Liebe Cristina, Man redet viel vom "Willen Gottes". Was darf ich mir darunter vorstellen? Was möchte das sein? Ich muss mir das Geschehen, die Abwandlungen der Welt als sinnvoll vorstellen, und das tue ich in eben derselben Weise wie ich die Abwandlungen meiner Selbst, meine "Handlungen" als sinnvoll vorstelle. Ich tue es indem ich mich überzeuge, dass ich selber meinem Willen gemäß handele; dass mein Tun der Ausdruck meines Willens ist. Ebenso bin ich genötigt anzunehmen dass das Weltgeschehen Sinn hat; und um dieser Annahme nachzukommen. Der Wille ist die innerliche Ursache der äußerlichen Handlung. Um den Willen zu Verstehen, musst Du Deine eigenen Handlungen verstehen in denen sich dieser Wille offenbart. Deine Handlungen verwirklichen sich, gehen auf, in Deiner Kunst. Bedenke sie so spezifisch, so sehr ins Besondere wie möglich. Um Allgemeinheiten zu vermeiden, lass die Sonate ... in im Ohr Deines Geistes erklingen. Bedenke dein Cellospiel zum Beispiel der Sonate ... als musterhaft, als prototypisch für Dein Handeln. Du bist mit ihm restlos vertraut. Ein Blick in die Partitur vergegenwärtigt Dir jede Note die Du Deinem Cello zu entlocken hast. Du weist genau, wie Du das Instrument aus seinem Kasten hebst, es vor Dich aufstellst, indem Du Dich selbst auf dem Schemel niederlässt, wie Du mit Deiner linken Hand das Fingerbrett umklammerst, und mit den vier Fingern die Schwingungen Saiten der vier Seiten bestimmen, beherrschen lässt. Sie dan mit den Strichen des Bogen ertönen lässt, eine Note der hunderten - oder tausenden von Note nach der anderen. Ich finde diese Beschreibung lächerlich, und vermute Du noch mehr, denn trotz dieser melodienhaften Beschreibung, vermöchte ich wenn ich mich in Gedanken auf Deinen Schemel versetze, keinen Ton hervor zubringen, und Du tust es ... Lass mich Dich fragen: vermagst Du etwas zu tun ohne dass Du es willst? Vermagst Du etwas zu wollen, dessen Du Dir nicht bewusst bist? Bist Du Dir jeder Note die Du spielst bewusst? Bist Du Dir jeder Schwingung C-4 261.625565 hertz, C-2 bis C-6 "ich will" heißt doch keineswegs dass so etwas wie "der Wille" besteht. "Du spielst Cello" heißt keineswegs dass Dein oder irgendeiner anderen unabhängiges "Cellospiel" besteht, es sei denn dass wir der Sprache die Kraft, die Fähigkeit zusprechen eine anderweitig unentdeckbare, unempfindbare, unerlebbare "Wirklichkeit" hervorzuzaubern. Bemerkenswert, aber nur vorübergehend, dass Nietzsche der Schopenhauer anerkannte, vielleicht sogar verehrte jenen Willen den Schopenhauer als Welt miterklärte abzulehnen schien. Oder war der Wille den Schopenhauer pries ein anderer Wille als der den Nietzsche verpönte? Ich meine in diesem Widersprucher der beiden Willen, einen Asdruck ein Spiegelbild der Innen-Außen Teilung zu erkennen. Als subjektives Erleben sind Wille und Vorstellung die Welt worin der Einzelne lebt. Objektiv aber sind weder Vorstellung noch Wille erkennbar. Wäre es möglich, dass der subjectiv wahre Wille die objektive Unwahrheit ist? Das Leben ist Musik, und Musik ist Leben. Ein Stück zu Ende spielen, ritardando, wie das Leben beenden.