Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Postkartenbrief mit dem Buch ... von Walser, oder sollte ich schreiben, vielen Dank für das Buch von Walser, mit dem Postkartenbrief. Das Päckchen erreichte mich heute zur günstigsten Stunde, denn ich bin mir seit Tagen bewusst Euch einen Brief schuldig zu sein, einen Brief der sich trotz aller guten Vorsätze nicht schreiben lassen wollte, umso beschämender wo ich doch den beständigen Vorsatz hege zu versuchen Tag für Tag, von morgens bis abends zu schreiben. Wohl möchte ich mich abfinden mit der Enttäuschung, dass mir das Schreiben überhaupt nicht gelänge; aber das Gegenteil ist der Fall, das Schreiben gelingt mir schon; Seite um Seite verschwinden in den Karteien des Rechners, und trotzdem, oder genauer gerade deshalb steigert sich die Demütigung der Einsicht dass dieser Bodensatz des Geistes den ich mir aus dem Gemüte kratze, für keinem von Interesse ist und dass, wenn ich ihn dennoch mitzuteilen versuche, mir nichts übrig bleibt als die Bitte um Verzeihung für meine Bemühungen, eine Bitte die weil sie mich nichts kostet, belang- und wertlos ist. Man sagt: "You get what you pay for." Ob das wohl anders werden wird? In ein paar Tagen werde ich das Buch gelesen haben, und werde in der Lage sein Euch von den Gedanken die dann in meinem Gemüt auftauchen Rechenschaft abzulegen. Inzwischen vielen Dank, dass Ihr nach so vielen Jahren noch an mich denkt, und warme Wintergrüße aus einem noch sehr kalten New England. bis abends schreibe, Das Wandern ist das Vorbild für das Leben denn wandern heißt nirgends zu hause sein Wandern heißt einsam dem entgegenstreben Gleichzeitigkeit, Geschenk von Søren Kierkegaard, ihr lacht mich aus wegen der Albernheit denn welchen Wert möcht der Gedanke haben. Das Wandern ist Vorbild, epitome, der Inbegriff für das Leben. Es ist die wesentliche Beschäftigung, die Quitessenz des Lebens des einzelnen Menschen in der er wirklich wird, es leitet ihn durch die Landschaft, durch die Natur, durch die nicht-menschliche Welt zu sich selbst. Auch schafft das Wandern eine überzeugende, zwingende Basis der Beziehung zu anderen Menschen. Man erwäge ob nicht vielleicht Völkerwanderungen Urerscheinungen der Gesellschaft sind. Wie herkömmliche Wanderungen im Außen, in der Natur stattfinden, so erlebe ich das Denken als eine Wanderung durch die Innenwelt; neue Einsichten hier wie neue Aussichten dort, der Pfad der Gedanken vergleichbar mit dem Pfad dem die Füße folgen. Eindringlich bewusst, wie sich die Landschaft verwandelt indem sich mit meinem Fortschreiten sich meine räumliche Verhältnisse zu ihr verwandeln. Hinter dem nächsten Hügel mag sich ein Tal erstrecken dessen Ausmaß, dessen Fruchtbarkeit ich von meinem gegenwärtigen Standpunkt nicht zu ahnen vermag. Für das Umschlagen der Erkenntnis, wie die optische Illusion welche das Vexierbild veranschaulicht, hab ich auf meinem Wanderwege noch kein Gleichnis gefunden. =================== Mathematik ist etwas anderes. Sie ist nicht Wissen von Zeitlichem, sondern sie ist überzeitliches Können, das seine eigene Beschreibung, sein eigenes Kapitel bedarf. Diese Feststellung ist ein Hinweis auf die Unterscheidung von Wissen und Können. Vor Jahren meinte ich Können sei eine Spezies des Wissens, und beide, Können und Wissen müssten in die Erkenntnislehre eingegliedert werden. Heute meine ich, umgekehrt, dass Wissen eine symbolisch, sprachlich und/oder mathematisch, verankerte Spezies des Könnens ist, auf Grund seiner symbolischen Haftung außerordentlich mitteilbar, und somit eine sehr wesentliche, vielleicht die wesentlichste Grundlage unserer Vergesellschaftung. Alles? Wissen ist Vergegenwärtigung eines Vergangenen, ist Vorstellung in der Gegenwart eines in der Vergangenheit Erlebten oder Erlebbaren. Unsere Sprache weist auf was immer ich im Sinn habe. Das Wissen um die Sprache ist im Wörterbuch, vielleicht auch in der Grammatik, beurkundet, festgelegt. Das Können der Sprache ist die Tat des Sprechens. Der Umstand dass ich heute spreche wie gestern, wie vor einer Woche, wie vor einem Jahr gewährleistet die (zugegeben Pseudo-) Integrität meines Ich. Auf Grund des Gleichbleibens meiner Sprache (und anderer befestigter Fähigkeiten) vermag ich Tag für Tag und vielleicht Monat für Monat oder gar Jahr für Jahr, dasselbe aussprechen, ein und dasselbe Wortgefüge das vorübergehend mein Denken, mein Gemüt beherrscht, ein Gleiches dessen Gleichheit mein Sein dem Fluss der Zeit enthebt, oder zu entheben scheint; ein Erleben das nicht nur dem Sprechen eigen ist, sondern das mittels der Handlung Ausdruck der Bleibens die Vergänglichkeit vorübergehnd verbirgt, so dass man allmählich ein wenig Ewigkeit spürt. Die Beständigkeit des Sinnbilds, des Symbols rührt von der Tatsache dass es der Verwertung halber gelesen, dass es ausgesprochen werden muss. Somit ist das Wort eine Abwandlung der Beständigkeit der Handlung. Deshalb: Das Wort sie sollen lassen stahn. Das Gleichbleiben des geschriebenen Wortes ist von dem Gleichbleiben des gesprochenen Wortes nicht unterscheidbar. Auf das Wesen des Wortes kommt es an. Meine Fähigkeit dieselbe, oder scheinbar, vorgeblich dieselbe Handlung zu tun, dasselbe Wort auszusprechen ist ein sanftes subjektives Versprechen des Ewigen, des nicht Vergehenden, wie auch immer täuschend.