Lemgo d. 2. März 1858 "Meine liebe gute Emilie! Dass Lieb' und Freundschaft doch kein leerer Wahn ist fühlte ich gestern Morgen beim Abschied- nehmen von Dir - das fühle ich auch heute noch im Brief den lieben Meinigen von denen ich mit offenen Armen und freundlichen Gesichtern empfangen wurde.- Meine Reise war ..." so etwa die Einleitung eines mir bisher anderweitig unleserlichen Briefes an meine Urgroßmutter Emilie Herzberg Meyer. Mich beeindruckt, vielleicht nur Einbildung von mir, den hohen Grad literarischer - und seelischer - Kultur in der inbegriffen dialektischen Darstellung von "Lieb' und Freundschaft" als zwischen Wahn und Wirklichkeit denkbar Bestehendes. Ebenso der dichterische Geist welcher sich in den fünf anfäglichen Jamben: "Dass Lieb' und Freundschaft doch kein leerer Wahn ist" ausspricht, oder in den Anfangszeilen des Briefes die man als Gedicht lesen kann: Dass Lieb' und Freundschaft doch kein leerer Wahn ist fühlte ich gestern Morgen beim Abschiednehmen von Dir - das fühle ich auch heute noch im Brief den lieben Meinigen von denen ich mit offenen Armen und freundlichen Gesichtern empfangen wurde.- Ist dies Erblühen einer literarischen Kultur, so frage ich mich, lediglich Folge von Belesenheit in der zeitgenössischen deutschen romantischen Dichtung, oder denkbar, der napoleonischen Befreiung der Juden, oder wäre es, wie ich auch für möglich halte, das Ergebnis einer sich über Jahrtausende erstreckenden Pflege der Religion, will sagen, Ausdruck rabbinischer Bildung. Dies im Zusammenhang mit meiner Erinnerung an eine Vorlesungsreihe über Spinoza die ich 1948 als ich in Harvard studierte, hörte. Der Gelehrte, es war Harry Austryn Wolfson, zugleich Philosoph und Theologe, behauptete die Lehren Spinozas seien die Übersetzung alter, herkömmlicher rabbinischer Tradition in die Ausdrucksweise, more geometrico, des siebzehnten Jahrhunderts gewesen. All diese Erwägungen weisen darauf hin, dass das Religionserlebnis, als Überbrückung der innen-außen Kluft, die Basis menschlichen Betragens ist; und dass es die zeitgenössische Religion ist, oder ihre Abwesenheit, darin wir die Erklärungen und Aufklärungen für die Politik der Gegenwart, für ihre Errungenschaften nicht weniger als für ihre Grausamkeit aufsuchen müssen.