From: Cristina Basili <c.basili@hotmail.com>
To: Ernst Meyer <ernstmeyer@earthlink.net>
Subject: AW: am Weihnachtsabend 2017
Date: Wed, 27 Dec 2017 06:31:26 +0000

Lieber Jochen,


Tja, das ist eine berechtigte Frage, ob ich, eine 24 jährige hübsche junge Künstlerin meine Zeit damit vergeuden möchte einem verrückten alten vereinsamten Außenseiter der Gesellschaft Briefe zu schreiben. Damit du verstehst, wieso meine Antwort darauf Ja lautet, musst du dir erstmal vorstellen, wie gelangweilt ich vom Rest der Menschen und Freunde, die mir Gesellschaft leisten wollen, sein muss. 

Dieses Jahr feierte ich zum ersten Mal in meinem Leben Weihnachten ohne meine Familie. Da ich sowohl im Februar wie auch im April für zwei Konzerte nach Europa reisen werde, dachten wir, es wäre wohl zu viel Aufwand im Dezember auch noch nach Athen oder Wien zu fliegen. Und dann kommt noch das Mitführen meines verehrten Herrn Cello dazu, das beim Reisen sowohl meinen Rücken als auch mein Bankkonto sehr belastet (Herr Cello bekommt immer einen Extra Sitzplatz im Flugzeug...) Also dachte ich, ich kann genauso gut mit einpaar Freunden Weihnachten feiern. Wir hatten es an und für sich sehr nett. Jedoch, so nah man denkt man ist sich, man ist sich nie nah genug. Eine wahre Freundschaft hatte ich noch nie. Mit Verzweiflung erkenne ich, dass die Freundschaften hier in Los Angeles- und ich rede gar nicht von meinen eigenen- sehr unnatürlich sind. Jeder ist offiziell mit jedem befreundet. Doch was sich dahinter für Geläster abspielt ist äußerst amüsant. Deshalb bin ich wie auch du der Meinung, dass man alleine in bester Gesellschaft ist. I, Myself and Me we are three best friends and nobody will ever be able to destroy this friendship. Und dann hab ich noch Herrn Cello, der mir täglich auf die Nerven geht. Das ist schon mehr als genug! Wozu auch noch enge Freunde, um deren Probleme und Beziehungen ich mich kümmern muss? Meine Großmutter sagt immer Freundschaften dienen nur dem Vorteil. Sie sagt dies auch sehr gerne vor meinem Großvater, ihrem geliebten Gatten, den sie offenbar aus Nutzen geheiratet hat. Sie rät mir auch immer wieder mein eigenes Geld zu verdienen, damit ich unabhängig lebe und meint, wenn sie nochmals das Glück hätte jung zu sein, würde sie gar nicht heiraten. Wir müssen immer sehr viel lachen, wenn sie solche Witze erzählt, aber eigentlich muss ich gestehen, dass ich sie ziemlich gut verstehe. So viel Liebe und Freude mir meine Familie und meine Freunde mir geben, ich bin tatsächlich alleine oft ziemlich glücklich und bewundere Menschen, die ähnlich fühlen wie ich. Ich bin sogar gerne alleine, ohne zu meditieren oder Sport zu betreiben (Meditation und Yoga sind hier in LA sehr beliebt und der einzige Weg alleine glücklich zu sein, sagt man)

Der Druck, den die Gesellschaft auf uns übt, sozial zu sein, ärgert mich sehr. Und darauf folgt dann die Verzweiflung, die man fühlt, wenn man sich gezwungen hat, zu einer Feier zu gehen, zu der man nicht hin wollte und sich dann entsprechend noch viel unwohler gefühlt hat als wenn man gar nicht erst hingegangen wäre. Ich finde es sehr interessant, wann, mit wem und wo ich mich wohl fühle. Dabei sagen alle ich wäre eine so erfreuliche und nette Person. 

