Die Einsicht dass wir Menschen nicht als Einzelne sondern als Herdentiere handeln hat die weitreichendsten Folgen. Denn nur vom Einzelnen, nicht vom Herdentier muss man annehmen, das er oder es aus eigenem Antrieb, dem eigenen Gewissen gehorchend handelt. Das Wandeln des Herdentieres, - von Tun und Lassen darf in Abwesenheit von Wille und Bewusstsein kaum die Rede sein, - ist von genetischen Gegebenheiten, von naturgegebenen und erlernten Reflexen, aus den von der unmittelbaren Umwelt sich ergebenden Reize bestimmt. Das Benehmen des Herdentieres entspricht seiner genetischen Veranlagung, seiner Dressur, will sagen παιδεία, und der jeweiligen bewussten und unbewussten Reize, denen es unterworfen ist. Unser Leben verbessern heißt unsere Gesellschaft verbessern. Ich beabsichtige die theoretischen Möglichkeiten die Gesellschaft zu verbessern, ohne mir ein Urteil zu erlauben, ob diese Verbesserungsmöglichkeiten praktisch durchführbar sind, oder ob auch nur der Versuch die Gesellschaft zu verbessern überhaupt wünschenswert wäre, oder ob er mit so schwieriger und unlösbarer Problematik behaftet ist, dass man den Versuch die Gesellschaft zu verbessern überhaupt nicht in Erwägung ziehen sollte. Verbessern der Gesellschaft hieße erstens Menschenzucht: die Entwicklung von klugen, vernünftigen, verständigen, großzügigen, liebevollen Menschentieren. Wäre so etwas denkbar? Wäre so etwas wünschenswert? Oder wäre der Versuch, wäre der Ansatz, selbst so brutal, selbst so unmenschlich, dass sein "Unrecht" alle möglichen Vorteile überwiegen würde. Verbessern der Gesellschaft hieße zweitens Menschendressur. Die bewusste, berechnete, geplante Abrichtung der sich entwickelnden Menschen, will sagen παιδεία. Wer sollte der Lehrer sein? Wie sollte er oder sie erwählt, ausgesucht werden? Wer sollte den Inhalt, den Vorgang der παιδεία bestimmen? Ist es denkbar, dass eine verfehlte, missratene παιδεία ein Unheil anrichtete dass alle möglichen Vorteile bei weitem überwiegte? Verbessern der Gesellschaft hieße drittens Menschenkultur. Die bewusste, berechnete, geplante Gestaltung der natürlichen und geschaffenen, der physischen und geistigen Umwelt mit dem Zweck und Ziel die Menschen und ihr Leben zu verbessern. Oder ist es ein anmaßender Fehler die Verbesserung der Gesellschaft überhaupt zu erwägen? Sollte ich mich mit den Handlungsgelegenheiten die sich mir bieten zufrieden geben, und mich nicht als mehr betrachten, nicht mehr von mir selber verlangen als von dem Einzelnen der ich tatsächlich bin? Eine solche Behauptung ließe sich verfechten. Indem ich die Gesellschaft - und die anderen Menschen daraus die Gesellschaft besteht, zu dirigieren, zu kontrollieren, zu bestimmen beanspruche, ist es unvermeidlich, dass ich ihre Unabhängigkeit, ihre Freiheit beeinträchtigte. Habe ich dazu ein Recht? Verschmilzt nicht mein Versuch die Welt zu verbessern mit der Behauptung meiner selbst? Ist nicht die Anmaßung das Gute, das Schöne, das Gerechte zu bestimmen vermöge, ein ungebührliches widerrechtliches an mich Reißen göttlicher Vorrechte? Oder wäre es umgekehrt, Faulheit und Nachlässigkeit dies nicht zu tun? Ich weiß es nicht; ich frage nur. Besagten nicht der Anspruch die Welt jenseits meiner eigenen Handlungen und Wirkungen zu verbessern eine vielleicht unberechtigte Diktatur, die Anmaßung zu entscheiden, zu bestimmen, was ein anderer Mensch denken, tun und lassen sollte? Hieße das nicht seine Freiheit zu beeinträchtigen?