Lieber Jochen, danke für Deinen langen Brief mit den Gedanken zu Leben und Schreiben und Verstandenwerden - oder nicht. . Du hast Dir so etwas wie ein zweites Leben durch Schreiben aufgebaut, in der Hoffnung, verstanden zu werden, und das ist nicht recht gelungen. Ich erinnere mich, dass ich Dich mehrmals gebeten hatte, Deine Erlebnisse aufzuschreiben - sie sind so sehr interessant und bewegend und für viele Menschen ein wichtiger Beitrag zum Verständnis des unendlichen Problems Vertreibung, Exil, Leiden, Heimweh, Einsamkeit. Bestimmt hättest Du Deine Gedanken und Gefühle vielfach daran anknüpfen können, wenigstens manche. Ich finde nach wie vor, dass Du vielen popentiellen Lesenr ein wichtiges Geschichte vorenthältst. Du aber fandest das "nicht der Mühe wert", wie Du schreibst. Fast könnte man beleidigt sein! Erstaunlich finde ich, dass Klemens sich nicht interessiert für das, was Du schreibst, und Margaret auch nicht. Ich hätte gedacht, dass wenigstens Nathaniel Dein getreuer Wegbegleiter sein würde - das war er doch lange Zeit, oder nicht? Das Leben ist kompliziert und oft enttäuschend. In 50 Jahren werden sich vielleicht viele um Deine Werke reißen bzw. sie unbedingt lesen wollen. Aber vom Nachruhm hat man ja nichts mehr. Deinen Überlegungen über frühes oder spätes Sterben kann ich voll zustimmen. Aber letzten Endes ist das Leben das einzig Gewisse. Selbst unsere schon öfter erwähnte Freundin, die gerade 93 geworden ist und immer öfter sagt, nun müsse man "da oben" endlich ein Einsehen haben und ein Ende machen, ruft nach Hilfe, wenn es ihr sehr schlecht geht, und war neulich froh, dass es zur Abwechslung mal wieder aufwärts ging. Wenn man doch einfach im Schlaf sterben könnte! Solche und viele ähnliche Gedanken beschäftigen mich vor allem nachts. Tagsüber gibt uns der Garten, in dem Monat unserer Abwesenheit enorm in alle Richtungen gewachsen, hinreichend zu tun. Dazu kommt die beängstigende Trockenheit. Sogar die würdigen alten Eichen an unserer Grenze werfen ihre Blätter ab, Sträucher zeigen vertrocknete Zweige; der Boden ist in mindestens 30 cm Tiefe ganz trocken. Wir fangen an, die Eichen gründlich zu wässern und alle offensichtlich bedürftigen Pflanzen im Garten zu gießen oder mit dem Schlauch zu bearbeiten. Dabei gibt es kaum Insekten, wie bereits beklagt, und mir ist ein Rätsel, womit die Kohlmeisen ihre Jungen in dem Nistkasten an der Terrasse füttern. Man sieht kaum einen Schmetterling, keine Raupe, keinen Käfer, keine Blattläuse. Einzig, und zu unserer großen,freudigen Überraschung, mindestens 12 rot-schwarze Streifenwanzen, die wir aus Frankreich und vielen Gegenden Deutschlands kennen und die kurz vor unserem Umzug nach Herford an Doldenblütlern im Garten auftauchten, aber bei unserem Rück-Zug verschwunden waren, wohnen und speisen seit kurzem auf den Dolden der Engelwurz. Große Begeisterung! Hoffentlich kein Mmeisenfuttter. - Gerade versucht ein Schmetterling die Küchentür von außen zu durchbrechen, und noch gerader hat ihn anscheinend die mütterliche oder väterliche Kohlmeise für ihre immerfort piepsenden Jungen erwischt. Die wenigen aktiven Mitglieder des BUND Kierspe haben ein 40 Jahre unbearbeitetes Wiesenstück zum Sich-Austoben zur Verfügung