Liebe Cristina, Erst hat es geschneit. Dann teilten sich die Wolken und die weiße Landschaft die ich vom großen Fenster im dritten Stock überschaue, glänzte im Licht der Sonne. Jetzt ist sie hinter den Dächern der Nachbarhäusern untergegangen. Bald ist es dunkel. Es war ein herrlicher Weihnachtsnachmittag. Die "feste imaginäre Umarmung" aus dem entlegenden Westen hat dazu beigetragen. Wenn ich bekenne dass ich mehere Stunden über diese Fortsetzung meines gestrigen Briefes nachgedacht habe, wüsste ich dennoch nicht ob es ein Nachdenken über Dich war oder ein Nachdenken über mich, keineswegs aber über uns beide, denn dazu bin ich mir zu eindringlich bewusst wie "trennend liegen Berg und Tal" zwischen Belmont und Los Angeles. Auch ist der Unterschied der Temperaturen beträchtlich, 34 im Vergleich zu 67, vermutlich, wie so manches im Leben, ein Spiegelbild. Der Maßstab meines Schreibens an Dich sollte sein - und ist - der mögliche geistige Wert den es Deinem Leben zufügt. Diesbezüglich bin ich sehr unsicher. Dich zu belästigen möchte ich vermeiden, und deshalb versuche ich mich bei unserer Korrespondenz auf das Beantworten Deiner Briefe zu beschränken. Was ich anderes und weiteres im Sinn habe, veröffentliche ich an meinem Netzort. Du wärst, wenn es Dich interessierte, die einzige Leserin. Die Vereinsamung und Einsamkeit in der ich lebe ist mir ein Wunder. Wie viel besser als die mir noch bleibenden Tage unter Menschen verbringen zu müssen die mich nicht "verstehen", und denen ich ein Ärgernis bin. Dass ich trotz unleugbarer Altersschwächen mich mehr dankbar und zufrieden, fast möchte ich schreiben glücklich vorkomme als je in meinem Leben, rechne ich auch dem Alter an. Schon als junger Mensch hat Hölderlin erkannt: Abendphantasie Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf; Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich Purpurne Wolken! und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Laid! - Doch, wie verscheucht von thöriger Bitte, flieht Der Zauber; dunkel wirds und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich - Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja, Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. Als Arzt diagnostiziere ich mein bewusstes Wohlsein als eine Art Geisteskrankheit, eine Euphorie der Senilität, - und stelle Dir die Frage: Willst Du wirklich mit einem Verrückten korrespondieren? Dein Jochen