am 2. Juni 2019 Lieber Jürgen, Seit Deinem letzten Brief vor einigen Wochen, hab ich fast täglich an Dich und Dein Leben gedacht, und überlegt wie und was ich Dir antworten möchte. Die 22. Rosenland Ausgabe die sich inzwischen meldete, wirkt wie ein erweitertes Schreiben von Dir an mich das mir erzählt was Du denkst, was Du fühlst, und wenn es nicht anmaßend von mir ist es zu schreiben, wer Du bist. Zuerst hab ich Deine Rezension von H.-J. Keil's Neumann-Hofer Biografie gelesen und dann deinen großen Aufsatz "Auf verlorenem Posten. Der Detmolder Centralverein und der jüdische Abwehrkampf gegen den Antisemitismus 1918 bis 1933". Am 27. dieses Monats werde ich 89 Jahre alt, und ich will es gestehen, die von Dir so gewissenhaft und liebevoll zusammengestellten Einzelheiten vermag mein Gedächtnis nicht zu behalten; aber unverkennbar ist mir die edle Leidenschaft die Dich drängt das Böse das gewesen ist, - und dass uns leider mit seiner möglichen Wiederkehr von Woche zu Woche bedroht und beängstigt, - unvergesslich zu machen. Erlaube mir, dass ich Dir dafür danke. Wie ich verschiedentlich erwähnte, hege ich in Beziehung zu meinem Schicksal, Gefühle der Schuld. Schuld, dass ich überhaubt überlebt habe, Schuld dass sie mich nicht in Dachau oder Buchenwald ermordet haben, Schuld dass ich mich weder als Juden noch als Christen, weder als Deutscher noch als Amerikaner zu betrachten vermag, Schuld dass ich im eigentlichen Sinne nicht nur religionslos und staatlos bin, sondern vielleicht sogar gesellschaftslos. In Anbetracht der allgemeinen Obdachlosigkeit, muss ich mich schämen, dass die drei geräumigen Häuser die mir zur Verfügung stehen, in Belmont, auf Nantucket, und in Virginia, mit insgesamt 12 Badezimmern und etwa 18 Schlafzimmern leer stehen, abgesehen von mir, weil mein Wesen keinem Menschen (einbeschlossen meiner Familie) erträglich ist. Es wird nicht mehr lange dauern. Laut der offiziellen Statistik, stehen mir (nur) noch 4 Jahre und 4 Monate in Erwartung. Das ist der Zeitpunkt wo von hundert Menschen in meinem Alter, fünfzig gestorben sind. Ich weiß nicht, sollte ich mich freuen, dass das Meiste hinter mir liegt? Sollte ich Angst haben, dass das Ärgste noch bevorsteht? Mein Rücken und meine Hüften sind in einem Maße verkrüppelt, dass ich nur an zwei Stöcken und mit Mühe zu gehen vermag. Aber das Schreiben bedarf kein Wandern. Dieweil mein Geist klar ist fahre ich fort zu schreiben, von morgens bis abends. Wenn mein Geist nicht mehr klar ist, werde ich gleichfalls, eben deshalb, von morgens bis abends zu schreiben fortfahren. Was Du berichtest fordert Scharfsinn und Genauigkeit. Mein Schreiben ist Phantasie, ist vielleicht schon an sich Zeugnis von Geistesschwäche. Vor einigen Wochen schickte mir eine deutsche Freundin, Gertraud Strangfeld im Sauerland, die Tochter meines Grundschullehrers in Braunschweig, Walter Hirsekorn, eine Beschreibung der Krötenrettungsbemühungen der NABU, woran Gertraud und ihr Mann sich beteiligen. Nicht nur Kröten! Es gibt doch unzählige rettungsbedürftige Lebewesen auf dieser Erde. Die Vorstellung dass wir alle, fast wie Kröten, rettungsbedürftig sein möchten bewog mich zu dem Versuch ein Schauspiel, "Krötenrettung", zu schreiben; ob nun ein Opernlibretto, ein Theaterstück, oder ein Lesedrama mag dahin gestellt bleiben, denn, gesellschaftslos wie ich nun einmal bin, wird es keine Leser bekommen, außer mir selber. Mir aber von großem Wert, denn mit den Personen die ich erfinde, vermag ich mich endlich zu unterhalten. Sie beheben die Einsamkeit und verkürzen das langsame Sterben ohne mir die Zügellosigkeit der Gefühle, die Hemmungslosigkeit der Gedanken. übel zu nehmen. Hoffentlich auch Du nicht. Sei herzlich gegrüßt. Dein Jochen