Lieber Herr Nielsen, herzlichen Dank für beide Briefe. Bitte entschuldigen Sie die Verspätung meiner Antwort auf den ersten. Mein Zögern ergab sich aus dem Wunsch, Sie mit meinem langen und häufigen Schreiben nicht zu belästigen. Ihre freundlichen Bemerkungen zu meinem anmaßenden Versuch ein Libretto für eine Oper zu schreiben, hat mich in meinen Bemühungen wesentlich ermutigt. Ich hatte erwogen die Antwort auf Ihren ersten Brief aufzuschieben bis ich bereit war ihr eine vorläufige Fassung des Bühnentexts beizufügen. Heute bin ich noch nicht so weit. Ich hab ein ungeduldiges Gemüt das schon gestern verfertigt haben möchte was ich vielleicht erst in Wochen oder Monaten beenden werde, wenn überhaupt je. Als Anhang füge ich den Entwurf den ich von Tag zu Tag berichtige und ergänze. Ich vergegenwärtige mir die Unterschiede in einem weiten Bereich dramatischer Dichtungen, vom platonischen Gespräch zum Lesedrama (closet drama) zum Bühnenstück fürs Theater bis zum Opernlibretto, und bin mir bewusst wie das Krötenrettungsthema das ich mir ausgesucht habe, in viele Formen abgewandelt werden kann. Ich weiß, dass nur sehr wenige Leser sich für die von Albert Schweitzer beschriebene "philosophische" Problematik einer "Ehrfurcht vor dem Leben" interessieren werden. Ich weiß wie unwahrscheinlich es ist, dass es als Theaterstück jemals auf einer Bühne erschiene, weiß auch um wieviel unwahrscheinlicher, dass sich ein Komponist fände für den es der Mühe wert wäre was ich geschrieben habe zu vertonen. Dass mich diese Unwahrscheinlichkeiten weder enttäuschen noch betrüben, möchte als Symptom der besonderen Soziopsychopathologie gedeutet werden, welche mich nach 80 jährigem Exil noch immer unverbrüchlich an die deutsche Sprache fesselt. Schicksalhaft war meine Entscheidung im Jahre 1950, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Im Rückblick meine ich einzusehen, dass mein geistiges Leben in Deutschland nicht weniger einsam verlaufen wäre als in Amerika. Dabei scheint mir die Tatsache dass ich im Lauf der Jahre unempfindlich gegen die Einsamkeit geworden bin, ein teures Geschenk und ein großes Glück. Was der gegenwärtige Stand der Krötenrettung anbelangt, bemerke ich a) dass ich der Musen einleitende Bemerkungen über das Menschengeschlecht als vorläufig und veränderlich betrachte, b) dass die Auseinandersetzungen zwischen Lump und den Krötenrettern nicht, wie ursprünglich vorgesehen, von diesen, sondern von Lump eingeleitet werden, c) dass die Erscheinung der Musen unter den Menschen als Fleischwerden, als Incarnatio zu betrachten ist, und als solche nicht unbedingt Ausdruck nur geistiger Liebe. d) dass Lump (wie sein Vorbild) Schürzenjäger ist, dessen Leidenschaft zum Teil darin zum Ausdruck kommt dass er Leiter, tatsächlich Besitzer, eines Schönheitswettbewerbs ist, (beauty pageant) und dass er den Musen irdischen Erfolg verspricht wenn sie sich seinem Rat gemäß bewerben. e) dass er ihnen Einzelschlafzimmer mit Doppelbetten in seiner Villa zur Verfügung stellt, um somit Gelegenheit zu den innigsten Beziehungen zu schaffen. f) dass die Göttinnen es unterlassen auf Lumps Annäherungsversuche einzugehen, nicht wegen Mangel an Neigung, sondern wegen des Ausfallens behördlicher (olympischer) Genehmigung, g) dass Lump mit logisch-begrifflicher Folgerichtigkeit (Wahrheit) seiner Aussprüche (wie sein Vorbild) auf sehr schlechtem Fuße steht. (Gestern berichtete The Washington Post, der Präsident habe sich seit seiner Amtseinführung vor 28 Monaten 10,000 (zehntausen Mal) "widersprochen". So versucht Lump sich bei den schönen Frauen mit den Vorstellungen beliebt zu machen i) er sei ein hoch kultivierter Mensch, ii) er sei Tierliebhaber, und die Kröten seien seine Lieblingstiere, iii) er persönlich sei Verfasser und Komponist der Jagdkantate, welche von seinen Verleumdern unter den Musikhistorikern, bosartig irrtümlicher Weise dem Thomaskantor zugeschrieben würde. h) als die Musen seine erotischen Annäherungen ablehnen, erbost Lump und wirft ihnen zerquetschte Kröten ins Gesicht. Was Dike und Apoll über Gerechtigkeit, Erkenntnis, Wahrheit und Tugend zu erklären haben, weiß ich heute noch nicht. Sie erkundigen sich nach meiner Gesundheit. Körperlich: in Ordnung abgesehen vom Gehen und Treppensteigen das zunehmend beschwerlicher wird, bis jetzt sehr langsam aber nicht unmöglich. Hab keine Vorstellung was wird, wenn ich nicht mehr vom Bett aufstehen und zur Toilette gehen kann; bin aber anderweitig zu beschäftigt darüber nachzudenken. Geistig: Verrückt - aber das wussten Sie schon seit langem. Herzliche Maigrüße an Sie beide. Jochen Meyer