Liebe Cristina, Also doch! Es ist ein treuer Brief (treu == true) den Du mir hast zukommen lassen, und wie behände! Wie elegant und würdevoll Du was ausdrückst. Das Du eine mehr oder weniger verwunschene Königin bist, ein öffentliches Geheimnis in das ich seit langem eingeweiht bin. Wenn die Königin sich langweilt, dann bestellt sie den Hofnarren ihr Interessantes vorzugaukeln. das Hofnarrkostüm ist mir auf den Leib geschnitten. Wenn meine anderen Familienmitglieder mir diese Rolle zugestzu gelten ist ein mir auf den Leib geschnitte Eine Antwort auf meine Herzensergießungen, nach kaum dreißig Stunden! Will meine Achtung, um das Wort Ehrfurcht zu verschonen, darin zum Ausdruck kommen lassen, dass ich der Versuchung widerstehe mit Dir über Dich, von der ich doch schlicht garnichts weiß, zu plaudern; und dass ich auch der Versuchung widerstehe mich mit Dir über Deine Einsamkeit zu unterhalten, wovon ich als von Dir durch sie getrennt, nicht das Geringste zu wissen vermag. Stattdessen will ich versuchen Dir ein wenig von mir selber zu erzählen, und von meinem Leben so wie ich es mir heute im Rückblick zusammendichte. Obgleich ich auf der Universität vier Jahre Literatur und Philosophie studiert hatte, gewann ich erst im dritten Jahr meines Medizinstudiums einen wenngleich oberflächlichen Begriff von der Freudschen Psychoanalyse. Mein Zweifel dass die Seele sich nicht in Worten, nicht in er Sprache offenbaren lässt, erstreckt sich auf den heutigen Tag. Dennoch bin ich in Seelensachen zwar nicht von anderen, umso mehr aber betreffs des eigenen Ichs neugierig, und Selbstmacher (do-it-yourselfer) der ich nun einmal bin, hab ich mich vor der Archäologie der eigenen Kindheit nie gefürchtet. Meine Mutter hatte einen lebhaften Sinn für das Dramatische. "Fräulein, sie sollten and Theater gehen," war der Rat schmunzelnder Mitarbeiter in der Bank. Besonders Familienereignisse pflegte sie zu dramatisieren. Als ein bündiger Ausdruck meines eigenes Wesen war ihr eine kleine Geschichte die sie mir im Lauf meines Lebens immer wieder wiederholte. Im Sommer 1931, als ich ein Jahr alt und meine Schwester 3 Jahre alt war, machten meine Eltern eine Deutschlandreise ins Tauber- und ins Rheintal, Vorgängerin der schicksalhaften Reise 1938 mit dem tödlichen Unfall auf der Autobahn bei Gießen. Mein Großvater väterlicherseits war gestorben. Sein Frau Elfriede war in Braunschweig und betreute ihre kleinen Enkel. Bei meine Eltern Rückkehr entsponn sich folgendes: "Marga, ich bin ja so froh dass ihr wieder zurück seid." "Ja was ist denn los, ist etwas geschehen?" "Ich kann nicht, ich kann nicht mehr, ich bin vollkommen erschöpft. Das Mädchen war ja ein gutes Kind, war großartig und hat mir keine Schwierigkeiten gemacht. Aber der Junge, der Junge hat ununterbrochen geschrieen, morgens und abends, Tag und Nacht. Ich konnte es nicht mehr aushalten. Gott sei Dank, dass ihr wieder hier seid." Ich hab, wie wir als Kinder in Braunschweig sagten, eine lange Leitung. Jahre sind verstrichen in denen ich diese kleine Dramatisierung immer wieder zur Kenntnis nahm, ohne weiter drüber nachzudenken. Erst nach meiner Mutter Tod, und Jahre nachdem die Trennungsangst durch die eigne glückliche Ehe endgültig verbannt war, stellte ich mir die Frage warum ich nicht auch in den Armen meiner Großmutter wie in den Armen aller Frauen die mich als Kind - und als Erwachsener - umarmten, Ruhe fand - ob es denkbar ist dass die fromme Jüdin es nicht über sich brachte den nicht-jüdischen unbeschnittenen männlichen Säugling in ihre Arme aufzuheben, zu herzen und zu küssen. Jedenfalls, war es der erste Auftritt einer Trennungsangst die hinfort mein Leben gestaltete. Ein weiteres Mal trat diese Angst in Erscheinung im Juli 1936, als meine Eltern meine Schwester und mich in ein Ferienkinderheim auf der westfriesiscchen Insel Juist unterbrachten. Auch das weinte ich fast ununterbrochen aus Sehnsucht nach meinen Eltern, besonders, nach meiner Mutter. Bemerkenswert, dass ich bei meiner Großmutter mütterlicherseits, in Berlin-Nikolassee ruhig und zufrieden