Sehr geehrter Herr Kollege, Bitte lassen Sie sich durch mich weder ablenken noch stören! Im Anhang Abbilder eine Briefes, 9 III 1919, von meinem Onkel Fritz Meyer, zur Zeit in Köln, an meinen Vater Heinz Meyer - mit dem abschätzigen Namen Mariechen angesprochen, - wieso weiß ich nicht, mag sein dass sich seine Eltern nachdem sie zwei Knaben bekommen, ein Mädchen gewünscht hatten, mag sein dass "der Kleine" seinen betont männlichen Vater Joe, weibisch anmutete. Beide Eltern, Joe und Elfriede (Rosenthal) Meyer, befanden sich, so viel ich weiß, zur Zeit in Oerlinghausen. Wie es ihnen möglich war, sich an diesem Briefe aus Cöln zu beteiligen, weiß ich nicht. Jedenfalls ist dieser Brief das einzige Dokument mit den Handschriften meiner Großeltern väterlicherseits das ich aufgefunden habe. Er ist an meinen Vater gerichtet als dieser nach dem Kriege mit den deutschen Truppen aus der Türkei heimkehrte. Der erwähnte "L von S" ist der Kommandant Liman von Sanders, Kgl. Preuß. General der Kavallerie z.Zt. in türkischen Diensten. Das genannte "Frl. Seligmann" mag eine mir anderweitig unbekannte Jugendfreundin meines Vaters sein der er (statt seinen Eltern) seinen jeweiligen Aufenthaltsort mitteilte. Zum Thema der eigenen Schriftstellerei diese vielleicht überflüssigen Bemerkungen. In meinem Elternhaus, in Konnarock, Virginia, waren Gedanken und Worte, das Sprechen, die Erklärung, die Auseinandersetzung, das Gedicht, der Roman, der Brief, die hervorragenden Gegebenheiten der Existenz, Spaliere daran sich klammernd, der Geist erblühte und seine Früchte trug. Ein Leben das sich nicht in eigens entwickelten und niedergeschriebenen Gedanken ergeben sollte, habe ich mir nie vorstellen können. Meine geistige Produktivität hat sich nur langsam entwickelt und kam anfangs im Briefwechsel mit meinen Eltern und mit meiner künftigen Frau zum Ausdruck. Während des Allgemeinstudiums, 1946-1950, wurde sie vorerst von professorialen Geltungsbedürfnis, Eifersucht, Überheblichkeit und Arroganz erstickt. Das Medizinstudium 1950-1954 entführte mich dann in eine geistige Wildnis die das Schaffen unmöglich machte und mir nichts hinterließ als Hoffnungen zu genesen und zu überleben. Das sogenannte Praktische Jahr, 1954-1955, das mir jede Gelegenheit zu denken und zu fühlen verbaute, war der Tiefpunkt meiner Existenz den ich kaum überlebte. In Damascus, Virginia betrieb ich (1956-1960) eine allgemein medizinische Praxis die ich noch heute als die höchste Ebene meines ärztlichen Wirkens betrachte, und die mir Gelegenheit zum Denken bot. Ich verfasste damals Schriften in englischer sowohl als auch in deutscher Sprache, "Ethical and Esthetic Consciousness as Sources of Doubt of the Conceptual World", "Der Ursprung des Zweifels an der gedeuteten Welt aus dem ethischen und estetischen Bewusstsein des Menschen" in welcher ich eine Welt beschrieb welche ich noch heute als diejenige erkenne in der ich lebe. Meine Existenz ist unvermeidlicher und natürlicher Weise Versuchsverfahren. Es ist unmöglich zu wissen was mir bevorsteht, auch und besonders in Bezug auf die Erkennnung oder gar Anerkennung meiner Bemühungen. Der Anpassungsvorgang, die Assimilierung, ist unentbehrlicher Bestandteil meines Erlebens. Ich deute Aesops Fabel vom Fuchs und den sauren Trauben keineswegs als Gleichnis der Erniedrigung oder des Versagens. Im Gegenteil, ich lese daraus den Sieg des Geistes über die Gegebenheit, und erlebe nunmehr meine Anonymität als Schicksalsgeschenk das mir die Gelegenheit schafft, ich selber, ein wirklich Einzelner zu sein. Die Ablehnung meiner Schriften die ich lebenslang nicht weniger von Freunden und Bekannten als von Verlegern erfahren habe, zum Teil folge der inneren Notwendigkeit eine amerikanisch orientierte Welt in deutschen Worten anzusprechen, betrachte ich als Auszeichnung, die mir die Gelegenheit geboten hat und bietet, zu denken was ich will, zu sagen was ich meine, unbedacht auf das Wirken meiner Arbeit auf eine nichtbestehende Leserschaft. Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie mit diesen unerbetenen Erwägungen behelligt habe, und empfangen Sie ein weiteres Mal meinen Dank für ihre Bemühungen um uns Rosenthaler. Mit freundlichen Grüßen, Jochen Meyer