Liebe Cristina, Das Konzert das heute nachmittag im Beech Street Center stattfand erinnerte mich an Deinen Auftritt dort mit Dvoraks Cello Konzert vor fast einem Jahr, und meine Gedanken wurden ein Nachtrag zu meinem Brief an Dich. 1. Der alte Mensch der den jungen Menschen segnet bestätigt mit diesem Segnen das eigene Leben, und er verjüngt sich indem er dem jungen Menschen den Reichtum der eigenen Seele schenkt. Der Segen hat seinen Wert und Sinn in der Bestätigung der (seelischen) Wirklichkeit und Kraft dessen der den Segen spendet. 2. Die Gesellschaft, i.e. die Herde, zwingt den Einzelnen sich ihr anzupassen, sich ihr anzugleichen, ein Glied zu werden ununterscheidbar von ihren anderen Mitgliedern. Der Einzelne dem es unmöglich ist sich der Gesellschaft anzupassen wird von ihr zerstört. In dieser Gegebenheit besteht die tiefe soziologische Wahrheit des Christentums woraus es immer erneut seine säkulare Macht, seinen geschichtlichen "Einfluss" schöpft. 3. Dass ich in gewissem Maße von meiner Familie ausgeschlossen werde, beruht auf der Tatsache, dass ich unfähig bin mich ihr anzupassen, ein Umstand den ich keineswegs beklage. Die Einsamkeit die er mir gewährt, bietet mir eine außerordentliche Gelegenheit zu geistiger Produktivität wofür ich dankbar bin. 4. Die Existenz meines hohen Alters erschöpft sich in segnender Liebe, in Dankbarkeit und in Sehnsucht. 5. Bitte vergiss nicht dass meine Herzensergießungen keine Antwort, keine Bestätigung, keine Erwiderung erheischen. Dein Jochen