Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Ich beantworte ihn umgehend, weil mein Gedãchtnis so löchrig ist dass vieles zur Kenntnis Genommene alsbald verloren geht. Bei Euch, in Kierspe steht das Thermometer auf 12; ich hoffe Ihr erholt Euch von der Hitze und schlaft gut; bei uns in Belmont ist's 27, und wenn's zur Schlafenszeit nicht kühler geworden ist, schalte ich die Zentralkühlanlage an, die ich vor Jahren einbaute, und die die vier oberen Zimmer des Anbaus mit kühler, trockener Luft versorgt. Es ist mir unmöglich, der ich mich hier in Amerika so wunderbar bevorteilt fühle, das erbetene Klagelied über die Auswanderung zu verfassen, Nicht dass ich mich je hier zuhause befunden hätte, aber wo sonst wäre mir Margaret begegnet? Die Heimat so scheint mir, wird nicht selten zum Gefängnis, dem zu entkommen ein nicht zu verschmähender Segen bedeutet. Autobiographie ist mir ein interessantes Thema dem gerecht zu werden mir nie gelingen wollte. In meinem Bücherschrank stehen, fast nie geöffnet, seit mehr als fünfzig Jahren, verschiedene bäuchige Bände der Geschichte der Autobiographie von Georg Misch, dem Schwiegersohn Wilhelm Diltheys. Es ist mir unmöglich die eigene "Geschichte" zu erzählen; denn Geschichte ist Mythos, und Mythos ist der Todfeind der Wahrheit und des Lebens. Ich bedarf keiner Autobiographie. Mein Leben ist mein Schreiben. Das ist den 3,2 Milliarden Mitgliedern des Internets jederzeit kostenlos zugänglich. http://ernstjmeyer.ddns.net Jedes Sonett ist ein Echo meiner Gedanken'und Gefühle. Jede meiner Romangestalten ist ein gebrochenes Spiegelbild meiner selbst. Dass diese vielen möglichen Leser etwas besseres zu tun haben als meine Gedanken nachzudenken und meine Gefühle nachzufühlen, hat mein vollstes Verständnis. Auch ich hätte besseres zu tun. Dass die meisten von ihnen geistig-seelische Analphabeten sind, die nie zu lesen gelernt haben, ist nicht meine Schuld. An meinem Lebensabend ist's nicht mehr notwendig verstanden zu werden, wenn mir nur gegönnt ist, zu verstehen. Gleichfalls ist's nicht mehr notwendig geliebt zu werden, wenn nur mir die Fähigkeit und die Gelegenheit gewährt ist, zu lieben. Ich komme mir vor wie Eulenspiegel in Auerbachs Keller, und sende Euch weitere Hochsommergrüße. Euer Jochen