From: Cristina Basili <c.basili@hotmail.com>
To: Ernst Meyer <ernstmeyer@earthlink.net>
Subject: AW: am 28. Dezember 2017
Date: Fri, 29 Dec 2017 21:17:27 +0000

Lieber Jochen,

Lieber Jochen,


Bewusst möchte ich dich lieber nicht mit "Mein guter Hofnarr" anschreiben, denn ich vermute, dass sosehr mich der Ausdruck "königinnenlich" ärgert, sowenig möchtest du "Hofnarr" genannt werden. Ich denke, du würdest viel lieber mein König oder zumindest Prinz genannt werden wollen. Aber es kann auch sein, dass ich mit meiner Vermutung ganz falsch liege. Wir können auch annehmen du wärest der König und ich eine Prinzessin. Von mir aus kann ich auch eine Dienstmagd sein. Aber ich denke die Aufgabe der Königin und des Königs ist es zu dienen, nicht der der Dienstmagd oder des Hofnarrs. Ein Satz, den sich Präsidenten und Premierminister einprägen sollten. Somit diene ich dir viel mehr, als du mir. Außer du taufst mich um auf Dienstmagd. 

Es ist interessant für mich von deiner Kindheit zu lesen. Sehr aufregend finde ich die Ähnlichkeit der Temperamente unserer Mütter. Ich bin mit grundlosem Drama quasi aufgewachsen und erinnere mich sehr genau wie sehr mein melancholischer, zurückhaltender Vater davon litt und ich denke noch immer leidet. Aber er hat sich für diese Frau entschieden, also ist das sein Problem. Ich habe sehr früh gelernt, meine liebe Mama nicht so ernst zu nehmen. Meine fünf Jahre ältere Cousine erinnert mich immer gerne an die eine Autofahrt, die sie mit uns-sie achtjährig und ich dreijährig- mit meiner Mutter am Steuer erlebte. Meine gestresste Mutter, die immer und überall verspätet ist, schrie und schimpfte auf griechisch die Wiener Autofahrer an, während ich im Rücksitz friedlich mein Lieblingkinderlied sang und das Geschreie von vorne kaum wahrzunehmen schien. Meine arme Cousine, die ja auch nur ein Kind war, wusste nicht mehr was Realität ist. Ja, ich stimme Schopenhauer zu, dass die Welt die ist, die wir aus unseren Augen sehen. Ich habe sehr früh gelernt zu akzeptieren, was vor mir geschieht. Das ist nicht unbedingt gut, aber man kann so besser leben. Ich sehe jedoch nicht gerne weg. Da gibt es einen großen Unterschied zwischen etwas Schlechtes zu sehen und sich nicht aufzuregen, dass es geschieht oder etwas zu sehen und es zu ignorieren. Genauso wie ich damals das unnütze Geschimpfe meiner Mutter wahrnahm und lernte zu akzeptieren, genauso nehme ich die Welt heutzutage wahr und akzeptiere sie. Von mit schädlichem Unsinn überhäuften Supermärkten, über Medien, Verschwörungstheorien und dumme Politiker, bis hin zu kriminellen Menschentaten und Kriegen. Ja, das alles sehe ich und nehme es wahr und akzeptiere es. Nichts überrascht mich mehr. Die Idee, die die Menschen heute haben "to change the world" beängstigt mich. Es tut gut zu hören, dass einpaar berühmte Yogis dann raten "To change the world you must first change yourself". Dann kommen zumindest die Leute nicht auf verrückte Menschheit schadende Ideen und bleiben zuhause um zu meditieren und Yoga auszuüben. 

Das einzige, das für mich noch ein Wunder zu sein scheint ist die Natur. Wie eine kleine feine wunderschöne Blume sich durch den von Menschen gebauten Beton zwängt und am Rande der Straße aufblüht. Soviel Lebenswillen muss man erstmal haben. 

