am 25. Februar 2019, 20:00 Uhr Lieber Herr Nielsen, Dank für Ihren Brief. In Heidelberg ist's schon längst nach Mitternacht, und sie sind vermutlich von Bad Mingolsheim in Ihre leere Wohnung zurückgekehrt. Ich weiß wie das ist. Bezweifle aber dass es mir gelingen möchte Ihnen mit einem meiner Schwafelbriefe Gesellschaft zu leisten. Zu den Elegien die ich so prahlerisch in Betracht zog, bin ich noch nicht gekommen. Es fällt mir auf, dass ich letztendlich am wenigsten mit jenen meiner Schreibereien unzufrieden bin, die sich mir aus dem Unbewussten aufdringen, meist unerwartet, und die ich dann verantwortungslos für den vielleicht sogar abwesenden Inhalt wie ein Diktat niederschreibe. Seit einigen Wochen hat sich ein bis jetzt regelmäßiges Zusammentreffen mit zwei Mitgliedern des Orchesters meines Enkels Nathaniel entwickelt. Es handelt sich um einen sehr intelligenten, ledigen, bemittelten einundvierzig Jahre alten Elektrotechniker Namens Nicola Chubrich, der für Nathaniel zuweilen Bratsche, zuweilen zweite Violine spielt, und einen jüngeren ebenfalls scheinbar sehr intelligenten Oboisten, Michael Ochoa, der schweigsam ist, und mir bis jetzt nichts vom seinem eigenen Leben erzählt hat. Aber Michael versteht die Problematik des Niederschlags unverständlicher Sprachbrocken in vermeintliche Gesetze, von denen Kant meint dass sie die Welt regieren und denen ein jeder von uns absolut gehorsampflichtig ist. Den beiden, Nicola und Michael liegt daran, einige von Platons Schriften mit mir zu lesen. Sie kommen an ihnen beliebigen Abenden nach dem Essen und bleiben zwei bis drei Stunden zu ungezwungenen Unterhaltungen über das verabredete Thema. Beim ersten Besuch, war es die Verteidigungsrede des Sokrates über die wir uns unterhielten, beim zweiten, das Gespräch Kriton, und in Vorbereitung für den kommenden, den dritten Besuch hat Nicola vorgeschlagen, dass wir das Gespräch Phaedon lesen. Ich bezweifle dass Nicolas und Michaels Interesse lange währen wird. Alles ist vergänglich; Bleiben ist nirgends. Darin stimmen Rilke und Heraklit überein. In diesem Zusammenhang bedenke ich mit melancholischer Ironie, dass ich es nun in den abschließenden Tagen meines irdischen Daseins nun doch, wenn auch nur zu einer Parodie der Professur, die ich mir in meinen jungen Jahren gewünscht hatte, gebracht habe. Jedenfalls hat sich ein Seminar merkwürdigster Art ergeben. Ich erlebe es als anregend immer wieder zum Nachdenken über Texte die ich nur kaum oder garnicht verstehe, veranlasst zu werden. So zum Beispiel über den einschlägigen Hinweis auf das kärgliche Familienleben des verurteilten Störenfrieds Sokrates, wenn er seinen Freund Kriton betreffs der weinenden, klagenden, vielleicht sogar heulenden Ehefrau Xantippe beauftragt: [60α] κατελαμβάνομεν τὸν μὲν Σωκράτη ἄρτι λελυμένον, τὴν δὲ Ξανθίππην—γιγνώσκεις γάρ—ἔχουσάν τε τὸ παιδίον αὐτοῦ καὶ παρακαθημένην. ὡς οὖν εἶδεν ἡμᾶς ἡ Ξανθίππη, ἀνηυφήμησέ τε καὶ τοιαῦτ᾽ ἄττα εἶπεν, οἷα δὴ εἰώθασιν αἱ γυναῖκες, ὅτι ‘ὦ Σώκρατες, ὕστατον δή σε προσεροῦσι νῦν οἱ ἐπιτήδειοι καὶ σὺ τούτους.’ καὶ ὁ Σωκράτης βλέψας εἰς τὸν Κρίτωνα, ‘ὦ Κρίτων,’ ἔφη, ‘ἀπαγέτω τις αὐτὴν οἴκαδε. 