Lieber Herr Nielsen, Seit meinem jüngsten Brief an Sie sind fast zwei Wochen vergangen, eine Zeit in die mein bejahrtes Gedächtnis zurückblickt wie in einen Nebel in dem die Unterscheidung zwischen bedeutenden und unbedeutenden Ereignissen willkürlich erscheint. Die dritte Besprechung mit den beiden Bekannten über Platon hat stattgefunden. Seiten Stephanus 57 bis 66 im Phaedon waren Gegenstand unserer Bemühungen. Ich war von zwei Beobachtungen beeindruckt: 1) die Gesellschaft die Sokrates angeblich in seinen letzten Stunden umgab, war so zahlreich, dass intime gesellschaftliche Beziehungen nicht möglich konnten. Seine Ehefrau Xanthippe schickte der sterbende Ehemann nach Hause. Indem ich so schreibe, meine ich zu erinnern dass ich mich wiederhole. 2) Die von Platon beschriebene Unsterblichkeit der Seele und ihre Unabhängigkeit vom Körper scheint mir wesentliches Vorbild für die Theologie des Christentums die sich vierhundert Jahre später entwickelte. Bei der nächsten Zusammenkunft an einem noch unbestimmten Tag, sollen Seiten 67 bis 76 besprochen werden. Zum möglichen Aufsetzen von Elegien das ich voreilig erwähnte bin ich noch nicht gekommen, vielleicht weil ich mich mit ungehöriger Lässigkeit in den Mitternachtsstunden von Youtube übertragenen Opern habe ablenken und übermäßig ermüden lassen. Das waren Fidelio, Rosenkavalier, Arabella, Ariadne auf Naxos, Die Frau ohne Schatten, Tannhäuser, und letztlich der erste Akt von Parsifal. Durch diese Besetzung des Gemüts wurden die eigenen Gedanken und Gefühle in einem Maße verscheucht, dass ich am Horizont des Bewusstseins nicht einmal die Themen möglicher Elegien zu erkennen vermochte. Es mag sein dass ich Ihnen meine Bekanntschaft mit Gertraud Strangfeld aus dem Sauerland, der Tochter meines braunschweiger Grundschullehrers erwähnt habe. Gertraud ist begeisterte Naturliebhaberin. Kürzlich erhielt ich von ihr einen Brief mit der Beschreibung einer Naturschutzbetätigung die ich zitierenswert finde: "Heute ist der letzte Tag unserer Krötenrettungsdienstwoche (oder Kröten-Rettungsdienst-Woche, oder...). Da wir Mitglieder im BUND (Bund für Umwelt-und Naturschutz) sind, helfen wir im frühen Frühjahr bei der Aktion zur Bewahrung der Kröten, die aus ihren Winterquartieren erwachen und den Weg zu ihren Laichgewässern antreten. Dabei müssen sie verschiedentlich ein befahrene Straßen überqueren und werden dabei in manchmal Massen überfahren. Also richten wir Zäune auf, etwas 35 cm hoch, entlang ihrer Hauptrouten, und graben in Abständen von etwa 15 m Eimer in die Erde, die mit der Kante gleich hoch abschließen. Die Kröten fangen am späten Abend an zu wandern, suchen einen Durchgang und fallen irgendwann in einen Eimer, aus dem sie nicht heraus gelangen. So gegen 21.30 fangen wir an, die Strecke aubzusuchen, leeren die Eimer in unseren mitgebrachten Eimer, finden oft noch viele Tiere, die den Zaun noch gar nicht erreicht haben, und tragen alle über die Straße, überklettern die Barriere und einen Graben und bugsieren die Tier durch den Maschendrahtzaun. In warmen, feuchten Nächten  befördern wir mehrere hundert Kröten, in kalten, so wie letzte Nacht, die bei 0 Grad anfing und von grimmem Frost überwältigt wurde, überhaupt keine. Heute abend werden es wohl wieder ein paar mehr sein.  In großer Überzahl sind die Männchen, kleine, zierliche, anmutige Erscheinungen, während es nur wenig alleinstehende oder-wandernde Weibchen gibt. Einige Pärchen finden sich auch. Die Weibchen sind deutlich größer und müssen die Last der Männchen (manchmal sind es tatsächlich mehrere) auf dem Rücken tragen, tun das aber offenbar klaglos.  