am 27. Januar 2019 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Postkartenbrief, der mir ein so lebhaftes Bild Eures Lebens und Erlebens vorführt, und dem ich entnehme, dass Ihr wohlauf und zufrieden seid. Die beigelegten Zeitungsausschnitte hab ich sämtlich, vollständig gelesen. Zuweilen kam es mir vor, als hätte auch ich eine Weihnachtsreise nach Oberbayern hinter mir, und wäre mit Euch ins Sauerland zurückgekehrt, das sich nun schließlich von der beängstigenden Dürre des Sommers und des Herbsts erholt. Stattdessen hat sich mein Leben seit Jahresanfang in anderer Weise verwandelt, indem ich mich nun nach dem Abschluss des langwierigen Rechtsstreits, aufs Neue der Fertigstellung des Hauses auf der Insel zuwende. Viel leichter gesagt als getan, denn es handelt sich um körperliche Arbeit die ich von meinen verkrüppelten Hüften und Knieen verlangen muss, und die sie mir leider in nur sehr knauserigem Maße gewähren. Am vergangenen Sonnabend kam ich nach dreizehntägigem Besuch von Nantucket zurück, Gelegenheit bei der es mir gelang die meisten der vom Gipser unvermeidlich unterbrochenen elektrischen Verbindungen wiederherzustellen. In einigen Wochen werde ich zurückfahren um diese Arbeit fortzusetzen, und hoffentlich zu beenden. Zum Einbauen der Fußböden, der Innentüren und der Panele bin ich zu alt und verkrüppelt, hab dazu den Zimmermann angestellt, der vor zwölf Jahren das Gerüst aufzog. Manchmal erscheint mir die Arbeit die mir jetzt unmöglich ist, die ich aber vor zehn Jahren noch hätte selber erledigen können, wie ein Vergrößerungsspiegel der mir zeigt, wie es wirklich mit mir steht, wie unerbittlich es mit mit abwärts geht. Ich frage mich, ob es möglich ist Euch mein heutiges Leben zu beschreiben ohne zu klagen wie schlecht, und ohne zu prahlen wie gut es mir geht. Vielleicht ist mein nachhaltigstes geistiges Erbe die unzerüttbare sokratische Anmaßung sich selber zu verstehen. Jedenfalls haben meine Eltern mich in dem Glauben an die Pflicht und demgemäß an die Möglichkeit erzogen mein Ich und die zu diesem Ich gehörende Welt zu erkennen, an dem Maßstab einer unanzweifelbaren Wahrhaftigkeit zu messen, und in wenn auch ausgesprochener Beichte zu bekennen. Zugleich aber waren meine Eltern von der rilkeschen Einsicht überzeugt: "Das, was geschieht, hat einen solchen Vorsprung vor unserm Meinen, dass wirs niemals einholn und nie erfahren, wie es wirklich aussah." (Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth) Das Paradox der von Rilke gepriesenen Unsagbarkeit des Erlebens und der von Sokrates geforderten (Selbst)Erkenntnis, ist meinen Eltern nie klar geworden. Ich selber finde aus diesem Widerspruch keinen Ausweg als das Versteckenspielen im Gedicht oder im Roman. Zum gleichzeitigen Hausbau und Schriftstellern aber mangelts mir an Zeit und Kraft, - nicht aber Euch beide zum Neuen Jahr noch nachträglich herzlich zu grüßen. Euer Jochen