gestellt bekommen, wir haben es im Frühjahr heftig bearbeitet und Anfang Mai unter Hagel-und Schneeschauern mit allerlei insektenfreundlichen Blumensamenmischungen eingesät. Die Kälte im Mai verhinderte längere Zeit eine Entwicklung der Samen, dann rührte sich etwas, einiges fing an zu blühen, Senf und Phacelia, jetzt fangen die Kornblumen an und der allererste mickrige Mohn, aber die Not ist groß, denn es mangelt mächtig an Wasser. Ein Mitglied, ein junger Bauer, hat einen Güllewagen, gefüllt mit Regenwasser (wohl aus einer Zisterne) herangeschafft, ein kundiger Nachbar konnte dem Wagen Wasser entlocken, nachdem Schuhe und Hose klatschnass geworden waren, und nun haben wir mehrmals Wasser herausgelockt, eine darunter stehende Wanne vollaufenlassen, G ießkannen gefüllt und gegossen, gegossen, ziemlich endlos. Auf einer Fläche von geschätzten 80 qm verteilt sich das erschreckend schnell. Heue abend geht es weiter. Bisher haben aber kaum irgendwelche Falter oder Bienen oder... davon Kenntnis genommen. Eine hübsche Begebenheit aus Frankreich möchte ich Dir unbedingt erzählen: Wir entdeckten während der Zeit bei meinem Vetter ein sehr schönes altes Dorf mit traditionellen Steinhäusern und wunderbaren blühenden Rosmarin-und amnderen Büschen und märchenhaft meterlang herabhängenden Rosen. Auf dem Rückweg zum Auto, während wir begeistert schwärmten, sprach uns über die Gartenmauer ein jüngerer Mann auf Deutsch an (er war 44, wie er später bemerkte). Er habe gehärt, dass wir Deutsch sprachen, und würde gern sein Deutsch ein wenig trainieren. Dagegen hatten wir nichts einzuwenden, und er erzählte, er habe 10 im Ausland gearbeitet, darunter länger in Köln und Berlin, war auch in Regensburg, weil er aus Clèrmont-Ferrand stamme, und das ist städtepartnerschaftlich verbunden mit Regensburg. Wir hatten viele Berührungspunkte, sein Deutsch war gut, der ganze Mensch sehr sympathisch, und so plauderten wir eine ganze Weile. Und: Er liebe die deutsche Sprache auch deswegen, weil sie ihm ein Lebensziel gebe: sich immer mehr in ihr zu vervollkommnen. Hat man das schon mal gehört? Er war schon gut darin. "Die Schachnovelle" habe er gelesen. Er wirkte überzeugend. Wir verabschiedeten uns mit Handschlag und Nennung unserer gegenseitigen Vornamen. Jetzt werde ich mich wieder nach freien Plätzchen im Garten umtun - ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, außer ich rode irgendwo - , denn seit einer Woche warten ein Lavendel und zwei Rosen, Geschenke von wohlmeinenden Freundinnen, suf Erlösung aus ihren Töpfchen. Alles ist schon besetzt! Und ich habe schon so viel ausgerissen und abgeschnitten, der Vernunft folgend. Gärtner-Probleme. Immer mal wieder muss etwas weichen, was man schließlich auch geliebt hat, umd anderes, Neues, auch Geliebtes dem dauerhaften Leben hier zuzuführen. Solch eine Entscheidung kann wochenlang brauchen, bis sie reif wird. Na, dann also! Wie ist es eigentlich mit den sommerlichen Temperaturen im Obergeschoss Deines schönen Hauses? Wir können unser Obergeschoss bei starker Hitze nicht bewohnen, lasssen dsnn nachts die Tür zum Balkon offen, und dann kühlt es ganz gut durch. Bis die Sonne kommt. Habe gute Gedanken, wünschen Dir herzlich Deine Gertraud und Bernd.