Lieber Herr Nielsen, Ihnen und Ihrer Frau, fröhliche Ostern! Mein seliger Vater hätte den Fröhlichkeitswunsch als unwürdig und flatterhaft abgelehnt. Er hätte Ihnen und Ihrer Frau "gesegnete Ostern" gewünscht. Mich dünken die beiden Wünsche ununterscheidbar. Seit meinem letzten Brief an Sie ist ein Monat vergangen. Fast täglich hab ich die unangebrachte Zügellosigkeit meines Vortragens an Sie meiner gegenwärtigen schriftlichen Bemühungen bedauert. Bin fortgefahren meine Phantasieen und Vorstellungen zu ergänzen ohne jedoch zu Ergebnissen zu gelangen die mitteilenswert wären. Das ist eine bedenkliche, widerspruchsträchtige Tatsache, insofern die Worte des Schauspiels oder des Opernlibrettos auf unbedingte Mitteilbarkeit dringen, da sie zwecks der Aufführung nicht nur gelesen sondern "auswendig" gelernt und somit unvermeidlich "verinnerlicht" werden müssten. Wie weit ich mit der Beschäftigung einen Bühnentext zu schreiben kommen werde, wage ich nicht vorauszusagen. Mittlerweile sind mir diese Bemühungen angenehm weil die Gestalten die ich erfinde und mit denen ich Unterhaltungen und Auseinandersetzungen pflege, zu meinen Bekannten, zu meinen Freunden werden deren Gegenwart die Einsamkeiten des hohen Alters ein wenig beschwichtigt. Dabei darf ich nicht unterlassen, Sie und mich selber zu erinnern, dass ich mich auf dem Wege in den Tod befinde, mit den Unbestimmtheiten nicht ob, sondern wie schnell und wann. Über meinen gegenwärtigen geistigen Zustand muss dieser Brief als schlüssiges Zeugnis gelten. Erlauben Sie mir höflichst zu wiederholen,dass ich um keine Antwort bitte, und dass ich keine Antwort erwarte. Ihnen und Ihrer Frau ein weiteres Mal alle guten Wünsche und herzliche Grüße. Jochen Meyer