Schiller und die Musik - Die Musiker und Schiller Zum 250. Geburtstag des Klassikers Am 10. November 1759 wurde in Marbach Johann Christoph Friedrich Schiller geboren, einer der Fixsterne am Himmel der klassischen deutschen Literatur, neben Goethe der mit Abstand berühmteste deutsche Schriftsteller. Seine Hinterlassenschaft hat seitmehrals 200 Jahren die Komponisten zu Vertonungen und Bearbeitungen animiert. Dabei war Schiller selbst nicht gerade der Musikalischste! Die Läuteglocke am Münster in Schaffhausen inspirierte Schiller zu seinem „Liedvonder Glocke“. „ Das Lied von der Glocke“ ist zweifellos Schillers meist vertonte und am häufigsten auswendig gelernte Ballade. Man könnte denken, sie sei für Musik geschrieben worden. Dabei lag Schiller nichts ferner als das. Er konnte weder singen, noch ein Instrument spielen. In einem Brief an Johann Gottfried Herder bezeichnete er sich selbst am 3.Oktober 1797 als „vollkommenen Laien im Musikfache“. Auch wenn Schiller die leisen Instrumente Gitarre und Mandoline liebte und sogar das Libretto einer „Lyrischen Operette“ mit dem Titel „Semele“ schrieb, stand er der Musik zeitlebens eher distanziert und skeptisch gegenüber. Musik war dem ästhetischen Form -Puristen und Anwalt klarer Verstandeskraft schlechterdings zu sinnlich. Sein Freund und musikalischer Berater, Christian Friedrich Körner, hatte ihn nicht ganz ohne Grund als „unmusikalischen“ und „stümpernden Dilettanten“ bezeichnet. Der Vorwurf, Schiller sei der unmusikalischste der großen deutschen Dichter, hielt sich bis ins zwanzigste Jahrhundert. Spätestens seit dem fünfzigsten Todestag Schillers - und Giacomo Meyerbeers Schiller - Festmarsch (1859) - häuften sich die musikalischen Schiller-Huldigungen und die Liste der Schiller-Vertonungen wurde immer länger. Schiller war zum Mythos geworden. Von mehr als 15 Komponisten wurde allein das 1799 entstandene Lied von der Glocke vertont, als Chorwerk a capella oder mit Orchester, neben Friedrich Romberg auch von Giacomo Meyerbeer, Franz Liszt und Johannes Brahms, Robert Schumann, Peter Cornelius, Engelbert Humperdinck, Richard Strauss und von Max Bruch. Vergleichbar den Glocken, hatte Schiller auch eine besondere Affinität zum Klang der Orgel. Seine prägenden musikalischen Kindheitseindrücke waren denn auch wohl Gottesdienst - besuche. „Wie Donner schallen mir der Orgel Töne“ ruft Johanna in Schillers „Jungfrau von Orléans“ nach der Flucht aus der Kirche. Schiller konnte nicht ahnen, dass 44 Jahre später Giuseppe Verdi dieses Stück vertonen würde. Neben Liedern wurden schon zu Lebzeiten Schillers viele Bühnenmusiken zu seinen Dramen komponiert. Von Ignaz Fränzl zu Fiesko und von Franz Danzi zu den Räubern etwa. Schiller auf der Opernbühne Was die Opernkomponisten an den Schillerschen Freiheitsdramen reizte, waren vor allem die bühnen wirksamen Sujets, die politischen Themen und die dramatischen moralischen Konflikte. Wo man sich in den Opern-Libretti um der Komponierbarkeit wegen sprachliche und dramaturgische Eingriffe in den Schiller -Dramen gestattete, wurde die sprachliche Musikalität der Lyrik Schillers kaum je in Abrede gestellt. „Maria Stuarda “ (Maria Stuart) ist ein Werk, das zu den besten des Komponisten Gaetano Donizetti gehört. Der Vielschreiber verwandte ungewöhnlich viel Zeit auf die Komposition der Oper, dennoch stand sie von Anfang an unter einem schlechten Stern. Es begann damit, dass Felice Romani, der bis dahin größte Librettist seiner Zeit, wegen anderer Aufgaben nicht mehr zur Verfügung stand, und so musste Donizetti mit dem jungen Giusep pe Bardari vorliebnehmen - einem 19 -Jährigen ohne große Bühnenerfahrung. Bardari ging mit Schillers Drama - gemessen an den durch die Oper auferlegten Einschränkungen - sehr behutsam um. Das Hauptaugenmerk richtete sich auf die bei Schiller so atemberauben de Begegnung der beiden Königinnen. Aus 21 Personen bei Schiller wurden sechs bei Donizetti - Graf Leicester ging dabei eine Personalunion mit Maria Liebhaber Mortimer ein. Dennoch kann man insgesamt von einer glücklichen Verbindung von Text und Musik sprechen. Donizettis „ Maria Stuarda “ scheiterte an der italienischen Königin. Die, wie