am 18. Februar 2019 Lieber Herr Nielsen, für die Verwandlungen welche sich das alternde Erinnerungsvermögen unterzieht, bekomme ich täglich neue Anhaltspunkte, wie zum Beispiel soeben bei dem vergeblichen Versuch mich auf meinen letzten Brief an Sie zu besinnen. Seitdem sind nur dreiundzwanzig Tage vergangen; was aber mein Gedächtnis anbelangt, hätten es auch Wochen oder gar Monate sein können. Ich verbringe meine Tage - und Wochen - und Monate - in einer pseudo-majestätischen Einsamkeit mit der ich zunehmend zufrieden, für die ich zunehmend dankbar bin, eine Feststellung mit der ich diese Abgeschiedenheit keineswegs als "gesund" behaupten möchte. Aber was heißt im neunundachtzigsten Lebensjahr "gesund"? "Die großen Worte, aus den Zeiten da Geschehen noch sichtbar war," hat Rilke geschrieben, "sind nicht für uns. Wer spricht von siegen? Überstehen ist alles." Die zunehmende Vergesslichkeit bewirkt, dass mir vieles das ich denke, wenn nicht alles, als neu erscheint, und dass mein Schreiben zu einem fortwährenden Wiederholen des einst Erwogenen zu werden droht. Je älter ich werde, desto eindeutiger scheint es mir dass ich die geistige Tätigkeit im allgemeinen, und das Schreiben ins Besondere als eine sehr persönliche Suche nach Heimat betrachten sollte, eine Tätigkeit womit ich mir eine geistige Wohnung schaffe in der ich zuhause bin. In diesem Sinne habe ich mir das Ziel gesteckt in den kommenden Wochen und Monaten, insofern sie mir noch gegeben sein sollten, die Erinnerungen der verschiedenen Stadien des langen, erfolglosen Lebens in elegie-artigen Gedichten zusammenzufassen, und bin mir bewusst, indem ich es ausspreche, wie wahrscheinlich, dass ich nie dazu kommen werde, und dass ich mich für den prahlerischen Entwurf werde entschuldigen müssen. Für meine Überzeugung dass alles Dasein mit Schuld behaftet ist, und einen jeden von uns der es genießt, mich ins Besondere, zu Entschuldigung verpflichtet, berufe ich mich auf Anaximander. Inzwischen aber sende ich Ihnen beiden herzliche Vorfrühlingsgrüße. Jochen Meyer