Lieber Herr Nielsen, genau vier Wochen sind vergangen, seit ich Sie, um es unverbrämt auszusprechen, mit einem Brief belästigte. Wie schnell vergeht nicht die Zeit! Aber die Quassellust, so scheint es, erschöpft sich nie. Inzwischen bin auch ich älter geworden, in diesem letzten Monat scheint es mir sehr viel älter, wobei ich das Älterwerden ehr begrüßen als beklagen möchte. Wenn Sie hier wären, würden Sie bestätigen können, dass ich meine Zeit nicht mit Saubermachen dieses geräumigen Hauses vertan habe, jedenfalls nicht mehr als die Fusseln mit dem Besen in die Ecken zu fegen, wo sie dann liegen bleiben, weil ich, wenn ich mich nach ihnen bückte, kaum wieder aufrichten könnte, mit der Gefahr, dass mich zu den Fusseln gesellte - zu denen ich recht eigentlich gehöre - und in irgendeiner Ecke liegen bliebe. Statt dessen habe ich versucht Geistesfusseln zusammenzuflechten. http://home.earthlink.net/~ej4meyer/Insel_Elegie04.txt ist das Ergebnis eines offenbar missglückten Versuches zugleich das eigene Erleben zu beschreiben und das Wesen der Dichtung zu erkunden, wobei mir scheint dass das zerbröckelte Gedicht das zerbröckelte Leben allzugenau widerspiegelt, indessen es sich doch umgekehrt verhalten sollte: ein glänzend gelungenes Gedicht wäre bestimmt das verschrammte Leben zu verhüllen wie etwa die schnee-weiße glänzend gebügelte Leinendecke, worunter ich die verunstaltete Esstischplatte verstecken würde, wenn ich Gäste hätte. Da ich aber keine Gäste habe, lasse ich mich von dem unverhüllten abgenutzen Esszimmertisch, jedes Mal wenn ich an ihm vorbei gehe, daran erinnern wie unvollkommen das Leben nun einmal ist; und meine Elegie passt auf den und zu dem Tisch, und erzählt mir nicht nur von der Schäbigkeit des Lebens, sondern mehr noch von der lächerlichen Unzulänglichkeit meiner Bemühungen. Wahrscheinlich wiederhole ich mich wenn ich Ihnen von den Schrecken erzähle, die mich erfassen, jedes Mal wenn ich die Bemühungen der Soziologen, Max Weber, Emil Durkheim, Ferdinand Tönnies und ihrer Kollegen überlege, die mir, vielleicht nur weil ich mich ungenügend mit ihren Büchern beschäftigt habe, wie ahnungslose unwissende kleine Kinder erscheinen wenn sie von einer Menschengesellschaft erzählen ohne die Höllen von Bergen-Belsen, Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Guantanamo, Abu Ghraib, der Arbeitslager des Gulag und unzähligen anderen höllischen Orten auf dem Gewissen zu haben. Ich sehe die Menschheit nicht wie Kierkegaard, als aus einzelnen verantwortlichen gottbefohlenen Geistern bestehend, sondern als ein vernunftlose Herde deren Handlungen von unerkennbaren Einflüssen und Kräften getrieben werden. Auch Nietzsche hat diese Herde betrachtet, aber er wähnte sie als überlegener Prophet außer- und oberhalb ihr zu beschimpfen. Ich hingegen meine zu verstehen, dass auch ich in den viehischen Unsinn, in die unsagbare Brutalität der Herdenmenschheit eingeflochten bin, der ich mit keinen ausgeklügelten Worten, und mit keinen Elegien zu entkommen vermag. Zugleich erscheint mir der Begriff der Wahrheit zunehmend problematischer, auch und besonders in Beziehung auf die Elegie. Der Begriff Wahrheit ist selbstbestätigend; denn Sprache ist ihrem Wesen nach "wahr". Die Behauptung "ich lüge" ist ein unmöglicher Widerspruch. Die Behauptung "ich lüge" kann weder wahr noch unwahr sein. "Ich lüge" vermag nicht wahr zu sein, denn wenn "ich lüge" wahr wäre, wäre "ich lüge" zugleich unwahr, und die Begriffe wahr und unwahr verlören ihren Sinn. "Ich sage die Wahrheit," ist eine Tautologie, denn es ist mir unmöglich zu sagen dass ich nicht die Wahrheit sage. Tatsache aber ist, dass es keinem Wort, keinem Satz, keiner Aussage gelingt die Wirklichkeit zu erschöpfen, oder auch nur zu erreichen, und deshalb ist, im Verhältnis zur Wirklichkeit, sub specie aeternitatis, jede Aussage unwahr - vielleicht auch diese? Wir tun Unrecht, wenn wir einander des Lügens bezichtigen. Denn die Sprache ist ihrem Wesen nach unecht, und unvermeidlich ist sprechen lügen. Denn ihrem Wesen nach, und ihrem Gebrauch entsprechend scheint Sprache wirklich zu sein und/oder auf Wirklichkeit hinzuweisen. Im ersten Falle ist die Täuschung eindeutig. Im zweiten Fall ist sie inbegriffen. In beiden Fällen ist sie Täuschung. Täuschung ist Unwahrheit und Unwahrheit ist Lüge. Leider ist die Einsicht dass wir Menschenherden Tiere sind und dass unser Tun und Lassen als Betragen nicht des Einzelnen, sondern der Herde verstanden und bewertet werden muss, - leider ist diese Einsicht keineswegs ein Schlüssel zur Werkstatt der Weltverbesserung. Ist kaum mehr, so möchte mir scheinen, als ein kleines Stück Pfads eines vermeintlichen Auswegs aus dem Labyrinth des Menschenschicksals der zurück in die Hilflosigkeit