war. Was mir nach unsrer Ankunft in New York geschah, hab ich in einem im Internet veröffentlichen Aufsatz, "With the Flanders", beschrieben. http://home.earthlink.net/~ernstmeyer/notes/Flanders.html Nächst im Jahre 1942, scheiterte an meiner Trennungsangst der Versuch mich in der achten Klasse in Germantown Friends School in Philadelphia einzuleben. Erst 1945, in meinem 15 Lebensjahr, gelang es mir das Elternhaus zu verlassen. Bis zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich geborgen fast nur Zuhause. Heute bin ich überzeugt dass diese Trennungsangst mein eigentliches jüdisches Erbe ist, und dass nicht nur meine Liebe zur Musik, das ewige Wiederentdecken meiner selbst, sondern der Verstehensdrang, der Drang das Denken anderer Menschen war, die Oikeiosis, das Bedürfnis, die Notwendigkeit mir ein Zuhause zu schaffen um nicht mehr allein zu sein. 30 Grant Street Cambridge, am 15. Januar 19511 Lieber Papa, liebe Mutti, Hoffentlich macht euch meine etwas deprimierte Stimme am Tele-fon keine Sorgen. Euer Anruf hat mich viel zu viel zum Nachdenken eingeregt, so dass ich schließlich gar nicht mehr arbeiten konnte. Sicherlich wird die Arbeit wieder besser gehen nachdem ich geschrieben habe. Ich habe viel zu tun. Aber wenn mein Studium nun einmal nicht so gut ginge, wie gewöhnlich, angenommen ich erhielte mein Stipendium nicht wieder, dann könnte Margaret ihre Heiratspläne ja gar nicht durch-führen, und ich wäre von der Angst, die mich jetzt so bedrückt, befreit. Eigentlich sollte ich solche Gedanken ja nur ihr, nicht Euch schreiben, aber das kann ich schon seit langem nicht mehr. Früher hätte ich das getan, dann hätte ich einen flehenden Eilbrief gekriegt und alles wäre so gewesen, wie zuvor. Die McPhedran Familie ist an solche Krisen schon gewöhnt. Der Vater versorgt Margaret mit Schlafmitteln. Alex, der mir einmal die Befürchtung geäußert hat, dass sie damit Selbstmord begehen möchte, nennt mich dann „bastard“ und “son of a bitch“. Nur die Mutter drückt ihre Sorge in unauffälligerer und weniger kränkender Weise aus. Übrigens schicke ich eine Kopie dieses Briefes an Margaret, ich habe Angst, was geschehen mag. Jedes Mal wenn ich versuche mit ihr zu sprechen, fängt sie an zu weinen, und das kann ich nicht ertragen. Manchmal denke ich, wenn ich überfahren würde, oder wenn ich krank würde, würde ich von meiner Angst befreit. Aber ich werde weder krank noch überfahren werden. Und auch dieser Brief wird nichts ändern. Es wird zu einer Heirat kommen; jeder praktische Ausweg den ich ersinnen kann, ist noch unpraktischer, als bei Onkel Georg auf dem Operationstisch zu schlafen. Diesen Brief aber sollt ihr nicht vergessen. Ich selbst werde ihn später verleugnen müssen. Ich werde erklären, er sei das Resultat von Überarbeitung und Depression. Mir ist als ob ich unterginge und als ob ich nie wieder sprechen könnte. Was auch aus mir werden mag, Ihr sollt wissen, und nicht vergessen – obwohl ihr nicht verstehen könnt, dass es einen Teil von mir gibt, der unbedingt allein sein muss, und der eine Ehe niemals ertragen kann. Der war die unbedingte Geistigkeit, Reinheit, die Keuschheit selbst, das was ich mehr als alles andere liebte, und darum muss ich es verlieren. Ach, mir ist es als ob ich mich zu meinem Begräbnis anstatt zu meiner Hochzeit vorbereitete. Und nun quält mich die Angst vor dem Unvermeidlichen. Ich muss immer wieder zurück nach Chappaqua. Auch dieses ist nur ein Übergang, aber ein längerer. Ich weiß nicht was werden wird. Manchmal befürchte ich, ich würde hinterher geisteskrank. Margaret versteht es nicht. Wenn ich ihr davon erzähle, fängt sie an zu weinen, und wenn ich ihr erzähle, dass sie mich nicht versteht, fängt sie auch an zu weinen. Und so trage ich meine Angst ganz allein für mich. Es gibt kein Mittel dafür, denn das, was mir geholfen hätte, soll ich nun abtun. Ich weiß nicht, was werden wird. Betet für Margaret und mich. Ich danke Gott, dass ich Euch noch habe, und dass ich Euch so schreiben kann. Aber sorgt Euch nicht um mich. Wir sind in Gottes Hand. Euer Jochen 19510115JD