Liebe Margret, Dein Weihnachtspaket mit den schmackhaften Pralinen und mit dem Marzipan das ich so gern auf der Zunge zerschmelzen lasse, lag vorgestern Nachmittag zwischen den vorderen Außen und Innentüren. Hab vielen Dank! Ich schäme mich kein Gegengeschenk zu haben womit ich diesen Dank zum Ausdruck zu bringen vermöchte. Sogar die Sprache ist knauserig mit ihren Diensten. Ich bin siebenundachtig Jahre und sechs Monate alt. Schreibe ich, es geht mir "gut", so prahle ich; schreibe ich es geht mir "schlecht", so klage ich. Dass ich überhaupt noch lebe, finde ich, ist ein ungebührliches Wunder. Zu schreiben, dass ich mich auf das Sterben freue, wäre vorlaut; dass ich mich nicht vor ihm auch nur ein bisschen fürchtete, hieße das Schicksal auf ungehörige Weise herauszufordern. Was also bleibt übrig zu tun, anders als zu schwafeln? Wenn Dir diesbezüglich dieser Brief Dir nicht genügt, magst du ihn mit dem beständig anschwellendem http://home.earthlink.net/~ej4meyer/20151120_Sonnets01.pdf ergänzen. Ich habe keine Vorstellung, Inwieweit Nathaniel Dich über seinen Werdegang auf dem Laufenden hält. Deshalb berichte ich dir, dass er vor etwa drei Monaten seine Anstellung als Laufjunge für Benjamin Zander kündigte, um Kapellmeister an einem benachbarten Internat, St Mark's School, zu werden. Seinen Aussprüchen entnehme ich, dass die neue Arbeit ihn befriedigt, und dass er sich damit abgefunden hat, noch nicht als Furtwängler erkannt zu sein. Nebenbei ist er Dirigent eines sogenannten DuBois Orchesters in Cambridge, dessen Mitglieder großenteils Harvard Doktoranden sind mit denen er Ende November die Eroica und die Egmont Overtüre aufführte. Ende dieses Monats wird sich sein Belmont Festival Orchestra zu einer Aufführung der 4. Symphonie von Brahms versammeln. Ich hab Nathaniel in meinem Wohnzimmer einen Parkplatz für die zwei beleibten, ihm kürzlich von seinem neuen Arbeitgeber vermachten, Kesselpauken eingeräumt, und wenn er diese dort abstellt oder von dort abholt, hab ich manchmal Gelegenheit mit ihm zu sprechen. Was mich anbelangt, so fühle ich mich in der Abgeschiedenheit und Einsamkeit in der ich lebe, so außerordentlich wohl, dass ich mich frage ob es sich nicht um mehr als den hölderlinschen Frieden handelt: Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf; Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich, Purpurne Wolken! und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! - Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht Der Zauber; dunkel wirds und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich - Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja, Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. viel mehr um eine die Alters-Senilität begleitenden Euphorie, bei weitem nicht das Schlimmste das mich befallen könnte. Dir und Deiner ganzen Familie, meine Wünsche für alles Gute zu Weihnachten, zum Neuen Jahr, und zur noch undurchsichtigen Zukunft. Dein Jochen