Gelegentlich werden sie auch im Wasser durch den Männeransturm ertränkt. Man kann mit der Natur durchaus nicht immer einverstanden sein." Manchmal erscheint mein Gemüt mir, - in Hofmannthals Worten -, "wie weiches Wachs," übermäßig anfällig für alltägliche Begebenheiten, und vielleicht ist es deshalb dass mich die Krötenrettung wie ein Vorhang auf der Lebensbühne anmutet, dahinter der Reichtum, die Mannigfaltigkeit, die Gefahren, die Tragik des Schicksals alles Lebens und alles Lebendigen, nicht nur der Kröten. Frage mich ob ich den Versuch zu machen wagen darf diesen Vorhang, wenn auch nur um ein Geringes, mit einem Libretto für eine mögliche Oper zu lüften. Ich befand mich am Küchentisch, demselben wo Sie vor drei Monaten mir gegenüber saßen. Jetzt aber war ich dort allein, und doch nicht allein, denn ich unterhielt mich mit drei Personen, die ich nicht anderes als Spiegelbilder meinerselbst, also als Nichtich 1,Nichtich 2 und Nichtich 3 zu bezeichnen vermag. Da fiel mir folgendes ein: Nichtich 1: He da, Schläfst du noch? der Küchentisch wo du da sitzt, das ist kein Schlafensort. Ich: Bin wach. Wie könnt ich sonst mich mit Dir unterhalten? Nichtich 1: Hast wohl noch nie geträumt, und lernst erst jetzt zu träumen. Bist dran dich einzuüben. Ich: Ich weiß es nicht. Nichtich 2: Du bist so blass. Ist Dir nicht wohl mein Kind? Willst Du fort? Ich: Das nicht, nur einen Augenblick, lass mich allein. Nichtich 3: Wozu denn das? Ich: Mich zu bedenken. Nichtich 3: Jetzt ist nicht Zeit für solche Faxen. Ich stell Euch vor, Der Dichter Möchtegern, und er, wie heißt er doch? Den Nam hab ich vergessen. Ich: Das ist, das ist Augustus Graf von Krötenheim. Wie kommt mir dieser Glanz in meine Hütte? Nichtich 3: Lass er das ewige Plagiieren. Wenn man's entdeckt, verliert er seine Professur. Ich: Ich habe keine Professur. Nichtich 1: Du hast sie doch. Du leugnest sie weil du beleidigt bist dass ich dich nicht Professor nenne; Ich: Du lügst. Nichtich 1: Und du betrügst. Nichtich 2: Lasst endlich doch das ewge Streiten. Wer weiß was Wahrheit ist? Pilatus wusst' es nicht. Wisst ihr's? Wer nicht die Wahrheit kennt, der kennt auch nicht die Lüge. Nichtich 1: Nun schließlich sag, was bringt dich hier an diesen Ort? Ich: Das fragst du mich? Befind mich hier zuhause. Nichtich 1: Nicht dich hab ich gefragt, sondern den gnädgen Herrn, den Graf von Krötenheim. Krötenheim: Man spricht mit mir? Ich: Herr Graf auch ich begehr zu hören, was sie hierher geführt. Nichtich123: Wir alle sind, Herr Graf von Krötenheim zu hör'n begierig, was Sie am frühen Morgen an unsren Frühstückstisch geführt. Krötenheim: Ein Zufall war's weiß selbst nicht wie, der mich zu euch, an euren Tisch geleitet, und ich entschuldge mich der Mühe die ich euch bereitet. Ich: Unsinn, verlaub von Euer Gnaden Euch diese Wahrheit auszusagen, denn Euer Anzug ist die höchste Ehre, worauf jedoch ihr Zögern mit der Antwort einen Schatten wirft. Nichtich123: Heraus damit, Erzählt uns alles ohne Vorbehalt. Verschwiegenheit schürt nichts als Unmut. Krötenheim: Was mich gerad hierher geführt, das könnt selbst ich genau nicht sagen, doch weshalb von Krötenheim ich ausgerissen bin ist eine schwierge Sache die sich leicht erzählen lässt. Ich und Nichtich123: Erzählen Sie, erzählen Sie wovon Sie sagen, dass es leicht zu erzählen ist. * * * * * * de la