Ich bemerke auch immer häufiger, dass die meisten Menschen etwas Böses wollen. Zu viel Nettigkeit und Gutmütigkeit führt offenbar zu Langeweile. Ich frage mich auch immer wieder, wieso die schlechten Nachrichten in der Zeitung in den Schlagzeilen sind und nie die guten. Das Interesse, das die Menschheit am Bösen hat, ist mir ein Rätsel. Und trotzdem versucht jeder zu tun, als wäre er am Guten interessiert. Was für eine Täuschung! Jeder tut so als suchte er nach der Wahrheit und doch in Wirklichkeit lieben wir es zu lügen. Nur zu uns selbst sind wir ehrlich und oft nicht einmal das. Ja, man kann bestimmt von den Mitmenschen viel lernen. Viel Gutes und auch sehr viel Unsinn. Aber die Wahrheit wird man bestimmt nicht inmitten der menschlichen Gesellschaft erfahren. Nicht in der Schule, nicht in der Kirche, nicht in der Universität, nicht am Arbeitsplatz, nicht in Freundschaften, nicht in Beziehungen, nein, nur in uns selbst -wenn überhaupt- gibt es ein wenig Wahrheit zu spüren. Und jetzt sag mir, wer ist verrückt? Du, ich oder die anderen?


Herzlichst,

Cristina




Cristina Basili
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Von: Ernst Meyer <ernstmeyer@earthlink.net>
Gesendet: Montag, 25. Dezember 2017 23:12:39
An: Cristina Basili
Betreff: am Weihnachtsabend 2017
 
Liebe Cristina,

Erst hat es geschneit. Dann teilten sich die Wolken und die weiße Landschaft die ich vom großen Fenster im dritten Stock überschaue, glänzte im Licht der Sonne. Jetzt ist sie hinter den Dächern der Nachbarhäusern untergegangen.  Bald ist es dunkel. Es war ein herrlicher Weihnachtsnachmittag. Die "feste imaginäre Umarmung" aus dem entlegenden Westen hat dazu beigetragen.

Wenn ich bekenne dass ich mehere Stunden über diese Fortsetzung meines gestrigen Briefes nachgedacht habe, wüsste ich dennoch nicht ob es ein Nachdenken über Dich war oder ein Nachdenken über mich, keineswegs aber über uns beide, denn dazu bin ich mir zu eindringlich bewusst wie "trennend liegen Berg und Tal" zwischen Belmont und Los Angeles.  Auch ist der Unterschied der Temperaturen beträchtlich, 34 im Vergleich zu 67, vermutlich, wie so manches im Leben, ein Spiegelbild.

Der Maßstab meines Schreibens an Dich sollte sein - und ist - der mögliche geistige Wert den es Deinem Leben zufügt. Diesbezüglich bin ich sehr unsicher.  Dich zu belästigen möchte ich vermeiden, und deshalb versuche ich mich bei unserer Korrespondenz auf das Beantworten Deiner Briefe zu beschränken. Was ich anderes und weiteres im Sinn habe, veröffentliche ich an meinem Netzort.  Du wärst, wenn es Dich interessierte, die einzige Leserin.

Die Vereinsamung und Einsamkeit in der ich lebe ist mir ein Wunder.  Wie viel besser als die mir noch bleibenden Tage unter Menschen verbringen zu müssen die mich nicht "verstehen", und denen ich ein Ärgernis bin.  Dass ich trotz unleugbarer Altersschwächen mich mehr dankbar und zufrieden, fast möchte ich schreiben glücklich vorkomme als je in meinem Leben, rechne ich auch dem Alter an. Schon als junger Mensch hat Hölderlin erkannt:

            Abendphantasie

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
  Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
   Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich
    Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Laid! -
  Doch, wie verscheucht von thöriger Bitte, flieht
   Der Zauber; dunkel wirds und einsam
    Unter dem Himmel, wie immer, bin ich -

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
  Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
   Du ruhelose, träumerische!
    Friedlich und heiter ist dann das Alter.

Als Arzt diagnostiziere ich mein bewusstes Wohlsein als eine Art Geisteskrankheit, eine Euphorie der Senilität, - und stelle Dir die Frage: Willst Du wirklich mit einem Verrückten korrespondieren?

Dein Jochen



