am 11. Juli 2019 Mein liebes gutes Kind, Seit meinem letzten Brief vom 9.10.18, sind neun Monate und zwei Tage vergangen. Ich entnehme diese Tatsache meinen Rechnerkarteien, denn die 86 Briefe mit denen ich mich vor einem Jahr an Deinen Namen wendete, hatte ich völlig vergessen. Ich bin zu alt, heute sind's zwei Wochen nach meinem 89. Geburtstag. Mein Kopf behält nichts mehr, und meine Gedanken gehen besonders an diesem Morgen durcheinander. Mit diesem Brief an Dich hoffe ich sie einigermäßen zu richten. Ein Gedanke, den ich nicht vergessen möchte, betrifft das Bestehen eines Gesellschaftslebens das dem Körperleben parallel und doch nicht unbedingt gleichzeitig abläuft. Frage mich ob ich vielleicht, ebenso wie geschlechtlich, gesellschaftlich schon gestorben bin; und dass es mit deshalb erlaubt sein möchte, das Inwendige nach außen zu kehren. Diese Vorstellung richtet sich ins Besondere auf die Veröffentlichung meiner Schriften - oder sollte es heißen meiner Schreibereien, dieses nach außen kehren der Seelentaschen, Kundgebungen welche unter Lebenden als unanständig gelten oder gelten sollten, vergleichbar mit der Veröffentlichung von psychoanalytischen Urkunden, die wenn ich es richtig verstehe, bei Lebzeiten des Opfers unerlaubt sind, nach dessen Tod aber belanglos - oder vielleicht sogar rühmlich. Lass mich dies Frage umkehren: Ist die öffentliche Bekanntmachung von Seelengeheimnissen unter allen Umständen, auch nach dem Tode des Opfers unanständig? wie etwa Dein Briefwechsel mit Leo Hameson? Ist das Verlautbaren des Verschwiegenen (auch) nach dem Tode unerlaubt, oder besonders dann, weil es dem Verstorbenen unmöglich ist sich zu wehen. De mortuis nil nisi bonum ... Wäre das Verschweigen, oder das Enthüllen des Verschwiegenen, sei es bei Lebzeiten, inter vivos, nach dem Tode sei es post mortem, des Helden oder des Opfers zu feiern und zu loben, oder zu verschmähen und zu verbieten? Das sind viele Fragen wozu mir die Antworten fehlen. Vorerst aber wage ich zu vermuten, to surmise, das die Veröffentlichung von Seelengeheimnissen (welch eine Unmöglichkeit, welch ein Widerspruch!) als Einübung ins Sterben verstanden sein müsste. Ist nicht nach dem Tode die Veröffentlichung der Seelengeheimnisse zugleich unmöglich, und vielleicht deshalb erlaubt? Bitte entschuldige mir, dass ich Dir dies Durcheinander offenbare, oder auch nur versuche es Dir mitzuteilen, aber wem sonst? Da ist kein anderer der es hören will und der es verstehen kann außer Dir. Ein anderes Thema, metabasis eis allo genos. Das Ergebnis, die Folgen, der Sinn meines fortwährenden und kaum unterbrochenen Denkens, so scheint mir, ist den Geist, das Gemüt, das Gehirn zu stärken um den ganzen Menschen zu stärken, um sich zu stärken und letzten Endes sich selbst zu ermöglichen. Vergleichbar, zum Beispiel mit dem Sport, mit Schwimmen, mit (Dauer)laufen, mit Turnen, Gymnastik, (Kalisthenics). Mein Denken ist nicht nur Ausdruck meiner selbst, es hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Mein Denken hat mich, for better or worse, mit allen Vor- und Nachteilen, zu dem gemacht der ich geworden bin. es hat mir mein Leben ermöglicht. Diese Fragen erscheinen mir in einem anderen Licht wenn ich die Sänger und Sängerinnen der Opern bedenke, wie ich sie mir in den vergangenen Wochen im Internet angeschaut habe; ins besondere Beethovens Fidelio, Arabella und Ariadne mit dem Text von Hofmannthal und der Musik von Richard Strauss. Diese Männer und Frauen die um das anwesende Volk zu unterhalten sich anstellen auf einer Bühne ihre innigsten Gefühle öffentlich vorzuzeigen, je täuschender desto überzeugender. Wären nicht jedes Theaterstück, jede Opernaufführung Erklärung und Rechtfertigung für die Veröffentlichung, zum Beispiel, der Korrespondenz zwischen uns, die wir miteinander aufrichtig und ehrlich gewesen sind, mit aller Mühe uns nicht zu täuschen oder zu belügen. Überleg einmal die Unterschiedlichkeiten zwischen dem Einzelnen der versucht zur eigenen Erbauung und Verwirklichung sein Erleben darzustellen und dem Dichter der die allermenschlichsten Konflickte beschreibt, oder dem Schauspieler oder der Schauspielerin die den Einfällen des Dichters ein Maß überzeugenden Anscheins geben. oder dem Sänger oder der Sängerin welche den Künsten des Dichters und des Tonsetzers die eigene Kunst des Singens hinzufügt. Wie viele Männer sind nicht auf irgendeiner Bühne mit gewaltiger Überzeugungskraft von Gundula Janowitz, von Bernarda Fink oder ihresgleichen umarmt und geküsst worden? Wenn derartige Bühnentäuschung annehmbar ist, warum sollte der naive, schlichte Bericht meines eienen Erlebens verpönt sein? Da gibt es viele Fragen auf welche mir die Antwort entgeht.