60a] we found Socrates just released from his fetters and Xanthippe—you know her— with his little son in her arms, sitting beside him. Now when Xanthippe saw us, she cried out and said the kind of thing that women always do say: “Oh Socrates, this is the last time now that your friends will speak to you or you to them.” And Socrates glanced at Crito and said, “Crito, let somebody take her home.” Dieses Familienbild rief mir dann das kleine Lied ins Gedächtnis das mich trennungsverängstigtes Kind lebenslang getröstet hat. Es stammt aus einer Oper von Heinrich Stölzel und ist durch den Eintrag ins Notenbuch der Anna Magdalena Bach bekannt geblieben. Bist du bei mir, geh ich mit Freuden zum Sterben und zu meiner Ruh. Ach, wie vergnügt wär so mein Ende, es drückten deine schönen Hände mir die getreuen Augen zu! Mit erstaunlicher Einfühlung, obgleich ohne Ahnung was sie besagt, spielt mein Enkel Nathaniel die Melodie auf seiner Trompete. Wie unterschiedlich war nicht die Welt Athens im vierten vorchristlichen Jahrhundert von der Welt Deutschlands im achtzehnten! Dem Phaedon gemäß, ließ Sokrates sich in den Tod begleiten nicht von seiner Frau, nicht von einer nahen Freundin oder von ein einem nahen Freund, sondern von einer zahlreichen Gesellschaft welche die wirkliche Beziehung der Menschen zu einander, wie ich sie erlebe, zersetzt. In diesem Zusammenhang ist mir bedenkenswert was ich mir seit Jahren in der vierten Kantate des Weihnachtsoratoriums als ein protestantisches Requiem erkläre. Der einschlägige Text, vielleicht von Picander gedichtet: Immanuel, o süßes Wort! Mein Jesus heißt mein Hort, Mein Jesus heißt mein Leben. Mein Jesus hat sich mir ergeben, Mein Jesus soll mir immerfort Vor meinen Augen schweben. Mein Jesus heißet meine Lust, Mein Jesus labet Herz und Brust. Jesus, du mein liebstes Leben, Meiner Seelen Bräutigam, Komm! Ich will dich mit Lust umfassen, Mein Herze soll dich nimmer lassen, Der du dich vor mich gegeben An des bittern Kreuzes Stamm! Ach! So nimm mich zu dir! Auch in dem Sterben sollst du mir Das Allerliebste sein; In Not, Gefahr und Ungemach Seh ich dir sehnlichst nach. Was jagte mir zuletzt der Tod für Grauen ein? Mein Jesus! Wenn ich sterbe, So weiß ich, daß ich nicht verderbe. Dein Name steht in mir geschrieben, Der hat des Todes Furcht vertrieben. Ich betrachte diese Strophen als zur großen verkannten Dichtung des deutschen Barock gehörig. Die darauf folgende Echo Arie für Sopran und solo Oboe höre ich als musikalische Darstellung der Todesahnung. Das Echo ist die tröstende Heilandsstimme aus dem Jenseits von wo sie das ewige Leben verspricht. Flößt, mein Heiland, flößt dein Namen Auch den allerkleinsten Samen Jenes strengen Schreckens ein? Nein, du sagst ja selber nein. (Nein!) Sollt ich nun das Sterben scheuen? Nein, dein süßes Wort ist da! Oder sollt ich mich erfreuen? Ja, du Heiland sprichst selbst ja. (Ja!) Die drei Schriftstücke die wir durchgeommen haben, die Verteidigungsrede, die Gespräche Criton und Phaedon, mögen als Zusammengfassung eines altgriechisches Sterbensverständnis gelesen werden, Sie sind Todeslehre, Thanatologie. Bedeutsam erscheinen mir verschiedene Themen, wie etwa die Götter und ihr Haushalt, die Verlockung einer möglichen Flucht, die Problematik des Exils in der Fremde, die dieseitige und jenseitige Phänomenologie des Todes, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Wahrheit und Lüge in Beziehung zu den FRichtern, Zeugen, und Opfern von Gerichtsverfahren Diese Themen lassen sich mittels von induktiven oder deduktiven Deutungen erörtern (erwägen). Induktive Erörterungen ergeben sich aus sorgfältigem, gewissenhaften und vollständigem Zusammenlesen der vielen einzelnen einschlägigen Aussagen im gegebenen Schriftstück, bedürfen dennoch am Ende das zusammenfügende Verständnis des Lesers. Deduktive Erörterungen hingegen, setzen vom Leser eine vom Schriftstück unabhängige umfassende Deutung der Erlebenswelt voraus, eine Deutung welche jeweils von den Gegebenheiten einer vorliegenden Schrift bestätigt, berichtigt oder widerlegt werden mögen. Weiteres ließe sich am gegebenen Beispiel erleutern.