Heimkehr zur Insel Bruchstück einer unfertigen Elegie Vom All der kleinste Punkt im weiten Meer. Im Zimmer nichts als Fleck auf einem Plan. Hier an der Reling ist's ein dünner Strich, ein Streif am Horizont der Erdenrundung, der langsam wächst bis er als Dünenland das aus den Wellen taucht zur Insel wird. Sie kommt in Sicht, entsteigt der grauen Flut. Links ragt die Bake mit vertriebnen Vögeln, von wo erstreckt zum Hafen sich ein Damm aus grünen Steinen dran die Wellen brechen, ein Wasserzaun am Rand der Meeresstraße. In seinem Schutz erreicht das Schiff die Stadt, umkreist den Leuchtturm an des Strandes Spitze, läuft in den Hafen ein, schmiegt sich dem Kai und findet Rast als wie am Ruhekissen. Gezähmt, mit schweren Tauen fest gebunden, Koloss der sich der Müdigkeit ergab, und Schweigen löst Maschinendröhnen ab. Die Landungsbrücke wird ans Schiff geschmiegt. Die Tore öffnen sich; ein Menschenstrom fließt unbedacht auf das gelobte Land, trabt fremd an mir vorbei; lässt mich verstrickt in Netze eigenster Gedanken stehn. Und jeden der vorbei geht blick ich an, bestrebt den Freund, die Freundin zu entdecken, ob ich ihn kenne, ob sie mich erkennt. In jeglicher Gestalt die mir begegnet such ich die jüngst verstorbene Geliebte. Die Last der Liebe möchte ich verschenken, und seh doch keinen der sie tragen will, geschweige, dass er sie erwidern würde. In das Gesicht das weder von mir weiß noch wissen will, schau ich ein zweites Mal und fleh auch ihn der hier am hellen Tag spaziert, im Stillen wenn er mir begegnet, vom düstren Traum mich endlich zu befrein. Umsonst, denn alle gehn an mir vorbei und keiner ahnt die Liebe die mich treibt. Sie alle sind mir fremd; ich such vergebens den Freund, die Freundin zu erblicken, wär's auch ein Einz'ger nur der mir entgegen käm! Im Traum erscheint mir der verlorne Sohn. Enttäuschtes liebessüchtges Suchen verdrängt das Ziel wonach vom Schiff die Augen strebten. Die Nüchternheit verscheucht den Traum des Schlafs, und Ungeduld ersetzt der Hoffnung Sehnsucht. O meine Augen seid nicht blind, bleibt wach! Lasst diese letzte Hoffnung nicht erbleichen! Blickt mit der Sehnsucht die nicht sterben kann. Schaut jeden Kömmling an ob ihr ihn kennt. Vergebens, keinen find ich; nichts als mich, nur mich. Es wird mir klar: ich bin allein. Nun lern' ich zu begreifen und verstehn: an diesem Ort werd ich zugrunde gehn. Ich wende mich bekannten Straßen zu. Wo sind hier Häuser drin ich Menschen fände, ein Dach darunter ich willkommen wär? Ich suche Freunde, mir begegnen Fremde, statt einer Frau die ich zu lieben wagte umfängt mich feilschend weibliches Geblüt. Düster, wie Eichendickicht auf der Heide wächst Trübsinn undurchdringlich in mir auf. Sumpf und Gestrüpp, Sanddünen überall. Ich such den Ausweg ohne ihn zu finden, und jeder Pfad im Kreis zum Anfang führt. Im Seelenlabyrinth bin ich verloren, denn alle Straßen führen in den Tod. Hier bin ich nun gefangen. Kann weder fort noch bleiben. Was soll ich hier an diesem Ort? Mir drohen Krankheit, Einsamkeit und Not. Es helfen nicht Verstehen und nicht Fragen Nichts bleibt mir übrig als mein Schicksal tragen. Ich sehne mich nach Licht, ich suche Klarheit. Hier gibt es Lügen nur, kein Fünkchen Wahrheit. Zu überleben muss ich alles wagen drum ist mein Los das Schwierigste zu sagen. Die ungelöschte Sehnsucht im Gemüt treibt mich durch undurchsichtge Nebel fort, zu der Verzweiflung namenlosen Ort. Auf dass ich nicht in Einsamkeit verderbe, will ich mich auf mich selbst verlassen. Wär's mir verboten hier zuhaus zu sein? Ersehne mir mein eignes stilles Heim. Darf nicht auch ich ein Inselhaus hier