Eine Sache gibt es da, mit der ich nicht ganz mit dir übereinstimme. Dieses Alleinsein, In-sich-gehen, künstlerisch von innen aus kreativ sein und mit sich selbst in Frieden und glücklich zu sein ist ja gut, besonders nach einer 63-jährigen glücklichen Ehe. Aber ich sehe, dass du, obwohl du immer wieder bemerkst dich nicht beklagen zu wollen, du dich doch darüber aufregst, dass dich die Leute, deine Familienmitglieder, zum Beispiel nie zum Essen einladen. Und ich frage mich warum. Ich weiß nicht was früher einmal geschehen ist, wie sehr du und deine Frau die Geliebte und künftige Frau deines Sohnes akzeptierten und was sonst noch für Familiengeschichten im Wege stehen und um ehrlich zu sagen, bitte schreibe mir nicht davon, wir haben genug Familienprobleme in Athen und Wien, die Meyer´schen interessieren mich nicht wirklich. Worauf ich hinauswill ist, dass was auch immer geschehen ist, wie auch immer die Beziehungen sind und waren- ich habe das Gefühl es ist deine Entscheidung nicht Teil der Familie zu sein, nicht deren. Du bist derjenige, dem die Leute zu dumm sind. Du siehst still zu anstatt Teil davon zu sein. Als meine Eltern da waren, sind doch alle friedlich zusammen gesessen- an DEINEM Tisch. Musstest du wirklich auf meine Mutter warten, um DEINE Familie auf einen Tisch zu bringen? Das verstehe ich nicht. Wenn du mit deiner Familie zusammen essen willst, wieso lädst du sie nicht ein und sagst ihnen, sie sollen etwas zu essen mitnehmen, denn deine Kochkünste sind eher beschränkt? Wieso erwartest du von ihnen, dass sie dich einladen? Familie ist die einzige Gesellschaft, die nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Du liebst dein Kind, egal ob es dich zurückliebt oder nicht. Und solange du lebst musst du diese Liebe hergeben und ausstrahlen. 


Herzlichst,

Deine Cristina



Cristina Basili
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+43 664 73410980


Von: Ernst Meyer <ernstmeyer@earthlink.net>
Gesendet: Donnerstag, 28. Dezember 2017 16:18:09
An: Cristina Basili
Betreff: am 28. Dezember 2017
 
Liebe Cristina,

Also doch! Es ist ein treuer Brief (treu == true) den Du mir hast zukommen lassen, und wie behände! Wie elegant und würdevoll Du die Wahrheit aussprichst.  Wie königinnenlich Du verlautbarst wie sehr Dich Dein Hof langweilt, und wie der Briefwechsel mit mir Dir willkommen ist als Unterhaltung, als Vergnügung, als Zeitvertreib, als Belustigung, als Spaß.  Dass Du eine mehr oder weniger verwunschene Königin bist, möchte ein öffentliches Geheimnis in das ich seit langem eingeweiht bin.  Wenn die Königin sich langweilt, dann bestellt sie den Hofnarren ihr Spaßigkeiten vorzugaukeln.  Das Hofnarrkostüm ist mir auf den Leib geschnitten.  Wenn meine anderen Familienmitglieder mir die Narrenrolle zugeständen, würden sie sich nicht so sehr an mir ärgern und würden mich vielleicht einmal alle drei Monate zum Essen einladen, statt mich zu behandeln als ob ich an der Pest oder an der Tollwut litte.  Diese Betrachtung, wohlbemerkt, ist nur dem Hofnarren erlaubt.  Als Vater und Großvater muss ich sie verschlucken.

Dein treuer Brief, Deine Antwort auf meine Herzensergießungen, kam, wie ich schrieb, behände, nach kaum dreißig Stunden!  Ich will meine Achtung, um das Wort Ehrfurcht zu schonen, darin zum Ausdruck kommen lassen, dass ich der Versuchung widerstehe mit Dir über Dich, von der ich doch, abgesehen von der königinnenlichen Hoheit, schlicht garnichts weiß, zu plaudern; und dass ich auch der Versuchung widerstehe mich mit Dir über Deine Einsamkeit zu unterhalten, wovon ich, da sie mich von Dir trennt, nicht das Geringste zu wissen vermag.  Stattdessen will ich versuchen Dir ein wenig von mir selber zu erzählen, wie ich zum Narren wurde, und wie sich das närrische Leben das ich mir heute im Rückblick zusammendichte.  von Jahr zu Jahr entwickelte.

Obgleich ich auf der Universität vier Jahre Literatur und Philosophie studiert hatte, gewann ich erst im dritten Jahr meines Medizinstudiums eine wenngleich oberflächliche Einsicht in die Freudsche Psychoanalyse.  Ich hab von jeher gezweifelt dass meine Seele sich durch die Entdeckungen des Seelenarztes ergründen ließe.  Um das Blühen und Fruchten fremder Seelen bin ich nie neugierig gewesen.  Umso mehr aber kümmert mich das eigne Ich, und in der Rolle des Selbstmachers in der ich nun einmal auftrete, bin ich von der Archäologie der eigenen Kindheit bezaubert.

