Subject: am 22. Mai 2019 From: Ernst Meyer To: nihoni@icloud.com Date: Wed, 22 May 2019 21:44:54 -0400 Lieber Herr Nielsen,  Die Umstände bewirkten eine Zäsur in den Phantasieausschweifungen die ich Tag für Tag in das Krötenrettungslibretto fließen ließ, weil ein mir jahrelang bekannter Zimmermann, namens Timothy LeBlanc, sich arbeitlos befand und deshalb bereit war die längst überfälligen Reparaturen an diesem großen vernachlässigten Haus zu unternehmen. Hinzu kam die Bitte meines Sohnes ich möchte erneut die Verantwortung für die Fertigstellung unseres Hauses auf der Insel Nantucket übernehmen. Diese Ablenkungen verursachten unvermeidlich Störungen im Rhythmus von Fühlen und Denken der für die Fortsetzung des Librettos über Krötenrettung unerlässlich ist. Ich bekenne dass ich ursprünglich nicht einmal wusste was eine Kröte ist.  Eh ich mich vom Internet aufklären ließ, meinte ich es handele sich um Schildkröten.  Als ich dann erfuhr, dass man "Kröte" ins Englische als "toad" übersetzt, wurde mir klar, dass es auch an meinem Verständnis dieses mir seit Kindheit geläufigen englischen Ausdrucks, "toad", haperte, insofern ich gemeint hatte, "toad" wäre bedeutungsgleich mit "frog".  Dann erlernte ich das Gegenteil, dass der Begriff Kröte eine Gattung bezeichnet welche weltweit mit 600 verschiedenen Krötenarten vertreten ist, so dass ich mir nun einen Gelehrtenschwarm vorstellen muss, der irgendwo, vielleicht an einer Universität, oder in einem naturhistorischen Museum sein Zuhause hat, dessen krötenkundige Mitglieder die sechshundert Krötenarten mit hinlänglicher Gewissheit zu unterscheiden vermögen, indessen es vermutlich den Tierchen die in die erwähnten Rettungseimer purzelten gleichgültig war, mit welchem Linnaeusnamen sie sich ihren Rettern vorstellten.  Erinnerte mich an meine Namensverwandten, Ernst und Margaret Mayr, die jahrelang meine Patienten waren. Ich wurde zuerst auf Ernst Mayr aufmerksam, weil Telephonate meist aus Europa, an ihn, den Weltberühmten, von den Universitätstelephonistinnen regelmäßig und verfehlt an mich den Unbedeutenden überwiesen wurden. Ernst Mayr war ein bekannter erfolgreicher Zoologe an der hiesigen Universität, der als Hauptvertreter der "modernen synthetischen Evolutionstheorie" gilt. Schließlich wurden er und seine Frau meine Patienten. Meine Geringschätzung der medizinischen Wissenschaft entsprach auch seinen Vorstellungen und war das Geistesband das uns verknüpfte.  Nachdem seine Frau Margaret gestorben war, übersiedelte Ernst Mayr in ein Altersheim, wohin er meine Frau und mich eines Tages zum Abendessen einlud.  Er war sichtlich einsam.  Die Unterhaltung zwischen uns versagte, weil ich bei weitem zu unbewandert in seinem Spezialfach war, und deshalb vor dem Weltruhm den er genoss keine Vorstellung zu haben vermochte. Mein argloser Zweifel an darwinistischer Dogmatik verblüffte ihn.  Auch war er müde. Er wurde hundert Jahre alt, und starb einige Monate später, aber wohl kaum an seiner Enttäuschung von mir.  Ich hoffe sehr, dass ich es nicht so lange auszuhalten brauche. Es ist gewiss bezeichnend für die Leichtfertigkeit meines Denkens, dass ich die von berufsmäßigen Biologen so emsig gepflegte Namenskunde, von welcher auch meine Frau ein wenig bezaubert war, in dem Sinne in dem sich der Name als Wirklichkeitsindex einer vermutlich objektiv wahrnehmbaren Natur aufdrängt, nicht ernst zu nehmen vermag.  Da halte ich es mit Juliet, die, wie allgemein bekannt, bemerkte "A name, what's in a name? A rose by any other name would smell as sweet." Umso mehr überzeugt mich die Vermutung dass unser Benennen der erstaunlichen Erscheinungen in unserer Welt ein Merkmal unserer Vergesellschaftung ist mittels dessen wir die uns jeweils eigenen Erfahrungen als gegenständlich und objektiv, und somit gemeinsam, zu bestätigen suchen.  Ich möchte der erste sein, der darauf hinweist, dass ich mich für dies Abgleiten ins Theoretische entschuldigen sollte, wenngleich es nicht so anmaßend ist wie eine Einladung sämtliche 40 Seiten meines Entwurfs zu einem Opernlibretto "Krötenrettung" zu lesen.  Bei diesen Schreibübungen wird mir klar, dass ein Opernlibretto erst zwingend wird durch die Musik, und nur durch die Musik, weswegen die Aufstellung eines triftigen Opernlibrettos als eine Kleinigkeit erscheint.  So wird sogar der  banale Text zur "Entführung" durch Mozarts Musik und durch die Stimmen begnadeter Sänger verzaubert.  Dementsprechend erscheinen viele Operntexte in Abwesenheit der Musik, belanglos. Ähnliches scheint mir auch, in geringerem Maße, für Theatertexte zu gelten, die völlig erblühen erst wenn sie auf der Bühne von begabten Schaupielern deklamiert werden. Ganz selbständig und selbstverständlich erscheinen nur die sogenannten Lesedramen (closet dramas) deren Wirkung keiner Musik und keiner prima donna bedarf, sodern lediglich des Lesers Einbildungskraft und Verständnis.  Obgleich ich mir das Bühnenstück womit ich gegenwärtig dilletiere ursprünglich als Opernlibretto vorstellte, bin ich geneigt, wegen des unvermeidlichen Unbeteiligtseins an seiner Wirkung von Komponist, Regisseur und Sänger, es als ein "Lesedrama" zu bearbeiten.  Da habe ich, anmaßend wie immer, an Goethes Faust ein  vortreffliches Muster, wie er seinen Helden "mit bedächtger Schnelle" durch die Welt, die Hölle vermeidend, in den Himmel wandeln ließ. Die Kröten sind Sinnbilder für die Menschen und ihr Geschick.  Ich empfinde die Schicksale der Kröten als menschlich, und die Schicksale der Menschen als krötenhaft. Das Thema Krötenrettung bietet viele Entfaltungsmöglichkeiten mit denen sich mein Lebensabend schmücken lässt. Herzliche Sommergrüße and Sie beide. Jochen Meyer