haben? Sogar den Flecken Land besitz ich längst. Ein Zelt dort aufzuschlagen wär erlaubt, Dürft' wie die Schnecke mein Zuhause tragen. Doch des Nomaden Leben taugt mir nicht. Zu denken und zu dichten brauch ich Raum, zu ruhn, zu beten, schlafen und zu sterben. Ich denke nach, weiß jetzt mein Ziel genau. Und doch vermag ich kaum es auszusagen. Indem ich überlege fällt's mir auf: Ich habe nirgends wo ich hingehör, kein Flecken im Gebüsch, nicht Zelt, nicht Haus ist mir genug; ich habe mich verloren. Erst gilt's mich selbst zu suchen und zu finden. Doch wo und wie vermöcht ich nicht zu sagen. Kaum ist's das erste Mal dass ich gekommen. Straßen und Häuser längst mir wohlbekannt. Von außen sind sie treu und zuverlässig. Doch hab' ich mich verirrt. Weiß nicht wohin. In keiner Ortschaft find ich mich zurecht. Der Traum schwebt wolkenähnlich vor mir her. Ein Haus das mir gehört ist unerlässlich. Von diesem Ort ist keine Heimat sichtbar. Die Wirklichkeit liegt in entlegnen Fernen, ein Licht weither von hellen, hohen Sternen. Hier will ich leben, doch was sollt' das heißen? An diesem Ort soll sich mein Wesen bilden. Hier will ich werden; hier gehör ich hin. Hier find ich Wirklichkeit und wahren Sinn. Hier darf ich endlich werden der ich bin. Ich will's; ich bin entschlossen ich zu werden; Ich werde ich trotz allem Widerstand. Und warum nicht, ein jeder hat sein Haus sehr teuer zwar wenn Gischt und Brandung nah. Welch großer Menschenreichtum der sich häuft wie sandge Dünen an des Meeres Rand. Mir ist's als käm ich hier zurück nach Sylt Elysium erträumt seit meiner Kindheit. Was ich begehre teuer ist und schwer, gerade deshalb soll es mir gelingen. Die Arbeit ist's, die mich erlösen soll. Ich kann es und ich weiß wie man es macht. An Geld zwar fehlt es mir, doch nicht an Kraft. Verliebt seit Jahren schon in diesen Fleck der mir gehört, den ich mein eigen nenn. Kann alles selbst; versteh wie man es macht, weiß ohne Gold ein stattlich Haus zu gründen. Der Platz wo ich zu bauen mich entschlossen ist dichtes, eichenbüschiges Gestrüpp das abgeholzt sein muss, wie zahlreich auch die unscheinbaren kleinenVogelnester die dürftgen Unterschlüpfe der Kaninchen die meines Unternehmens Opfer sind. Aus allem was ich tu ergibt sich Schuld. Die Pflicht ist Schuld, und Pflicht ist überall. Und sie erfüllen gleichfalls führt zur Schuld. Der Platz ist frei. Nichts steht dem Bau im Weg. Ich träume, ich entwerfe, zeichne auf; Und schließlich hab die Pläne ich bereit. Mein Los ist Pflicht, es sind der Mühen viel,. Ich trage sie zu einem höh'ren Ziel. Jetzt gilt's die Bauerlaubnis zu bekommen, Erträumtes der Behörde vorzulegen. Zunächst kommt das Verhör. Hier sind die Pläne, sorgfältig, sauber, akkurat gedruckt. Der Präsident betrachtet sie mit Häme. Er fragt mit Arg, das sollen Pläne sein? Scher dich ins Arbeitszimmer Nr. 2 Dort wiederhol das Kritzeln deines Traums und lass dich lehren wie man richtig zeichnet. Wie maliziös! Zuvor war's schon entschieden, die zweite Zeichnung gleichfalls abzulehnen. Der einz'ge Zweck war mich zu schickanieren. Ich hatt' das niederträcht'ge Spiel durchschaut. War fest entschlossen nimmer mitzuspielen. Ist's Eitelkeit die meinen Bau behindert? Ich denke nicht, Behörden, böse Menschen die feindlich sind, die haben es getan. Bin unverdrossen. Endlich fang' ich an. Erst jetzt erkannt ich meine düst're Lage. An jenem Tag begegnet ich der Frage, Gibt's jetzt und hier Gerechtigkeit und Wahrheit, nicht nur im Himmel und in Ewigkeit? Ich stand am Anfang eines weiten Wegs, betrat ihn ahnungslos und unverdrossen. Die örtlichen Behörden war'n entschlossen mit