Weil es mir nicht klar ist ob ich Dir in deutscher oder englischer Sprache schreiben sollte, beabsichtige ich zwei Briefe, diesen Ersten auf Deutsch, und vielleicht hinterher einen Zweiten auf Englisch. Die Vorstellung, dass es wünschenswert, vielleicht sogar notwendig wäre, all meinen Gedanken und Gefühlen sprachlichen Ausdruck zu geben, stammt, wie ich so oft erwähnt habe, aus meiner Kindheit mit den sich Tag für Tag fortsetzenden Gesprächen mit welchen meine Eltern, meine Schwester und ich uns mit - nein, nicht mit, sondern gegen einander "auseinander" setzten. Es ist mir heute offenbar dass solche "Auseinandersetzungen" die Teilnehmer auf der Ebene des Worts und des Geistes mit einander verbanden, manchmal aber, auf der Ebene der Gefühle und der Seele, sie unverbrüchlich von einander trennten. Mommy und ich hatten in den siebzig Jahren (1946-2015) unseres Zusammenseins nur eine einzige "Auseinandersetzung", vom 8. bis 19. Januar 1950, die brieflich beurkundet wurde, die ich Dir als Anhang zu diesem Brief zur Verfügung stelle, um Dir die Gelegenheit zu geben Dich mit meinem Denken und Fühlen, und somit der Welt in der Du aufgewachsen bist, vertraut zu machen, insofern Du es möchtest. Es ist keineswegs meine Absicht mich mit dem Vorweis dieser Briefe bei Dir in ein besseres Licht zu setzen. Im Gegenteil es scheint mir durchaus möglich, dass was ich damals dachte, fühlte und an Mommy brieflich mitteilte, Dich ärgern, wenn nicht gar empören, und mein Wesen in Deinen Augen herabsetzen wird. Auch klage ich nicht. Ich hoffe sehr dass meine Geständnisse Dir die Welt der Du entsprossen bist ein wenig verständlicher machen, und somit Dir die Anpassung an die Welt wo Du lebst, ein wenig erleichtern. Wie Du weißt, hat mein Bedürfnis der engen Beziehung zu den Menschen in meiner Nähe als ich jung war, seinen Ausdruck in einer lähmenden Trennungsangst von meinen Eltern gehabt. Wieviel der Monat im Sommer 1931 in der Obhut meiner väterlichen Großmutter zu dieser Trennungsangst beigetragen hat, weiß ich nicht, besinne mich aber auf Ausführungen meiner Mutter, dass auch sie als junge Frau eine Innigkeit von Beziehungen innerhalb der Familie beansprucht hatte welche von ihren Freundinnen als seelische Inzucht (incest) gerügt wurde. Schon in den Briefen die ich im Herbst 1949 an Mommy schrieb, zitiere ich den Vorsokratiker Anaximander, der behauptet haben soll: „(Woraus aber für das Seiende das Entstehen ist, dahinein erfolgt auch ihr Vergehen) gemäß der Notwendigkeit; denn sie schaffen einander Ausgleich und zahlen Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Ordnung der Zeit.“ Diesem Ausspruch entspricht meine lebenslange Überzeugung das jegliche Existenz mit "Ungerechtigkeit" behaftet ist, mit einer Schuld die irgendwie beglichen werden sollte. Aber wie? Ich frage mich ob nicht vielleicht das herkömmlichen Bekenntnis "mea culpa" einen unüberwindbaren Widerspruch verbirgt. Wenn Schuld und Existenz untrennbar sind, dann wäre das vermeintliche Abtragen von Schuld, eine Unmöglichkeit, ein Widerspruch insofern die Tilgung der Schuld (durch Bekenntnis) unvermeidlich die Tilgung des existierenden Bekennenden nach sich zöge. Was Deine Unzufriedenheit mit meinem Wesen betrifft, so rechne ich die Schuld dafür mir selber an, nämlich dass mein Bedürfnis einer unverbrüchlich engen Beziehung, Dir die notwendige geistes-seelische Freiheit Dich zu Deinem Selbstsein zu entwickeln verbaut hat. (Fortsetzung auf Englisch folgt (vielleicht).)