am 1. Februar 2019 Lieber Jürgen, Dank für Deine drei Briefe und für Deine Sorgen um mich. Ich bin zu dumm um festzustellen, ob es mir gut geht oder schlecht. In kaum sechs Monaten werde ich 89 Jahre alt sein, und wenn man in seinem 89. Jahre überhaupt noch von such zu berichten vermag, möchte das heißen, dass es einem gut geht, weil man noch lebt, oder es möchte heißen, dass es einem schlecht geht weil die Gebrechen des Alterns und - wenn man ehrlich mit sich ist, - des langsamen Sterbens, unentrinnbar sind. Um der klinischen Sachlichkeit gerecht zu werden, will ich Dir berichten dass eine entzündliche Steifheit der Hüften mich wesentlich am Gehen, neuerdings auch an zwei Stöcken, behindert, dass die Beugungsbeschränkung der Hüften es mir unmöglich macht, auf eine Leiter zu klettern, dass Gelenkschmerzen mir ab und zu den Schlafen vertreiben, dass mir das linke Bein und der linke Fuß wesentlich, wahrscheinlich auf Grund einer Gefäßstörung, geschwollen sind, und dass ich, obgleich selbst Arzt, und obgleich Vater und Schwiegervater von Ärzten bin, von jeglichen diagnostischen und therapeutischen medizinischen Bemühungen absehe. Ich wohne allein und fast verlassen, aber zufrieden und sehr dankbar für die Einsamkeit, in einem unverschämt geräumigen nominell 451 Quadratmeter großen Haus, das ich um Geld zu sparen an kalten Tagen nur bis 6 Grad Celsius heize. Mein Sohn und meine Schwiegertochter wohnen nebenan in dem Haus das ich ihnen zur Hochzeit geschenkt habe, und wo ich grundsätzlich nie zum Essen oder gar zum Übernachten eingeladen werde. Mein Sohn besucht mich eine knappe Stunde lang fünf oder sechs Mal in der Woche. Meine Schwiegertochter, einmal alle sechs Monate. Die ältere Enkelin, Rebekah, ist verheiratet und wohnt mit Mann und Säugling in Colorado, der ältere Enkel, Benjamin, studiert Medizin in New York City, der jüngere Enkel Nathaniel, ist Musiker, hat neun Monate lang bei mir gewohnt, ist aber dann, um sich seine Selbstständigkeit zu beweisen, in eine teure Mietswohnung im benachbarten Cambridge umgezogen. Die jüngere Enkelin Leah hat ihr Studium an der Yale University abgeschlossen und ist nun entwurzelt ich weiß nicht wo. Ich lebe - oder sollte ich schreiben, - ich sterbe langsam - dankbar und zufrieden inmitten der Geisteswelt die ich mir bewusst und besonnen in den verstrichenen achtzig Jahren zusammengelesen habe, meine sogar mir einen ungeahnten Geisteszustand entdeckt zu haben, den der Psychiater als senile Euphorie benennen möchte, den ich aber Dir von Hölderlin beschreiben lassen will: Am Abendhimmel blüht ein Frühling auf; Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint Die goldene Welt; o dorthin nimmt mich, Purpurne Wolken! und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! — Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht Der Zauber; dunkel wirds, und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich. — Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja, Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. (Abendphantasie) Vielleicht ist es, weil im hohen Alter das Leben fast völlig vergangen erscheint, dass der Geschichte um die Du Dich in so hohem Maße bemühst eine große Bedeutung anhaftet, wie Rilke schrieb: "Und alles ist, als wär es schon geschehn," dass sich aber andererseits die leere Gegenwart zu ungebührlichem Sinn aufbläht. So schrieb ich vor zwei Jahren ein Sonnet, worüber ich Dich als Historiker bitten muss, Dich nicht zun ärgern. Geschichte I Im Lesesaal studieren wir Geschichte. Unzähl'ge Bücher auf Regalen stehn, Enthalten die gelehrtesten Gedichte, die woll'n der Wahrheit nur im Wege stehn. Ein Sonnenstrahl dringt durch das offne Fenster, in seiner Bahn erglänzt der Staub im Tanz. Der Staub ist echt, im Buche sind Gespenster. Schau, es verhüllt der Staub der Helden Glanz. Der Staub im Licht hat größ're Wirklichkeit als Staatsverträge der Vergangenheit, denn das Geschehene ist unerreichbar. Nur Gegenwärtiges ist mir begreifbar. Flüchtiger Staub bezeugt mein jetz'ges Leben. Geschichten nur als Phantasien schweben. Bitte ärgere Dich nicht an mir, und sei wenn auch verspätet, zum Neuen Jahr, herzlich gegrüßt. Dein Jochen