Anwaltsspesen Wahrheit zu erdrosseln, mein Bauen zu verhindern was es koste, sei's Fälschung, Unwahrheit, sei's falsches Zeugnis Drum jeden Morgen fahnde ich aufs Neue nach Redlichkeit und nach der Zeugen Treue. Getäuscht in frommer Kindesüberzeugung dass die Gesellschaft, eine Stadt, ein Staat, Gesetz bedarf das auf Wahrhaftigkeit gegründet ist, die Lüge nicht als Mittel brauchen darf. Ich ahnungsloser Tor am nächsten Tag so dumm wie Tag zuvor. Der vielen Mühen sehe ich kein Ende. Der weite Weg ist's, nicht des Schicksals Wende der die Bemühung sinnvoll macht. Es ist die bunt ereignisreiche Lebensreise, die aus dem Lebenslauf den Rechtsweg macht und endet auf die ewig gleiche Weise. Entidealisierung heißt die Straße die mir elf lange Jahre auferlegt und die bis heute noch den Geist bewegt Ich wusste nicht wohin ich mich begab, und folgte meinem Weg, bergauf bergab. hatt keine Ahnung was ich finden würd. Mit meinen Mühen bin ich nun am Schluss. Und sehe was ich eingestehen muss dass Lügen Wahrheit ist und Wahrheit Lügen. Die Richter Sachverständ'ge im Betrügen. Je mehr erhaben desto mehr verdorben. Du großer Gott, was ist aus dir geworden? Der Stadtrat hält das erste der Verhöre, ein Muster für das Weitere im Anzug. Die Wahrheit lässt sich nicht verhehlen, doch auf der Insel ist die Wahrheit Lügen und Ehrlichkeit heißt hier betrügen Man wies mich ab, und fälschte obendrein Bericht der Sitzung, unrechtmäß'ge Antwort die ich nicht glauben konnte oder wollte, und die acht Jahre lang ich lernen sollte. Vom Bau des Hauses war ich abgelenkt. Mein neues Ziel ist die Gerechtigkeit. Mir kommt's drauf an die Wahrheit klarzulegen. Die ist: Regieren heißt verlogen sein, und die Regierung selbst ist Unwahrheit. Denn mit der Wahrheit lässt sich nichts verwalten. Und die Gerichte spiegeln die Regierung. Auch die Gerichte müssen unwahr sein. Lügen wird wahr, und Wahrheit ist nur Schein. Der nächste Schritt vom Stadtrat zum Gericht. Da war kein Zweifel, auch beim Richter nicht, und er bestimmt verweigerte Erlaubnis. wagt dennoch nicht ein Urteil einzutragen, und scheut zurück was wahr ist auszusagen. Es scheint der Richter selbst hat Angst vor Klarheit, und die Gerichte wissen nichts von Wahrheit. Doch endlich mag ersehnter Bau beginnen. Es wankt der Grund wo er zustande kommt, weil auf Gesetzlichkeit ist nicht zu trauen. Denn auf der Lüge lässt kein Haus sich bauen. Trotz allem soll's ersehnte Werk beginnen. Des Hauses Aufzug geht in Stadien fort. Auf Schritt folgt Schritt, der eine nach dem andren. Ein großes Loch, zum Keller ausgeschachtet, die hohen Mauern in den Grund gegossen, ein Brunnen wird gebohrt, das Wasser quillt, die Pumpe tief in breites Rohr versenkt. Das glatte Holz in Schichten liegt gestapelt. Der Bau der mich erlösen soll beginnt. Das Haus steigt aus der Ebne in die Höhe. Der erste Stock ist fertig, nun der zweite; die Sparren aufgesetzt zu Daches zwecken, Beschlag und Schalung, Schindeln es zu decken. Die hohen Fenster werden eingesetzt. Elektrisch Licht besorgt, verhängnisvoll wird Klempnerei. Denn einen Klempner konnt ich nicht bestallen, weil jeden Klempner der mir helfen wollt verhindert ein Verbot. Was blieb mir übrig als es selbst zu machen? Vorgeblich wars an Klempnerei der Mangel, dass einen Klempner ich bestallen sollt der das von mir gebaut Gefüg zerstört. Es dauerte elf Jahre eh die feigen Richter den Mut bezeugten den Befehl zu stählen. Die Zeit verwandelte den Bau des Hauses. Er wurde Untersuchung des Gerichts. Ein Aufschub wie mir scheint der Mühe wert. Geduld und Starrsinn war's, nicht Feur und Schwert dran scheiterte das ganze