Lieber Herr Nielsen, Heute morgen hab ich das Thema Entidealisierung ein weiteres Mal ausgegraben. Als Nachtrag zu den Ausführungen in meinem letzten Brief, ist mir das Libretto von Fidelio eingefallen. Als ich mir vor zwei Abenden die Internetaufführung von der Wiener Staatsoper, - mit Leonard Bernstein als Dirigent und Gundula Janowitz als Leonore - anschaute und anhörte, da meinte ich mich bei der Überwindung des teuflischen Pizzaros durch die erzengelhafte Fidelio auf die Hochburg des edelsten Idealismus geführt, an jenen Ort wo mir nichts übrig blieb als den Geist meines verstorbenen Vaters wegen der Schablone von unbarmherzigen Zynismus meiner "Krötenrettung" um Vergebung zu bitten. Da befand ich mich plötzlich in Erinnerung an den Besuch, 1992, mit meiner Frau, auf der Wartburg, genau an jenem Tisch wo Luther den Anfang seiner Übersetzung des Neuen Testaments gemacht haben soll. Zu unseren Füßen sah ich die verschlossene Luke in das tiefe schwarze Verlies wo Bösewichte wie Florestan an Hunger und Kälte und Krankheit starben, ununterscheidbar von damals unter den Füßen des abtrünnigen glaubenssüchtigen Mönches, wie er die Heilige Schrift in die heilige Sprache übersetzte, ohne sich von den gequälten Menschen in seiner unmittelbaren Nähe ablenken zu lassen. Folgende "Unterhaltung" im Fidelio-Libretto (bis zum Terzett #5) wurde nicht vertont, und wird in den zeitgenössischen Aufführungen, weitgehend ausgelassen: ROCCO. Du weißt doch, daß ich den strengsten Befehl habe, niemanden, wer es auch sein mag, zu den Staatsgefangenen zu lassen. MARZELLINE. Es sind ihrer aber gar zu viele in dieser Festung. Du arbeitest dich ja zu Tode, lieber Vater. LEONORE. Sie hat recht, Meister Rocco. Man soll allerdings seine Schuldigkeit tun; Zärtlich. aber es ist doch auch erlaubt, mein ich, zuweilen daran zu denken, wie man sich für die, die uns angehören und lieben, ein bißchen schonen kann. Sie drückt eine seiner Hände in den ihrigen. MARZELLINE Roccos andere Hand an ihre Brust drückend. Man muß sich für seine Kinder zu erhalten suchen. ROCCO sieht beide gerührt an. Ja, ihr habt recht, diese schwere Arbeit würde mir doch endlich zuviel werden. Der Gouverneur ist zwar sehr streng, er muß mir aber doch erlauben, dich in die geheimen Kerker mit mir zu nehmen. Leonore macht eine heftige Gebärde der Freude. Indessen gibt es ein Gewölbe, in das ich dich wohl nie werde führen dürfen, obschon ich mich ganz auf dich verlassen kann. MARZELLINE. Vermutlich, wo der Gefangene sitzt, von dem du schon einige Male gesprochen hast? ROCCO. Du hast's erraten. LEONORE forschend. Ich glaube, es ist schon lange her, daß er gefangen ist? ROCCO. Es ist schon über zwei Jahre. LEONORE heftig. Zwei Jahre, sagt Ihr? Sich fassend. Er muß ein großer Verbrecher sein. ROCCO. Oder er muß große Feinde haben, das kommt ungefähr auf eins heraus. MARZELLINE. So hat man denn nie erfahren können, woher er ist und wie er heißt? ROCCO. O wie oft hat er mit mir von alledem reden wollen. LEONORE. Nun? ROCCO. Für unsereinen ist's aber am besten, so wenig Geheimnisse als möglich zu wissen, darum hab ich ihn auch nie angehört. Ich hätte mich verplappern können, und ihm hätte ich doch nicht genützt. Geheimnisvoll. Nun, er wird mich nicht lange mehr quälen. Es kann nicht mehr lange mit ihm dauern. LEONORE beiseite. Großer Gott! MARZELLINE. Lieber Himmel! Wie hat er denn eine so schwere Strafe verdient? ROCCO noch geheimnisvoller. Seit einem Monat schon muß ich auf Pizarros Befehl seine Portion immer kleiner machen. Jetzt hat er binnen vierundzwanzig Stunden nicht mehr als zwei Unzen schwarzes Brot und ein halb Maß Wasser; kein Licht als den Schein einer Lampe - kein Stroh mehr - nichts - MARZELLINE. O lieber Vater, führe Fidelio ja nicht zu ihm! Diesen Anblick könnte er nicht ertragen. LEONORE. Warum denn nicht? Ich habe Mut und Stärke! ROCCO sie auf die Schulter klopfend. Brav, mein Sohn, brav! Wenn ich dir erzählen wollte, wie ich anfangs in meinem Stande mit meinem Herzen zu kämpfen hatte! - Und ich war doch ein ganz anderer Kerl als du mit deiner feinen Haut und deinen weichen Händen. Nr. 5. Terzett ROCCO. Gut, Söhnchen, gut, Hab immer Mut, Dann wird dir's auch gelingen. Das Herz wird hart Durch Gegenwart Bei fürchterlichen Dingen. . . . . . . Verhungernd in den Ketten Ertrug er lange Pein, Ihn töten, heißt ihn retten, Der Dolch wird ihn befrein. ============== Soweit das Libretto, dessen Kern ist das Bekenntnis des Kerkermeisters: ROCCO. Für unsereinen ist's aber am besten, so wenig Geheimnisse als möglich zu wissen, darum hab ich ihn auch nie angehört. Ich hätte mich verplappern können, und ihm hätte ich doch nicht genützt. Geheimnisvoll. Nun, er wird mich nicht lange mehr quälen. Es kann nicht mehr lange mit ihm dauern. Am Ende erscheint es umgekehrt: Es ist das Opfer das den Quäler quält. Um dieser Qual zu entkommen, sucht sich der Quäler einen Sündenbock (Pizarro) dem alle Schuld zugeschrieben wird und dessen Opfer - Pizarro wird in der letzten Szene "abgeführt"- die Gesellschaft, "die Welt", bereinigen soll. Auch diese Vorgänge sind ein Schauspiel das sich immer und immer wieder wiederholt. Die Gesellschaft bedarf eine nie endende Reihe von Sündenböcken. Die dialektische Aufgabe im Bereich der Ethik welche die Krötenrettung an mich stellt ist vergleichbar mit der dialektischen Aufgabe im Bereich der Erkenntnis hinzuweisen auf den Beschluss, dass der "wahre" Glaube jener Zweifel ist, der auf die transzendentale Wirklichkeit weist. Vorbildlich ist mir da das 53. Jesajakapitel. Nebenbei bemerkt mögen Sie da aus diesem (und künftigen) Brief(en), den Einfluss meines neuen Deutschlehrers Hugo von Hofmannsthal erlesen, insofern als ich da versuche ihm Sätze nachzumachen wie etwa (aus dem Arabella Libretto): "Dann aber, wie ich Sie gespürt hab hier im Finstern stehn" oder "Das Glas da habe ich austrinken wollen ganz allein auf das Vergessen von dem Bösen, was gewesen ist ..." "und nicht denken mehr ... an das Ganze was da zwischen uns gewesen ist" oder "daß ich mich nicht erfrischen muß an einem Trunk:" Also, dass ich mich da nicht verabschieden muss ohne einen weiteren Maigruß an Sie beide. Jochen Meyer