seines Anfangs führt. Das Bestreben sich mit dem Riemen der eigenen Vernunft aus der scheinbaren Vernunftlosigkeit zu heben ist eine tief in ihm verankerterte Eigenschaft des Menschen. Allenfalls bietet diese Einsicht Stoff zu etlichen Dissertationen und Vorlesungen. Eine "Lösung" vermag nicht erklügelt zu werden. Wenn es sie gäbe erschiene sie plötzlich unerwartet aus der Vielfalt des Unbewussten von selbst. Oder wäre meine Behauptung nichts mehr oder weniger als ein enttäuschtes Grapschen nach mir unerreichbaren saueren Trauben weil ich selber zu unklug bin eine "Lösung" zu erklügeln. Mit den Tatsachen, dass dem Gedanklichen, dem Geistigen kein auffindbares Physisches, Körperliches, Mechanisches oder Chemisches entspricht, haben wir uns längst abgefunden. Darauf folgt die Aufgabe die Handlung der Herde zu lokalisieren und mit der Absicht und Einsicht des einzelnen Herdenmitglieds zu vereinbaren. Ich frage mich: gibt es ein Verständnis, eine Einsicht, eine Ansicht der Herde? Und wenn, wo und wie wäre sie festzustellen. Sind Zeitungsberichte Herdenwissen? Wie verhält sich Publizistik, Veröffentlichung zum Herdengeist? Wäre vielleicht der Journalismus die Brücke vom Individuellen zum Öffentlichen, vom Ich zum Wir? Vom Subjektivem zum wenngleich unechten Objektiven? Die Einsicht dass wir Menschen nicht als Einzelne sondern als Herdentiere handeln hat die weitreichendsten Folgen. Denn nur vom Einzelnen, nicht vom Herdentier muss man annehmen, das er oder es aus eigenem Antrieb, dem eigenen Gewissen gehorchend handelt. Das Wandeln des Herdentieres, - von Tun und Lassen darf in Abwesenheit von Wille und Bewusstsein kaum die Rede sein, - ist von genetischen Gegebenheiten, von naturgegebenen und erlernten Reflexen, aus den von der unmittelbaren Umwelt sich ergebenden Reize bestimmt. Das Benehmen des Herdentieres entspricht seiner genetischen Veranlagung, seiner Dressur, will sagen παιδεία, und der jeweiligen bewussten und unbewussten Reize, denen es unterworfen ist. Unser Leben verbessern heißt unsere Gesellschaft verbessern. Ich beabsichtige die theoretischen Möglichkeiten die Gesellschaft zu verbessern, ohne mir ein Urteil zu erlauben, ob diese Verbesserungsmöglichkeiten praktisch durchführbar sind, oder ob auch nur der Versuch die Gesellschaft zu verbessern überhaupt wünschenswert wäre, oder ob er mit so schwieriger und unlösbarer Problematik behaftet ist, dass man den Versuch die Gesellschaft zu verbessern überhaupt nicht in Erwägung ziehen sollte. Verbessern der Gesellschaft hieße erstens Menschenzucht: die Entwicklung von klugen, vernünftigen, verständigen, großzügigen, liebevollen Menschentieren. Wäre so etwas denkbar? Wäre so etwas wünschenswert? Oder wäre der Versuch, wäre der Ansatz, selbst so brutal, selbst so unmenschlich, dass sein "Unrecht" alle möglichen Vorteile überwiegen würde. Verbessern der Gesellschaft hieße zweitens Menschendressur. Die bewusste, berechnete, geplante Abrichtung der sich entwickelnden Menschen, will sagen παιδεία. Wer sollte der Lehrer sein? Wie sollte er oder sie erwählt, ausgesucht werden? Wer sollte den Inhalt, den Vorgang der παιδεία bestimmen? Ist es denkbar, dass eine verfehlte, missratene παιδεία ein Unheil anrichtete dass alle möglichen Vorteile bei weitem überwiegte? Verbessern der Gesellschaft hieße drittens Menschenkultur. Die bewusste, berechnete, geplante Gestaltung der natürlichen und geschaffenen, der physischen und geistigen Umwelt mit dem Zweck und Ziel die Menschen und ihr Leben zu verbessern. Oder ist es ein anmaßender Fehler die Verbesserung der Gesellschaft überhaupt zu erwägen? Sollte ich mich mit den Handlungsgelegenheiten die sich mir bieten zufrieden geben, und mich nicht als mehr betrachten, nicht mehr von mir selber verlangen als von dem Einzelnen der ich tatsächlich bin? Eine solche Behauptung ließe sich verfechten. Indem ich die Gesellschaft - und die anderen Menschen daraus die Gesellschaft besteht, zu dirigieren, zu kontrollieren, zu bestimmen beanspruche, ist es unvermeidlich, dass ich ihre Unabhängigkeit, ihre Freiheit beeinträchtigte. Habe ich dazu ein Recht? Verschmilzt nicht mein Versuch die Welt zu verbessern mit der Behauptung meiner selbst? Ist nicht die Anmaßung das Gute, das Schöne, das Gerechte zu bestimmen vermöge, ein ungebührliches widerrechtliches an mich Reißen göttlicher Vorrechte? Oder wäre es umgekehrt, Faulheit und Nachlässigkeit dies nicht zu tun? Ich weiß es nicht; ich frage nur. Besagten nicht der Anspruch die Welt jenseits meiner eigenen Handlungen und Wirkungen zu verbessern eine vielleicht unberechtigte Diktatur, die Anmaßung zu entscheiden, zu bestimmen, was ein anderer Mensch denken, tun und lassen sollte? Hieße das nicht seine Freiheit zu beeinträchtigen?