Notizen zu Elegien über verschiedene Themen Ich fahre fort den Brief weitere Male zu lesen. Wenn möglich, möchte ich antworten ohne zu widersprechen. Oder hieße antworten ohne zu widersprechen an einander vorbeireden?­ Habe folgendes zu bemerken: a) Monist der ich nun einmal bin, betrachte ich alle gesellschaftlichen Mitteilungen einbeschlossen des reichen, üppigen Schrifttums, von Hesiod bis heute, dessen Nutznießer wir sind, all die Gedichte, die Mythen, die Romane, die geisteswissenschaftlichen und die nicht-mathematischen naturwissenschaftlichen Aufsätze, als geistig-seelische Erfindungen, als Dichtungen, als Gedichte mit unterschiedlichen unbestimmten (aber bestimmbaren) Beziehungen zu vergangenem, gegenwärtigem und künftigem Erfahren und Erleben. Diese Begriffsbestimmung ist weit genug, historische Berichte von Homer, Herodot, Thukydides bis zum jüngsten Zeitungsbericht, als gleichzeitig erlebbare Berichte von längst vergangenen, entschwundenen Wirklichkeiten zu umfassen. Es besteht für mich keine Frage, dass es wünschenswert ist diesen Reichtum zu sichten, und dass dieses Sichten ersprießliche Wirkungen auf unsere Beziehungen zu einander und zur Natur nach sich zieht. Ungeachtet dieser ersprießlichen Wirkungen ist meine primäre Beziehung eine unmittelbare, - ob sie als gleichzeitig bezeichnet werden sollte, ist nebensächlich. Worauf es mir ankommt ist mein Erleben als denkender, lesender, sprechender Einzelner, eine leidenschaftliche Beziehung zum Geschehen, zu der Vergangenheit mit der ich ringen muss um diese Vergangenheit zu bewältigen. b) Ich vergleiche das Denken mit dem Wandern. Ich vergleiche und die Philosophie mit der Wanderschaft. Wandern besagt nirgends zuhause zu sein, und doch überall. Das Wandern durch Wald und Feld ist die erbauliche Beziehung zur Natur. Das Wandern durch die Gefilde der Gedanken, des Wissens und Nichtwissens, des Glaubens und des Zweifelns, der Klugheit und der Dummheit, ist die erbauliche Beziehung zum Geist. c) Unser Geist vermag die Zeit nicht zu erfassen. Deshalb ist Gleichzeitigkeit eine Täuschung. Gleichzeitig möchte besagen: subjektiv, unmittelbar, leidenschaftlich. Ich frage mich, und ich frage Sie, lieber Herr Nielsen, ist an der von Kierkegaard geforderten "Gleichzeitigkeit" mit dem Kreuz etwas auszusetzen? Wenn nicht, warum sollten wir nicht jene vorgestellte "Gleichzeitigkeit", als Muster annehmen das uns die Vergangenheit vergegenwärtigt. Dann würde die "Geschichte" der Vergangenheit gegebenenfalls zur Hymne, zum Loblied, anderenfalls zur Trauerode, zur Elegie. Sollten wir eine solche Verwandlung beanstanden? Wäre sie unanständig? d) Warum "Philosophie"? Kann man sich am eigenen Schnürsenkel aus der Grube ziehn? Kann das Denken die eigenen Fehler finden? Kann das Denken sich mittels des Denkens retten? Kann das Denken sich läutern? sich verbessern? Wahrscheinlich, insofern das Denken am Erleben gemessen und berichtigt wird. Es muss unbestimmt bleiben in welchem Maße, in welcher Hinsicht sich das Denken durch das Denken erklären lässt und wohin Versuche dies zu tun tatsächlich führen. Wenn ich schreibe, dass geistige Vorgänge obwohl sie sich mir ins Bewusstsein drängen, ihre Gründe im Unbewussten haben, so besage ich vornehmlich ihre Unvollkommenheit, will sagen, meine Unzufriedenheit mit ihnen, die Unzulänglichkeit meines Denkens, denn das Unbewusste, was immer es sein möchte, ist mir unerreichbar. Der Begriff des Unterbewusstseins ist eine psychoanalytische Finte, als etwas an meiner Seele das ich nicht zu erleben vermag, von dem aber der Psychiater zu