méthode Cogito ergo sum hat er geschrieben. Fünfhundert Jahr ist's kaum befragt geblieben: Was cogito? und was bedeutet sum? Bedenkenswert, befragenswert. Drum zaud're nicht und kogitier ein wenig: Dass wenn und weil ich mir bewusst, bin ich. Nur ich bin Ich. "Ich bin" zeigt auf mein Sein. Ich bin allein. Das Andere ist Schein. Welt außer mir ist Schein, wird wirklich erst wenn's Gott verbürgt. Der ist? Erinn're mich! Gott ist in Dir und deshalb ist Gott Ich. Gott ist Dein Ich dem Du den Rücken kehrst. Es reimt sich alles. Fort nach Königslutter1! Auch dies Sonett ist nichts als Ofenfutter. Ich zitiere mein Sonnet um zu erinnern, dass jedenfalls im protestantischen Deutschland des 17. Jahrhunderts das Gotteserlebnis nicht weniger als das Erlebnis des Ich, ein "inwendiges", subjektives, ein Nicht-Ich im Ich, war und ist. Der Umstand, dass in meiner Küchenphantasie nicht weniger als drei Nicht-Ich in Erscheinung treten, scheint mir ein Hinweis, wenn nicht gar eine Brücke zur so zahlreichen Götterwelt der Griechen. Dort sind es die Musen welche den Denker und den Dichter begeistern. In dem ich mich frage, ob es wünschenswert ist die Opernbühne jedenfalls teilweise mit mythischen Göttergestalten zu bevölkern, erinnere ich dass zum Beispiel Die Frau ohne Schatten von mythischen Personen beherrscht wird, und die Zauberflöte, von Zoroaster. Ich meinte der Versuch griechische Göttergestalten einem Libretto einer "Krötenrettung" einzufädeln möchte der Mühe wert sein. Wie der in seiner Küche einsame, hoffnungslose Möchtegern sich mit den griechischen Göttern in Verbindung kam, ist mir noch nicht klar. Ob mittels eines Gebets, mittels eines versengten Speckopfers auf dem elektischen Küchenherd, eines Telephonats oder einer E-mail weiß ich (noch) nicht. Kann sein dass es statt seiner Bemühungen, ihr Allsehen war, das ihr Aufmerksamkeit auf ihn zog. In jedem Fall, als Möchtegern erwachte, war er in der Gesellschaft drei junger Frauen. Erato is the protector of lyrical and love poetry. She holds a lyre, love arrows, and a bow. Euterpe is the protector of songs and poetry of death, love, and war. She created several musical instruments and inspires the creation of beautiful music. She is often portrayed with a flute in her hands while her other instruments surround her. Melpomene is the protector of the tragedies. She created rhetoric speech and the melodies of tragedy. She is typically depicted holding a tragic theatrical mask. Erster Akt Eine bürgerliche Küche. An der Längsseite, unter drei weiten und hohen Fenstern ein Tresen mit einem Waschbecken. Erato mit aufgerollten Hemdsärmeln wäscht das seit mehreren Tagen angesammelte Geschirr. Euterpe trocknet ab, und Melpomene legt das gesäuberte Besteck in eine offene Schublade im Tresen, und stellt die gewaschenen Teller, Tassen und Untertassen in einen Wandschrank dessen Flügeltüren offen stehen. Die drei Mädchen bewegen sich in einem lieblichen Rhythmus wie bei einem schlichten Tanz. Möchtegern sitzt mit geschlossenen Augen am abgeräumten Küchentisch. Er hat struppiges ungeschnittenes Haar, und ist tagelang unrasiert, Euterpe: (in dem sie sorgfältig die beiden Seiten eines Tellers trocknet) Das ist wirklich ein starkes Stück, dass man von uns erwartet Dienstmädchen zu spielen, und für die erbärmlichen Sterblichen auch noch die Abwäsche zu machen. Erato: (die in der Lauge des scheinbar geleerten Waschbeckens nachzüglerische Teelöffel und Gabeln fahndet) Das ist, bei der Lotterwirtschaft