich bedenkenswerte Verwandlung die sich dann über das Leben meines Vaters, (vgl. http://ernstjmeyer.ddns.net/Trennung/19381210_Heinz_an_Marga0all.pdf (Seite 25-27)) über mein eigenes so übermäßig üppig beurkundetes Denken und Fühlen, zu dem Verständnis meines Sohnes (http://ernstjmeyer.ddns.net/ordeal0all.pdf) erstreckt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bei seinen Lebzeiten die leidenschaftliche Autobiographie meines Vaters veröffentlicht hätte, wie er sie in einem 35 Seiten langen Brief an meine Mutter, in den letzten sieben Tagen der Überfahrt nach Amerika verfasste. Ich frage mich, und ich frage Sie, lieber Herr Nielsen, ist es ungehörig von mir, diese Bekundung seines innigsten Erlebens heute, mehr als 32 Jahre nach seinem Tode zu veröffentlichen? Ist es ein Irrtum zu behaupten, dass das Sterben des Körpers den Geist in eine scheinbare Ewigkeit befreit? Jedenfalls betrachte ich mein eigenes Schreiben als meine Einübung ins Nicht-mehr-sein, ohne jegliche Erwartung, oder auch nur den Wunsch, gelesen zu werden. Dennoch setze ich es fort. In den fünf Tagen seit meiner Ankunft in Konnarock, hab ich meine Zeit ausschließlich mit der Neu-Einrichtung der Fernseh-Überwachungsanlage verbracht, Bemühungen mit denen ich jedenfalls zu einem vorläufigen Beschluss gekommen bin. Dieser Brief dient zum Teil mein Denken auf die Fortsetzung, - um das Wort Vollendung zu vermeiden, - meines Versuchs über die Krötenrettung zu richten. Bei Gelegenheit einer Friedenskonferenz die Krötenstreitigkeiten zwischen Baron von Krötenheim und schwadronierendem Gutsbesitzer, Hochstapler, Prahlhans und Schürzenjäger Maga Lump, hatte Lump geschlechtliche Annäherungsversuche an die drei schönen jungen Musen gerichtet, http://ernstjmeyer.ddns.net/kroetenrettung Zeile (1138) war, als als man ihn abwies, (1298) zornig geworden (1537), und hatte den dreien und ihren zwei männlichen menschlichen Begleitern zerquetschte Kröten in die Gesichter geschleudert (1542). Die beleidigten Musen werden dann durch die Gerechtigkeitsgöttin Dike gerächt, indem diese die Abänderung der gerichtlichen Kataster bewirkt (1747), und somit Lump seines Grundbesitzes enteignet. Diese Enteignung hatte einen Aufstand von Lumps Gefolgschaft zur Folge (2169), einen Bürgerkrieg welchen Dike nicht zu bewältigen vermochte. Apollo der zurat gezogen wurde (2295), befahl Ruhe als die erste Bürgerpflicht (2623), und bestimmte weiterhin, alle Beteiligten müssten sich hinfort als Schauspieler in einem Theaterstück betragen (2668). Die Vorlage aber, das Libretto, dieses Theaterstücks vermochte auch Apollo nicht zu entwerfen, denn dieser Gott war bekanntlich als Teilnehmer am Trojanischen Krieg durch seinen Verlass auf gerade die Vergeltungsethik belastet welche nicht nur einst Troja und Atreus Söhne zerstört hatte, sondern auch diesen Bürgerkrieg gestiftet. Selbst Apollo war ratlos; nach einigem Zögern erklärte er sich bereit, Möchtegerns Überlegungen anzuhören. Möchtegern macht den Vorschlag, dass außer, und im Gegensatz zur Vergeltungsethik welche auf Recht und Unrecht, auf Gut und Böse fußt, eine zweite, eine Verstehens- oder Verständnisethik zu erwägen sei. Die Wirksamkeit dieser Verstehensethik beruhe auf grundsätzlicher Entidealisierung. Statt des Versuches die Welt nach vorgefassten Vorstellungen und Regeln zu richten, würde der Vermittler die Bedürfnisse der im Streit Liegenden verstehen, begreifen, und nach Möglichkeit miteinander vereinbaren. War übereinstimmen möglich, würde der Vermittler die Übereinstimmung einleiten; wo nicht würde er einen Vergleich, einen Mittelweg bestimmen der den Bedürfnissen der beiden Parteien genügen müsste. Möchtegerns Vorschlag wurde von allen Beteiligten genehmigt außer Maga Lump, der auf jedenfalls eine der Musen als Gattin bestand. Möchtegern wies darauf hin, dass Lump in der Opernsängerin Ursula Schönstimm über die denkbar großartigste Gattin verfügte. "Ja," sagte Lump, "dass stimmt, aber Ursula ist eine Frau ohne Schatten. Mit der werd ich versteinern." Da überredete Apoll Melpomene, sie möchte ihren eigenen großen, tiefen Schatten, des Nachts mit der schattenlosen Ursula teilen, Sie, Melpomene, würde sich begnügen Lump in der Verstehensethik die sie leidenschaftlich befürworte, zu unterweisen. Indessen würde Euterpe Baronin Krötenheim werden, und Erato würde "Haushälterin" für den alten sterbenden Möchtegern. Diese Lösungen fanden allgemeinen Beifall. Nicht nur die Kröten waren gerettet, sondern auch die Menschen, Lump, Krötenheim und Möchtegern. Vor allem aber die drei Göttinnen, Melpomene, Euterpe und Erato, denn ihnen war es nunmehr erspart in den Himmel zurückzukehren. Herzliche Hochsommergrüße an Sie beide. Jochen Meyer