wissen vermag. Es ist jenseits meines Vermögens die Suche nach den Grundlagen des Denkens zu vervollkommnen. Der Anspruch dies zu tun, der Versuch sie zu vervollkommenen, führt zu keiner Vollkommenheit, sondern lediglich zu meiner täuschenden und getäuschten Zufriedenheit mit ihnen und mit mir selber. Eine Säule meines Verständnisses meines Denkens ist das Bewusstsein (awareness) des Vorgangs der Anpassung mittels dessen ich von den Erscheinungen und Vorgängen der Außenwelt die mich berühren verwandelt werde, mit dem Ergebnis, zum Beispiel, dass ich infolge meiner Assimilation den Weg nach Hause finde. Ein Unterschied zwischen dem der zu lernen vermag und dem der unfähig ist zu lernen, möchte nicht, wie angenommen wird, der Fleiß, der Eifer sein, sondern Assimilierungsfähigkeit. Theologie Du lieber Gott, was ist aus dir geworden? Wo bist du, wo hast du dich versteckt, wo ist dein gegenwärtiger Aufenthalt? Wo wäre Gott, was ist aus Gott geworden, ist es erlaubt ihn zu erklären Über den Wolken hatte man ihm den Thron gesetzt weil man ihn nicht erreichen konnte, wo er nich zu aufzufinden war. Doch jetzt haben die Düsenjäger versucht ihn dort aufzuspüren, und haben ihn verscheucht. Die Raketen haben Gottes Himmelsheimat ihm genommen Auch du musst dem Fortschritt weichen und wie wie ein Tier auf sommerlicher Heide du musst vergehen oder du musst dich in deinen kristallenen Palast zurückziehn. In mir? Du sagt in mir? Da ist ja alles so unaufgeräumt und durcheinander, ich schämte mich irgendjemanden, besonders ihn dorthin einzuladen. Und wenn, hieße es etwas anderes als ihn dort zu verstecken? Vermutlich ist der Gott in mir: Gott ist Dein Ich dem du den Rücken kehrst. Was soll Gott in mir? Wozu dient er, welchen Unterschied macht er? Wieso bedürfte meine Lebenswelt einen Gott, sei er nun inwendig oder auswendig? Ich erkläre mir die Wirkung, die Bedeutung, die Funktion Gottes in folgender Weise: stelle mir vor, angesichts der Hinfälligkeit meiner Subjektivität, (m)ein ankerloses Erleben in der gedeuteten Erfahrenen Welt. Ich fühle die Schwäche meines Ich, meiner Subjektivität, meiner Seele; ich ahne dass mein Wissen von der Welt nur eine schwache unzuverlässige Vorstellung ist, dass die wirkliche, meiner Subjektivität unzugängliche Welt mich bedroht, in Bereitschaft mich zu zerstören, was denn auch tatsächlich so ist. Aus diesem Gefühl, aus diesem Bewusstsein meiner Schwäche beschwöre ich mir einen starken Gott auf meiner Seite, mich gegen das Böse, das Nichtsein, den Tod zu feien. Herr, der du stark und mächtig bist, Gott, dessen Name heilig ist, Wie wunderbar sind deine Werke! Du siehest mich Elenden an, Du hast an mir so viel getan, Daß ich nicht alles zähl und merke. Sopran Arie, Kantate #10 Gott ist die notwendige Ergänzung meines Bewusstseins meiner schwachen Subjektivität. Meine Lebensschwäche erfordert auf meiner Seite um mich gegen die böse falsche Welt zu verteidigen. Deshalb ist Gott mir notwendig für meine Existenz, notwendig um zu existieren. Gott ist das notwendioge Korrelat des Ich. Gott verleugnen heißt mich selber verleugnen. Das gilt auch umgekehrt. "Was willst du tun Herr, wenn ich sterbe?" Etwas ähnliches hat Rilke als 21. Jähriger gefragt: Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe? Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?) Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?) Bin dein Gewand und dein Gewerbe, mit mir verlierst du deinen Sinn. Nach mir hast du kein Haus, darin dich Worte, nah und warm, begrüßen. Es fällt von deinen müden Füßen die Samtsandale, die ich bin. [27] Dein großer Mantel läßt dich los. Dein Blick, den ich mit meiner Wange warm, wie mit einem Pfühl, empfange, wird kommen, wird mich suchen, lange – und legt beim Sonnenuntergange sich fremden Steinen in den Schoß. Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange. Die Vorstellung der Götter, oder des Gottes, betrachte ich als Brücke zwischen dem Innen und Außen, zwischen dem was nur ich als Einzelner erlebe, und was ich als Gesellschaftsmitglied (Herdentier) erlebe. Als Herdentier verwandelt und erweitert sich mein Bewusstsein in das Bewusstsein des Soldaten, des Beamten, löst sich in diesem erweiterten Bewusstsein auf oder geht verloren in ihm. wird sogar vielleicht von ihm erstickt. Samtidighet als escape hatch, als Rettungsluke, als Notaustiegsluke aus den bestrickenden, erstickenden Netzen der positiven, der wissenschaftlichen, der gedeuteten Welt. Ich möchte als erster darauf hinweisen, dass der Ausstieg (die Flucht, escape) die Flucht von der Verantwortung, von der Arbeit welche die Welt der Bestimmtheit, der Technik, der gesellschaftlichen (Un)Ordnung, der Gesellschafts(un)ordnung uns auferlegt, aber auf Grund (als Ergebnis) von Trägheit, Faulheit, Unfähigkeit. Ich hab es anders gemacht, hab lebenslang versucht mir meine geistig-seelische Freiheit dadurch zu erwerben, dass ich es besser machte als meine Kollegen und Konkurrenten, auf allen Gebieten in die ich mich verirrte. Da kam dann ein Punkt wo die Flucht, das Entkommen, die Selbstrettung keine weitere Rechtfertigung oder Erklärung bedurfte, sondern selbstverständlich möglich und notwendig erschien. Sie schreiben: "Wenn man zugibt, dass die Historiographie vielfach durch Unzulänglichkeit und Naivität belastet ist, so wird man doch die geschichtliche Dimension nicht ganz eskamotieren können." Ich antworte: Vielleicht ist Gleichzeitigkeit die wirkliche, die einzig mögliche geschichtiche Dimension. Ich möchte versuchen zu verstehen was die historische Dimension bedeutet, wie sie sich zu meinem Erleben verhält, und demgemäß, wie ich mich zu ihr verhalten sollte. Sie zitieren Heidegger: “Die Philosophie als die denkerische Besinnung auf die Wahrheit des Seyns hat nur die Aufgabe, für die Wenigen, d.h. die Schaffenden, den Spielraum das Wissens und gründenden Sagens vorauszuschaffen. Daran, ob einer dies Wesen der Philosophie begreift und sich zur Notwendigkeit macht als ein Gleichrangiges, Unableitbares, entscheidet sich mit seine (sic) Zugehörigkeit zu den Wenigen - eine Zugehörigkeit, die man nie wählen und sich beschaffen kann, sondern die jedem als die große Last auf die Schulter gelegt wird.” (Heidegger, Überlegungen) Ich erinnere Shakespeare: And Crispin Crispian shall ne'er go by, From this day to the ending of the world, But we in it shall be rememberèd— We few, we happy few, we band of brothers; For he to-day that sheds his blood with me Shall be my brother; be he ne'er so vile, This day shall gentle his condition; Shakespeare King Henry V, Act 4, scene iii Wenn wir Heidegger fragten: "Zugehörigkeit zu den Wenigen? Meinten Sie wirklich: 'Wir Wenige, wir glücklich Wenige, wir Brüdersippe' Ist ihnen die Philosophie tatsächlich ein Kommunalunternehmen?" Was würde er antworten? Herzliche Grüße an Sie beide. Ich bitte Sie um Verzeihung für alles. Noch einmal Shakespeare: And my ending is despair Unless I be relieved by prayer, Which pierces so that it assaults Mercy itself and frees all faults. As you from crimes would pardoned be, Let your indulgence set me free. Tempest Act V, Scenen 1 Darf ich dennoch unterzeichnen: Jochen Meyer?