der Komponist in einem Brief schrieb – „traurige Gegenstände“ auf der Bühne nicht ertragen konnte. Es sollten keine weiteren Todesfälle mehr dargestellt werden. Das umgearbeitete Libretto, mit dem Donizetti endlich die Zensurhürde übersprang, war so weit vom Original entfernt, dass nichts mehr zusammenpasste. Gioacchino Rossini ist ebenfalls als Vielschreiber in die Operngeschichte eingegangen. Selbst Rossini konnte sich eines freiheitskämpferischen „Guglielmo Tell“ (Wilhelm Tell) nicht enthalten. Ähnlich wie Donizetti nahm er sich ungewöhnlich viel Zeit für die Vertonung eines Schiller-Stoffes: Für seinen „Guglielmo Tell“ benötigte er ein halbes Jahr. Es wurde seine letzte Oper, in französischer Sprache, und eine seiner erfolgreichsten. Victor Joseph Etienne de Jouy und Hippolyte Louis Florent waren für das Libretto verantwortlich. Rossini hatte sich inzwischen in Paris niedergelassen und beabsichtigte, etwas zur Grand Opéra beizusteuern. Die beiden Librettisten greifen die wichtigsten Szenen der Handlung heraus. Das Schiller'sche Personarium wurde reduziert oder verändert: Auch einzelne Szenen sind etwas anders gestaltet, wobei am meisten die Anwesenheit Tells beim Rütli -Schwur ins Gewicht fällt. Schiller hingegen lässt seinen Helden argumentieren, er sei ein Mann der Taten, nicht der Versammlungen und Beratungen - also bleibt er der Verschwörung fern. Giuseppe Verdi, der bedeutendste der italienischen Opern -Komponisten, die sich mit Schiller aus einander setzten, hat nicht nur - wie nach ihm Pjotr Iljitsch Tschaikowski - Die Jungfrau von Orléans, sondern auch Die Räuber, Luisa Miller und Don Carlos vertont. Zwischen Verdi und Schiller muss eine Art Seelenverwandtschaft vor gelegen haben, denn beide waren glühende Verfechter jeglicher Freiheitsideale. Bei allen Schiller-Vertonungen außer „Don Carlos“ hatte Verdi wenig Glück mit seinen Librettisten. Sie reduzierten den Gehalt von Schillers Dramen auf simple „Beziehungskisten“. So in „I Masnadieri“ (Die Räuber), einer 1847 in London uraufgeführten Oper nach Schillers Drama „Die Räuber“. Der Librettist Andrea Maffei hatte die Handlung im Groben beibehalten, aber Schillers Anklage gegen die Gesellschaft, ein Hauptmerkmal des Werks , unter den Tisch fallen lassen. Deshalb rückte vor allem die Negativfigur des Franz Mohr in den Hintergrund, dem Verdi eine glänzende Rolle verpasste. Die Oper „Luisa Miller“ (Kabale und Liebe) ist ein Beweis dafür, wie schnell dramatische Inhalte zum Opfer einer äußeren Erwartungshaltung werden können. Der Librettist Salvatore Cammarano, passte die Vorlage an die Gepflogenheiten der neapolitanischen Oper an. Das führte zu starken Vereinfachungen, nicht aber zu einer kongenialen musikalischen Wiedergabe des Dichterworts. Verdis unzufriedenen Äußerungen über das Libretto erwiderte der Textdichter lapidar: „Wir müssen uns den Notwendigkeiten beugen“. Verdis Reifes Werk „Don Carlos“ ist mit Abstand die schönste Schiller -Vertonung und eine der grandiosesten Opern überhaupt. Hier fand Verdi, was er suchte, und der reife Komponist setzte sich auf teils aufrüttelnde, teils bewegende Weise mit den großen Figuren des Dramas auseinander. Joseph Méry und Camille du Locle schufen ein Libretto, das durchaus ihre eigene Handschrift verriet und keine eins -zu -eins Umsetzung der literarischen Vorlage zuließ. Jeder Szene, jeder einzelnen Person gibt Verdi ihr unverwechselbares Gesicht - und hier zeigt er sich als wahrer Meister der Charakterisierungskunst - eine Position, die ihn ebenbürtig und doch auf eine andere Weise neben Wolfgang Amadeus Mozart stellt. Auch wenn Schiller keineswegs zu den am Meisten vertonten Dichtern der deutschen Sprache gehört, wie Goethe, Eichendorff, oder Heine, so hat schon seine Jugend lyrik zahlreiche zeitgenössische Vertonungen nach sich gezogen, durch Felix Mendelssohn Bartholdy, Johann Friedrich Reichardt, Franz Schubert, Johann Gottlieb Naumann, Johann Friedrich Zumsteeg und Carl Friedrich Zelter. Ludwig van Beethoven war es, der in seiner Neunten Sinfonie mit der Ve tonung der „Ode an die Freude“ im Jahre 1824 den unmusikalischen Schiller auch im Bereich der Tonkunst vollends unsterblich machte.