auf dem Olymp die in diesem Frühjahr herrscht, kaum verwunderlich. Findest du nicht auch? (Nach einer Pause) Nur gut dass das dumme Menschengeschlecht vom Ausmaß, vom Betrug und von der Schmiererei bei unseren göttlichen Geschäften keine Ahnung hat, sonst könntest du der Menschen Verehrung für uns Aufwiedersehen sagen. Euterpe: Meines Erachtens hat diese Lotterwirtschaft mit der Anstellung des neuen Stallknechts zu tun. Das ist ein Lump wie ich noch sonst keinen gesehen habe. Dessen Gemüt ist schmutziger als die Schweinekoben die er sauber macht. Das weiß er aber nicht. Er meint er ist Herkules, und benimmt sich wie Herkules. Erato: Vergiss es bitte nicht. Du und ich und Melpomeme sind eng mit Herkules verwandt. Er ist unser unehelicher Stiefbruder. Euterpe: Du und ich, und unsere sieben Schwestern sind auch unehelich. Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen schmeißen. Erato: Ich finde diese unehelichen Ausschreitungen unsers Vaters sind zum Kotzen. Bist nicht auch du von ihnen angdewidert? Melpomene: Sch--- Sch--- Erato und Euterpe, nehmt Euch in Acht; legt Euren Zungen Zügel an. Ihr könnt nie wissen was dem da am Küchentisch, wenn er auch zu schlafen scheint, im Traume durch die Ohren dringt. Und wenn der berichtet was er von Euch überhört hat, und wenn der Alte erfährt wie ihr über ihn denkt, dann gibts ein solches Blitzen und Donnern und Regnen, dass die dummen Kleinen meinen das jüngste Gericht des Klimawandels den sie so fürchten wäre über sie eingebrochen. Möchtegern: (indem er sein Gesicht aus den Handflächen löst und den Oberkörper langsam aufrichtet) Zu spät meine schönen Frauen, Ich habe alles gehört. Ich habe gute Ohren, ein erstklassiges Gedächtnis, und ein hervorragendes Erfindungsvermögen. Erato: Aber Möchtegern, du wirst uns doch keine Schwierigkeitem machen, du wirst und doch nicht verraten. Möchtegern: Natürlich nicht, aber wie man sagt, eine Hand wäscht die andere. Ich tue gern etwas für euch, erwarte aber dass ihr auch etwas für mich tut, statt euch zu benehmen als wäre ich Luft. Melpomene: Herr Möchtegern, und bitte nehmen sie mir die Formalität, die Gezwungenheit der Anrede nicht übel, aber wir Göttinnen sind nun einmal verpflichtet uns auch wie Göttinnen zu betragen. Es ist uns behördlich untersagt wie andere Mädchen mit jedem beliebigen Mannswesen das horizontale Handwerk zu betreiben. Euterpe: (zu ihren Musenschwestern) Ich hab's Euch ja immer gesagt. Die Benachteiligung der Frauen bei den Sterblichen ist maßlos und unterträglich. Erato: Ach Euterpe, kannst du denn nie von deinem Frauenfreiheitssteckenpferd absteigen? Euterpe: (zu Erato) Du bist zu blind oder zu dumm oder beides. Siehst Du denn nicht den Zeus, erst ist's Semele, dann Io, dann Alkmene, die Frau von Amphytrion, mit der er Herakles zeugte. Und weißt Du, Thalia hat dem großen Drama von Kleist Patin gestanden. Schließlich Mnemosyne, auch außerehelich, meine und deine Mutter. Zeus kann sich alles erlauben, aber wenn Hera einem wohlgestalteten Jüngling auch nur einen einzigen schmachtenden Blick schenkt ... Erato: Dann bestraft sie Zeus indem er ihr den Küchentresengranitbelag entzieht, auf den sie so stolz ist. Möchtegern: Fräulein Melpomene, sie überschätzen mich, oder vielleicht unterschätzen sie mich, aber die Möglichkeit einer Erpressung welche Sie, vielleicht so gar mit einem Anflug von Begierde, vorschlagen, ist bis jetzt jedenfalls noch nicht in den Sinn gekommen, aber in Beziehung auf einige ganz