Liebe Cristina, Dieser Entwurf eines vielleicht überflüssigen Briefes an Dich entsteht am Küchentisch während ich einen seltenen Besuch, diesen von Nikola Chubrich erwarte. Nikola ist ein 40 Jahre alter Violenspieler der scheinbar einen Narren an mir gefressen hat und mich von Zeit zu Zeit besucht, lediglich um sich zu unterhalten. - Nun ist er fort. Er kam um halb sechs, blieb bis halb zehn und hat mir so manche ungebührliche Aussage entlockt, derer ich mich schämen sollte, insofern ich von Sachen redete von den ich allzu wenig wusste und verstand. Zu diesen Ungeschicklichkeiten kommt nun noch eine weitere hinzu, insofern ich meine Dir eine Erklärung schuldig zu sein auf Deine Fragen, was Du Dir bei den Ausdrücken "Wille" und "Entscheidung" vorstellen solltest. Ich komme zurück auf meine Erwägung, das Wille und Entscheidung Worte sind die einem jedem von uns einen dem eigenen Erleben entsprechenden Sinn haben, und was ich Dir ausdrücklich mitteilen möchte ist dass diese Worte, wie im Grunde alle Erscheinungen Deiner Sprache, den besonderen Sinn haben, und haben müssen den Dein Erleben ihnen anpasst. Wiederum eine Anmaßung von mir, dass ich meine ahnen zu können, wie es sich mit Deiner Musik verhält. Zum Beispiel: Du planst das Einüben einer Sonate. und musst entscheiden welche es werden soll, ob etwa Suite Nr. I G-Dur, BWV 1007, oder Suite Nr. II d-Moll, BWV 1008, eine Entscheidung welche Überlegung bedarf, vielleicht eine Besprechung mit einem Lehrer oder einem Kollegen oder mit dem Veranstalter eines vorgesehenen Konzerts. Es ist unbestritten dass Du jetzt eine Entscheidung triffst, die Du in logischen sprachlichen Ausführungen erklärst. Vielleicht betrachtest Du weiterhin in der erwählten Partitur für welche Du Dich entschieden hast, diesen oder jenen Takt und triffst eine bewusste, überlegte Entscheidung wie, mit welchem Finger, auf welcher Saite, mit welchem Strich des Bogens Du ihn spielen sollst. Diese Handlung magst Du gleichfalls als Ausdruck Deines Willens bestimmen. Dann aber, sobald Du tatsächlich zu spielen beginnst, verschmelzen die Bewegungen der Finger und des Arms mit der Musik und entfließen einem unbewussten und unsichtbaren Geisteshaushalt so schnell, so unbehindert, dass Dein Spiel, Deine musikalische Handlung durch auch nur der Versuch sie begrifflich, sprachlich festzustellen, unterbrochen und unmöglich gemacht würde. Und nun erkennst Du dass Dein mühevolles Üben die Abrichtung Deines Gemüts, Deines Geistes zur "spontanen" unbewussten Handlung ist. Und damit, liebe Cristina, ist wenn ich sie recht verstehe, Deine Frage wegen der Freiheit und Unfreiheit des Willens beantwortet. Denn unser aller Leben, nicht nur im Musikalischen, sind Verlegungen unserer Vorstellungen, Gedanken, Hoffnungen und Wünsche in die unsichtbare und anderweitig unerkennbare geistige Wirklichkeit aus der sich unsere Handlungen spontan, ohne unser bewusstes Zutun, ergeben und nicht nur unsere einzelnen Leben, sondern auch unsere gemeinsame geistige Welt gestalten. Liebe Cristina, dieses ist wieder einmal ein Brief, der um keine Antwort bittet. Ich wünsche Dir alles Gute. Dein Jochen