Lieber Herr Nielsen, Seit Ihrem letzten Brief, wo Sie schrieben: "Unter anderen Umständen hätte ich mir vielleicht einmal eine Kooperation vorstellen können, d.h. einen Dramentext (und sei‘s ein Kurzdrama) mit Ihnen zu verfassen. Da wäre zu klären gewesen, ob es einen gemeinsamen mentalen Vorbehalt geben kann." bin ich mir bewusst, Ihrem großzügigen Vorschlag nicht gerecht geworden zu sein. Ich freue mich über alle Kritik, über alle Vorschläge betreffs was bei meinem Librettoversuch weggelassen, abgeändert, oder hinzugefügt werden möchte. Bitte fühlen Sie sich zu keiner Mitarbeit gedrängt, wie auch überhaupt zu keiner Antwort auf meine Briefe. Um Ihre Rechnerkarteien nicht zu überlasten, sehe ich davon ab, jedem meiner Briefe an Sie die jüngste Fassung der Krötenrettung beizufügen. Diese Texte sind Ihnen verfügbar als die erste Eintragung an meinem Netzort, der Ihnen unter der IP (Internet Protocol) Adresse 96.252.35.138 zugänglich ist. Wohlbemerkt ist dies eine "dynamische" Adresse die sich bei jeder Unterbrechung meiner Verbindung ans Internet ändert. Selbstverständlich, wenn es wünschenswert erschiene, würde ich Sie mit den Änderungen der Adresse auf dem Laufenden halten. Meine Beschäftigung mit Bühnendichtung rührt von den vielen verschiedenen Musikaufführungen welche mir im Internet zugänglich sind, mit denen ich mich ablenke - oder fortbilde - wenn ich zu müde zu eigenem Arbeiten bin. Was ich auf dem Bildschirm zu erkennen und mit den Kopfhörern zu verstehen vermag ist so unterschiedlich in den Gedanken und Stimmungen, im Stil der Musik und der Sprache, dass ich frage ob nicht die Bedeutung dieser Kunst aus der Aufführung, aus der Darstellung abzuleiten ist. Das Internet belehrt mich: "Im ersten Buch seines fünfbändigen Romans „Gargantua et Pantagruel“ (1523/64) schreibt François Rabelais: „L’appétit vient en mangeant.“ (Der Appetit kommt beim Essen.) Diese Wendung wurde in viele Sprachen übernommen." Ebenso scheint es mir, entspingt die Begeisterung für das Bühnenwerk nicht (nur) einer immanenten Qualität des Kunstwerks sondern in hohem Maße des Erlebens gestiftet von der Aufführung welche den Betrachter, wenn auch nur während einer beschränkten Zeitspanne, in Bann hält. Demgemäß bestünde der Wert eines Stückes in seiner Macht über das Bewusstsein nicht nur des einzelnen Hörers, sondern umso mehr in der Macht über das kommunale Bewusstseins der vereinigten Hörerschaft im Konzert. Aus diesen Erwägungen schließe ich zugleich die Hoffnungslosigkeit und die Ungebundenheit meiner Bemühungen um ein Libretto. Hoffnungslos weil ich unendlich weit vom Auffinden eines Komponisten entfernt bin. Ungebunden weil ich getrost sein kann, dass das unvermeidliche Versagen nicht dem Inhalt, sondern den gegebenen gesellschaftlichen Umständen anzurechnen ist. Daher die Freiheit niederzuschreiben was mir in den Sinn kommt, ohne Betracht auf einen "Erfolg" von dem ich weiß, dass er praktisch unvorstellbar ist. Die Frage die mich am lebhaftigsten beschäftigt, ist die in meinen Darstellungen inbegriffene Entidealisierung, die dialektische Verwandlung des nominell Maßgebenden, z.B. der Götterhaushalt als verworren, das täuschende Schauspiel als das wirkliche Leben, die rührselige Liebe für das geistig so unerreichbare Krötentum. Besinne mich auf meines Vaters eindringlichste Kritik als junger Mensch, ich sei zu negativ, auf Mephistos Selbstbekenntnis: Ich bin der Geist der stets verneint. Mir ist nicht zu helfen. Ganz am Anfang, hab ich behauptet, der Zweifel sei der wahre Glaube an die einzige, die transzendentale Wirklichkeit. Herzliche Grüße an sie beide. Jochen Meyer