bestimmte Angelegenheiten, fühle ich mich wie ein junger Mensch der sich ausbildet, der lernt, der sich verwandelt. Vorerst aber kommt es mir auf die Dichtung an Das, und nicht die Liebe ist die Tätigkeit zu der ich ihrer Hilfe bedarf. Krötenheim: (unterbricht, weder Möchtegern noch eine der drei Musen hatte ihn bemerkt) Entschuldigung, ich bitte vielmals um Entschuldigung dieses offenbar so tiefschürfende Gespräch zu unterbrechen. Ich hab dringend, sehr dringend bedarf ich deiner Hilfe, du, Simon Möchtegern, mein guter Freund. Melpomene: Auch wir möchten ihnen behilflich sein. Zu Anfang aber müssten wir Ihren Namen wissen, ohne den meine Anrede übermäßig unhöflich klingen möchte. Krötenheim: Der Name ist Ulrich Hieronimus von Krötenheim. Sie alle aber, bitte nennen sie mich Uli. Denn Uli ist der Name den meine Feinde verächtlich, die meine Freunde mir anerkennend und liebevoll entgegenrufen. Meine geliebten Kröten aber nie, denn die sind stumm. Melpomene: Und dieser Herr Möchtegern, der hier wohnt, oder sollte ich sagen, der hier schläft wäre ihr Freund? Krötenheim: Das stimmt, und das können Sie nicht oft genug sagen. Erato: Herr Krötenheim, Entschuldigung, Uli hätte ich sagen sollen, was ist's denn, Uli das dich verstört? Krötenheim: Ach, Fräulein, dürft ich auch ihren Namen wissen. Erato: Ich bin Erato. Mein Vater ist Zeus, meine Mutter Mnemosyne. In meinem Stammbaum gibt es keine Familiennamen. Krötenheim: Darf ich ihnen sagen, wie schön Sie sind? Erato: Da ja, aber weiteres nur in Abwesenheit von der Vorsteherin dem ehrwürdigen Fräulein Melpomene, denn die ..... Zweite Fassung ============== Erato: He da, Schläfst du noch? der Küchentisch wo du da sitzt, das ist kein Schlafensort. Möchtegern: Bin wach. Wie könnt ich sonst mich mit Dir unterhalten? Erato:Hast wohl noch nie geträumt, und lernst erst jetzt zu träumen. Bist dran dich einzuüben. Möchtegern: Ich weiß es nicht. Euterpe: Du bist so blass. Ist Dir nicht wohl mein Kind? Willst Du fort? Möchtegern: Das nicht, nur einen Augenblick, lass mich allein. Melpomene: Wozu denn das? Möchtegern: Mich zu bedenken. Melpomene: Jetzt ist nicht Zeit für solche Faxen. Ich stell Euch vor, der Dichter Möchtegern, und er, wie heißt er doch? Den Nam hab ich vergessen. Möchtegern: Das ist, das ist Augustus Graf von Krötenheim. Möchtegern: Wie kommt mir dieser Glanz in meine Hütte? Melpomene: Lass er das ewge Plagiieren. Wenn man's entdeckt, verliert er seine Professur. Möchtegern: Ich habe keine Professur. Erato: Du hast sie doch. Du leugnest sie weil du beleidigt bist dass ich dich nicht Professor nenne; Möchtegern: Du lügst. Erato: Und du betrügst. Euterpe: Lasst endlich doch das ewge Streiten. Wer weiß was Wahrheit ist? Pilatus wusst' es nicht. Wisst ihr's? Wer nicht die Wahrheit kennt, der kennt auch nicht die Lüge. Erato: Nun schließlich sag, was bring dich hier an diesen Ort? Möchtegern: Das fragst du mich? Befind mich hier zuhause. Erato: Nicht dich hab ich gefragt, sondern den gnädgen Herrn, den Graf von Krötenheim. Krötenheim: Man spricht mit mir? Möchtegern: Herr Graf auch ich begehr zu hören, was sie hierher geführt. Erato, Euterpe, Melpomene: Wir alle sind, Herr Graf von Krötenheim zu hör'n begierig, was Sie am frühen Morgen zum Frühstückstisch von Möchtegern geführt. Krötenheim: Ein Zufall war's weiß selbst nicht wie, der mich zu euch, an euren Tisch geleitet, und ich entschuldge mich der Mühe die ich euch bereitet. Möchtegern: Unsinn, verlaub von euer Gnaden