am 1. Januar 2019, 10:58 Lieber Herr Nielsen, Beim späten Erwachen an diesem hellen sonnigen Neujahrsmorgen, und beim Überlesen des Brieffragments das ich Ihnen gestern Abend sandte, fällt mir betreffs meiner Fragen um die Inkarnation des Göttlichen und um die Vergöttlichung des Menschen eine Antwort auf. Die Nebeneinanderstellung bei Thales von Entdeckung vom Wasser als Urstoff und seiner Bestätigung der Allanwesenheit von Göttern, "alles ist voll von Göttern", stiftet in meinem nicht weniger lüsternen Geist denn Botticellis, die Vorstellung der Inkarnation des göttlichen Eros als weibliche Gestalt, die Auferstehung Aphroditens auf der Muschel aus den Wellen als Ansatz der Fahrt in die Himmel männlicher Sehnsucht. Dabei lässt meine Besessenheit mit dem Widerspruch von Subjektivität und Objektivität mich nicht fahren. Der Mensch kennt beide: sein Ich und seine Welt. Bei aller Überschwemmung des Geistes und der Gedanken mit der Gegenständlichkeit der gemeinsamen gesellschaftlichen Welt, behaupten sich in den Urwassern des Thales, wo "alles ist voll von Göttern." die Götter als Felsen, als Wahrzeichen des Ichs. Erinnert mich an das Auftauchen in DaPontes Cosi fan tutte des Selbstseins der Fiordiligi als Felsen im Meer der Unbeständigkeiten. Come scoglio immoto resta Like a rock, we stand immobile Contra i venti, e la tempesta, against the wind and storm, Così ognor quest'alma è forte and are always strong Nella fede, e nell'amor. in trust and love. Con noi nacque quella face From us is born the light Che ci piace, e ci consola, that gives us pleasure and comfort, E potrà la morte sola and the power of death alone Far che cangi affetto il cor. can change the affections of our hearts. Die bündigste theologische und psychologische Erklärung die ich je entdeckt habe, ist die Spiegelei von Gott und Ich. Der Gott, in welcher Gestalt auch immer, ist Projektion, ist Entwurf des Ich in den Kosmos, und umgekehrt, das Ich ist die Sammlung, der Niederschlag alles Heiligen, alles Göttlichen der Welt im Innersten, im Herz, in der Seele des Menschen. Meine Betrachtungen über die Geschichte will ich auf einen späteren Brief verschieben. Inzwischen, ein weiteres Mal, Ihnen und Ihrer Frau, alles Gute und alles Schöne zum Neuen Jahr! Jochen Meyer