Unternehmen. Doch nicht. Was wirklich scheitert war das Recht. Zerstört soll werden was ich eingebaut. Nicht ganz so schnell befiehlt der feige Richter. Nicht ohne Inspektion, nur wenn's unbrauchbar, ist es erlaubt das Selbstgebaute zu verschrotten. Nein, sagt's Gericht, nicht ohne Untersuchung. Das würd'ge ehrbare Gericht versagt. wenn Wahrheit zu bestimmen es nicht wagt. Schickt meine Klage wiederholt zurück an die befangne Klempnerei Behörd', mit falschem Zeugnis abgelehnt so oft, wo Lüge ward zur Tagesregel worden dass die Berufungsrichter müde wurden. Und die Entscheidung fiel, nun ist's genug. Bestätigen verfänglichs Netz der Lügen und lassen milde lächelnd sich betrügen. Das Urteil fiel: Zerstörung mag beginnen. Was wird zerstört? Mehr als die langen Röhren die fließend Wasser leiten in den Grund. Zerstört wird Hoffnung Arbeit Müh und Leben. Der Glaube an Gerechtigkeit und Wahrheit lässt sich nunmehr nicht aus dem Schutt erheben Es war fast fertig, alles wie vollkommen. Die breite Treppe wendet sich nach oben, und Fenster leuchten hell im Sonnenlicht. Jenseits der Eichenbüsche glänzt das Meer. Habicht und Falke kreisen übers Moor, Es blühen bunte Blumen auf der Au und Vögel fliegen in des Himmels Blau. Mehr als die Kempnerei wurde zerstört, die Ordnung selbst, der Staat hat aufgehört. Es ist vorbei, das Traumhaus liegt in Schutt. Der Glaube an die Ehre ist kaputt. Der hohen Fenster Stolz wird Jägerziel, in Staub und Asche die Beschalung fiel. Unwiederbringlich ist der Traum zerstoben, Eitles Geschwätz, der Segen käm von oben. Ich hör sie auf der Straße die mich holen, nach Auschwitz, nach Guantanamo, nach Polen, in jene Höllen wo die Teufel hausen, ob Buchenwald genannt ob Sachsenhausen. In Schweiß gebadet wach ich auf, erleichtert. Es war ein böser Traum, ich lieg im Haus, ich stehe auf und geh ans lichte Fenster vor mir die Dünen und das weite Meer. Ich hat geträumt, geträumt von großer See, vom Haus an seinem Rand, vom stolzen Bau vom Sonnenscheinen auf der Wellen Glanz. Hab von Gerechtigkeit geträumt und Wahrheit, Von Liebesglück und von der Mädchen Tanz. Nun sitz ich hier; das Wort in Vers verwebt, In Dankbarkeit denn ich hab überlebt. Des Lebens Botschaft ist, du musst dich fügen musst wie die andren täuschen, du musst lügen. Die Wahrheit auszusprechen ist betrügen. Unmöglich ist's im tiefsten Sinn was wahr ist` mitzuteilen. Keiner will es hören. Die Wahrheit würd der Menschen Ruhe stören. Vielleicht ist dies der Fall, es muss so sein, weil wahre Wahrheit ein Geheimnis ist wie jener Gott der tief im Innren wohnt. Leben ist Lügen, Wahrheit führt zum Tod. Das Kreuz erscheint mir nun als Warnungsschild vor dem Versuch die Wahrheit kund zu tun. Der Tod am Kreuz ist was das Leben schützt, die ew'ge Wahrheit die der Seele nützt. Nicht ist's erlaubt ein Einzelner zu sein. Das Glück in der Gesellschaft ist nur Schein. Vor Wahrheit kann Gesellschaft nicht bestehen, und ohne Kreuz müsst sie zugrunde gehn. Gesellschaft mag den Einzelnen nicht leiden Sie strebt den Wissenden von sich zu scheiden Was ich erkenn muss ich geheim behalten, Vor andren Menschen darf ich's nicht entfalten. Gesellschaft kann durch Lüge nur bestehen Im Licht der Wahrheit würde sie vergehen. Die Wahrheit ist der Angriff auf ihr Leben. Zu Ende geht das mühevolle Streben. Die Abenddämmrung lastet auf der Erden. Ein jeder stirbt durch's Älterwerden. Weil hohem Alter es an Zeit gebricht hab ich das Spiel verloren, oder nicht? Der Bau ist hin, doch ich hab überstanden, endlich befreit von Ideales Banden. Haus, Glaub' und Hoffnung sind zeronnen, Leben ist Spiel. Hab ich es nicht gewonnen?