diese Wahrheit auszusagen, denn Euer Anzug ist mir die höchste Ehre, worauf ihr Zögern mit der Antwort einen Schatten wirft. Erato, Euterpe, Melpomene: Heraus damit, Erzählt uns alles ohne Vorbehalt. Verschwiegenheit schürt nichts als Unmut. Lieber Herr Nielsen, ich hab mich so oft bei Ihnen für die Ungehörigkeit meiner Briefe entschuldigt, dass diese weitere Entschuldigung mir doppelt peinlich ist. Nicht zu verkennen ist dass ich mein Schreiben an Sie als Übungsgelände ausnütze auf dem ich in unverschämter und schamloser Weise meinen Gedanken und Gefühlen die Zügel schießen lasse. Wären meine Bemühungen nicht völlig belanglos, möchte die Gelegenheit sie zu untersuchen und zu entwickeln für mich ein Vorgang von hohem Wert darstellen. Aber auf die Belanglosigkeit hinzuweisen ist überflüssig, denn die beweist sich selbst. Aus weiterer Perspektive erscheinen mir das Krötenschickal ein Spiegelbild von unser aller Dasein, und die Krötenrettungsversuche emblematisch für unsere Ohnmacht. Über die Entfaltung des Librettos hab ich bis jetzt nur vorläufige Erwägungen: Krötenheim und Lump sind Nachbarn. Krötenheim beschreibt das Krötenproblem bei sich zuhause, Das Lumpgelände ist der Kröten Heimatland, da wollen sie hin. Die Schicksale der todgeweihten Kröten spiegeln sich in den Familien. Krötenheim hat er zwei Töchter wovon eine Amada die Kröten liebt, und eine Odia die Kröten hasst. Amada liebt Odia, aber Odia hasst Amada. Über Lumps Familie bis jetzt noch keine Einzelheiten. Eine Besprechung zwischen Lump und Krötenheim, mit Möchtegern als Mittler kommt zu nichts. Ein Krötengipfel wird angesetzt woran die Stadt- und Landesbehörden beteiligt sein sollen. Die Naturliebhaber, die Jäger, die Krötenhasser, die Beamten, die Polizisten bekämpfen sich. Nichts als Missverständnisse. Lump baut eine Mauer um sich vor den Kröten zu schützen, von denen er behauptet dass sie ihn und seine Familie mit ansteckenden Krankheiten, Drogensucht und Verbrechen bedrohen.Aber die Kröten stiften Zwist nicht nur zwischen den Nachbarn, Krötenheim und Lump, sondern auch innerhalb der beiden Familien. Es ergibt sich, dass sich in beiden Familien nicht nur Krötenliebhaber befinden, die förmliche Begräbnisse und Totenmessen für die verunglückten Tiere verlangen, sondern auch Krötenjäger die eine Krötenpest behaupten und die sich mit der Vielzahl der Kröten die sie überfahren als Wohltäter brüsten. Die Musen sind der gesellschaftlichen Problematik nicht gewachsen; sie ziehen Hermes zu rat. Man veranstaltet eine Familienkonferenz um mittels der Sprache zu einem vernünftigen Einverständnis zu gelangen. Vergebens. Man wendet sich an die Behörden, an die Gerichte und die Gesetzgeber. Alles umsonst. Zuletzt wird Apollo zu rat gerufen. Die Kunst hat die Antwort. Sie ist die Erlösung. Apollo befiehlt ein Schauspiel. Alle müssen sich beteiligen. Keiner ist gezwungen sich zu verwandeln. Ein jeder bleibt der er ist, aber jeder lernt eine von Apollo entworfene Rolle zu spielen. Jeder Spieler ist zum Schauspiel verpflichtet, und er muss es zu Ende spielen. Damit ist das Krötenproblem, was immer es sein möchte, gelöst, denn das Schauspiel ist, technisch gesagt, rekursiv. Es ist nur ein einziges Schauspel, ab er es hat kein Ende, denn eh es zu Ende geht erneut es sich indem es in eine Wiederholung mündet. Fast wie dieser Brief. Heute vor 80 Jahren, am 23. März 1939, verließen meine Mutter, meine Schwester und ich Bremerhaven. Herzliche Grüße an Sie beide. Jochen Meyer