Es gehört sich an jedem Morgen das Denken zu überholen, will sagen das gestern Beschlossene beiseite zu legen um mit der aufgehenden Sonne einen neuen Anfang zu machen. Und doch ist es eine offen- und unmittelbare Täuschung, denn das Gemüt das heute Morgen erwacht ist dasselbe das gestern Nacht einschlief, und der Geist der sich jetzt mit dem Sonnenlicht neu entwickeln zu scheint hat sich ein ganzes Leben lang entwickelt und gründet - beruht - auf sprachlichen, bildnerischen und musikalischen Künsten die sich Jahrtausende weit zurück führen lassen. Dass die Problematik der Menschenbeziehungen zu einander, das Durcheinander der Vergesellschaftung von den theoretisierenden Akademikern jahrelang, Jahrhunderte lang, Jahrtausende lang unterschätzt, wenn nicht gar ignoriert wurde, wird mir von Tag zu Tag unverkennbarer. Diese Problematik heute festzustellen, heißt keineswegs sie zu lösen, heißt haber vielleicht sie zugänglicher und dadurch erträglicher zu machen. Dass es den Menschen möglich sein sollte einander zu lieben, ist die schicksalhafte Lüge des Christentums. Dass die Menschen den Versuch machen sollten einander zu lieben, ist die ausgesprochene Botschaft des Christentums. Dass aber letzten Endes die Liebe unmöglich wäre, ist die dem Christentum inbegriffene Wirklichkeit. Die Sozialität, die unbedingte Abhängigkeit eines jeden von uns von unseren Mitmenschen, ist zugleich unverkennbar und unbegreifbar. In ihrem Rahmen geschieht es dass die Menschen einander anziehen und einander abstoßen. Die geschlechtliche Not die sie einander in die Arme zu treiben scheint, ist dennoch mit Verachtung und Hass befleckt. Das unumgehbare Zusammenarbeiten entartet zu zerstörerischer Konkurrenz. Und Konkurrenz wird eingestellt um die allgemeine Beherrschung durch die Macht des Einzelnen einzudämmen.