am 25. Juni 2019 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief, für die Großzügigkeit mit der Ihr mich wieder einmal in eine neue Landschaft eingeführt habt, - wie vor etwa fünfundzwanzig Jahren, nach Regensburg, in die Oberpfalz, - und wenn es dieses Mal eine briefliche Einführung war, so gilt sie mir, dessen Erleben in so hohem Maße gedanklich und schriftlich ist, kaum weniger als eine ermüdende Reise auf der Autobahn, mit dem gewaltigen Unterschied, zwischen dem was ich mit 89 Jahren mit eignen Augen sehe, das sehr bald in Vergessenheit untergeht, und dem aufgehobenen Brief, der immer und immer wieder einlädt zum Lesen und somit zum Erfrischen der durstigen Phantasie. Ein nüchterner Beobachter würde feststellen, dass mein Gehen, jetzt meist an zwei Stöcken, zunehmend beschwerlicher geworden ist. Es gelingt mir aber noch immer die große Wendeltreppe hier im Hause, wenn ich mich am Geländer hochziehe, hinauf zu klettern, und hinab zu steigen, wenn ich mich vorsichtig am Geländer festhalte. Bis jetzt bin ich noch nicht gefallen. Meine gemäß dem Bundesfinanzamt vorauszusehende Lebensdauer erstreckt sich auf vier Jahre und vier Monate, das heißt im Oktober 2023, werden nur beängstigend wenig, fünfzig von hundert, Menschen in meinem Alter schließlich gestorben sein. Von den anderen Fünfzig leben manche noch viel, viel zu viele Jahre länger. Die Sorge die mich kümmert ist nicht das zu frühe, sondern das zu späte Sterben. Auf diese Frage des zeitgerechten Sterbens hat Bach mit seiner Kantate #106, Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit, eine wunderbare musikalische Antwort angeboten, eine musikalische Antwort der ich zu enthören meine, dass es eine außermusikalische Antwort nicht gibt. Mein äußeres Reisen ist heutzutage auf die kurzen Autofahrten, zwei oder drei Mal im Monat zum Lebensmittelgeschäft beschränkt. Umso weiter und verzweigter sind die inneren Reisen des Denkens in den Räumen der Vorstellung, so vielfältig und weitläufig, dass ein vollständiger Bericht unmöglich wäre. Aber eine einzelne einschlägige (vermeitliche) Entdeckung über Sinn und Bedeutung des Schreibens wäre vielleicht mitzuteiten. Als ich vor siebzig Jahren den besonnen Anfang machte, mein Denken und Fühlen regelmäßig und systematisch zu beschreiben, meinte ich Urkunden zu erstellen welche als Brücken des gegenseitigen Verstehens dienen würden. Dies ist nie geschehen. Klemens hat sich mit dem was ich schrieb nie aufgehalten. Auch Margaret nicht, ohne dass ihre Gleichgültigkeit gegen meine schriftlichen Bemühungen unsere Beziehung beeinträchtigt hätte. Mein verstorbener Jugendfreund Helmut Frielinghaus, berufsmäßiger Verleger, hat mir seinerzeit geraten zu beschreiben, nicht was ich im Kopf habe oder was mir auf dem Herzen lastet, sondern was die deutschen Zeitgenossen zu lesen verlangen. Das schien mir nicht der Mühe wert. So hab' ich mich im Verlauf der Jahre bewusst und absichtlich tiefer und tiefer in die Abgeschiedenheit hineingeschrieben, ein Ort wo ich mich zufrieden und keineswegs einsam fühle. Jedoch, Briefen die ich von diesem Ort absende, gebührt die Unterschrieft "Eulenspiegel." Dennoch sende ich Euch beiden herzliche Hochsommergrüße, von denen ich nur wünschen kann dass sie auf die Temperatur der Luft abkühlend wirken möchten. Euer Jochen