Meine Mutter hatte einen lebhaften Sinn für das Dramatische. "Fräulein, sie sollten ans Theater gehen," war der Rat schmunzelnder Mitarbeiter in der Bank wo sie als Prokuristin tätig war.  Besonders Familienereignisse pflegte sie zu dramatisieren.  Der bündige Ausdruck meines eigenen störrischen Wesens war ihr eine kleine Geschichte die sie mir im Lauf meines Lebens immer wieder wiederholte.  Im Sommer 1931, als ich ein Jahr alt und meine Schwester 3 Jahre alt war, machten meine Eltern eine Deutschlandreise ins Tauber- und ins Rheintal.  Mein Großvater väterlicherseits war gestorben.  Seine Frau Elfriede war in Braunschweig und betreute ihre kleinen Enkel.  Bei meine Eltern Rückkehr entsponn sich folgendes:

"Marga, (so hieß meine Mutter) ich bin ja so froh dass ihr wieder zurück seid." "Ja was ist denn los, ist etwas geschehen?" "Ich kann nicht, ich kann nicht mehr, ich bin vollkommen erschöpft.  Das Mädchen war ja ein gutes Kind, war großartig und hat mir keine Schwierigkeiten gemacht.  Aber der Junge, der Junge hat ununterbrochen geschrieen, morgens und abends, Tag und Nacht. Ich konnte es nicht mehr aushalten. Gott sei Dank, dass ihr wieder hier seid."

Ich hab, wie wir als Kinder in Braunschweig sagten, eine lange Leitung.  Jahre sind verstrichen in denen ich diese kleine Dramatisierung immer wieder zur Kenntnis nahm, ohne weiter drüber nachzudenken. Erst nach meiner Mutter Tod, und Jahre nachdem die Trennungsangst durch die eigne glückliche Ehe endgültig verbannt war, stellte ich mir die Frage warum ich nicht auch in den Armen meiner Großmutter wie in den Umarmungen, die ich seelish oder körperlich, wirklich oder imaginär, träumend oder wachend genossen, aller Frauen die mich als Kind - und als Erwachsene - umarmten, Ruhe fand - ob es denkbar ist dass die fromme Jüdin es nicht über sich brachte den unbeschnittenen Säugling in ihre Arme aufzuheben, zu herzen und zu küssen. Jedenfalls, war es der erste Auftritt einer Trennungsangst die hinfort mein Leben gestaltete.

Ein weiteres Mal trat diese Angst in Erscheinung im Juli 1936, als meine Eltern meine Schwester und mich in ein Ferienkinderheim auf der westfriesischen Insel Juist unterbrachten. Auch das weinte ich fast ununterbrochen aus Sehnsucht nach meinen Eltern, besonders, nach meiner Mutter. Bemerkenswert, dass ich bei meiner Großmutter mütterlicherseits, in Berlin-Nikolassee ruhig und zufrieden war.  Was mir nach unsrer Ankunft in New York geschah, hab ich in einem im Internet veröffentlichen Aufsatz, "With the Flanders", beschrieben.  http://home.earthlink.net/~ernstmeyer/notes/Flanders.html Nächst, im Jahre 1942, scheiterte an meiner Trennungsangst der Versuch mich in der achten Klasse in Germantown Friends School in Philadelphia einzuleben.  Erst 1945, in meinem 15 Lebensjahr, das Jahr in dem ich mich in meine künftige Frau verliebte, gelang es mir das Elternhaus zu verlassen.  Vorher fühlte ich mich geborgen fast nur Zuhause.

Heute bin ich überzeugt dass diese Trennungsangst mein eigentliches jüdisches Erbe ist, und dass ich aus dieser Angst in die Musik der Töne und in die Musik der deutschen Sprache als mein besonderes Zuhause entfloh.  Diese Musik, ist mir das ewige Wiederfinden meiner selbst.  Mein Leben ist zu Oikeiosis geworden, Meine Biographie ist die Geschichte meines Ringens mit der Notwendigkeit mir ein Zuhause zu schaffen, um nun endlich nicht mehr allein zu sein.

So etwa, zur Unterhaltung der Königin, der Hofnarr, Jochen

