Liebe Cristina, Wieder einmal ein Brief mit dem Vorbehalt dass ich nicht gezwungen bin ihn abzusenden und demgemäß die Freiheit genieße zu schreiben was ich denke, und zu denken "was ich will." Hab die Nacht im Halbschlaf verbracht, hab mich ungezählte Mal vom Rücken auf die linke Seite gewälzt und nach allzu beschränkter Zeit wieder zurück. Warum? hab keine dogmatische Antwort. Weil der Rücken schmerzte, oder die linke Schulter oder die linke Hüfte, oder aus langer Weile, oder gemäß eines anderweitig unerkennbaren Instinkts, aus Gehorsam jener Intelligenz welche du grundsätzlich überschätzt, oder vielleicht aus der ungetrübten ausgelassenen Ausübung meiner wenn gleich von mir selbst bestrittenen Willensfreiheit. Vermochte nämlich gestern dem Reiz Deiner Anfragen: "Was meine ich mit Instinkt, Intelligenz, Wille und Entscheiden? Was ist Vernunft?" nicht zu widerstehen, und hab mich um Belehrung an Wikipedia gewandt, .de, .en, und sogar zur Aufklärung des Librium Arbitrium, .la. Hab die Aufsätze über Instinkt, Intelligenz, Wille und Willensfreiheit gelesen. Mein löchriges Gedächtnis hat dann genügend Wirrwar von Vorstellungen, Worten, Begriffen, Gedanken vor Geistes Augen tanzen lassen um mir das Dunkel der Nacht so wesentlich zu verkürzen, dass ich erstaunte als der Morgen schon graute. Die Sonne, jedoch hält sich bis jetzt, es ist zehn Uhr dreißig, noch hinter einer dichten Wolkenschicht versteckt. Instinct, so schließe ich aus dem Vergleich der Beschreibungen in zwei Sprachen, ist von Instinkt zu unterscheiden; kein Wunder, wenn man "Brexit" in Erwägung zieht, ein Wort das der "instinct" als frei, der "Instinkt" aber als meschugge übersetzt. Ganz allgemein heißt Instinkt die vorgestellte Triebfeder mit welcher man die scheinbar sinnvollen Handlungen der stummen Tiere erklärt, die unfähig sind sich zu rechtfertigen weil sie der Sprache entbehren. Instinkt ist das Fragezeichen (?) in sechs Buchstaben. Man wendet das Wort Instinkt auch auf der Menschen Handlungen an für die keine andere "vernünftige" Erklärung in Erscheinung tritt. Des Wortes "Intelligenz" bedient man sich als Maßstab für wirksame geistige Tätigkeit. Es bleibt umstritten wie man diesen Maßstab einrichten sollte, umstritten auch inwiefern Intelligenz als erblich und inwiefern als umwelterzeugt zu betrachten wäre, umstritten ob Intelligenz verrostet wenn sie nicht benutzt und regelmäßig geölt wird. Bemerkensert auch dass sich im Deutschen "Intelligenz" lediglich auf Fähigkeit bezieht, während das Englische "intelligence" sich nicht nur auf Fähigkeit bezieht sondern auch auf das von dieser Fähigkeit erzeugte. Beim Nachlesen über den Begriff "Willen" wurde ich auf einen Beitrag über die Geschichte der Willensfreiheit oder der Freiheit des Willens abgelenkt. Muss für meine Überempfindlichkeit um Entschuldigung bitten, denn aus diesen beiden Ausdrücken mit vermutlich demselben Sinn, ertönt mir das Echo des Widerspruchs das sie beide verdecken. In meinen Ohren sind Willensfreiheit und Freiheit des Willens entgegengesetzt. Willensfreiheit klingt wie ein offenes Tor durch welches der Wille der Notwendigkeit entflieht. Bei Freiheit des Willens höre ich all die Starrheit des Willens als ein Zaun wo die Freiheit wie in einem Käfig gefangen ist. Vielleicht von mir übertriebene Ästhetik. Diese Geschichte des Begriffs Willensfreiheit ist eine umfangreiche Chronik wo in wenigen Sätzen berichtet wird was namhafte "Philosophen" seit Sokrates über Willensfreiheit ausgesprochen haben. So etwa von Kant: "Immanuel Kant unterschied zwischen „psychologischer“ und „transzendentaler“ Freiheit. Die psychologische Freiheit war die innere Verkettung von Motiven und eigentlich determiniert.[52] Als transzendentale Freiheit bezeichnete er die Fähigkeit eines Wesens, eine Handlung von selbst anzufangen.[53] Neben dieser theoretischen Unterscheidung kannte er noch die praktische Freiheit. Das ist diejenige Freiheit, die Voraussetzung der Zuschreibung von Handlungen in der Moral, also von Verdienst und Schuld ist (damit auch von gerechter Belohnung und Strafe). Man sei durch die Notwendigkeit des moralischen Gesetzes als obersten praktischen Gesetzes für vernünftige Wesen gezwungen, einzusehen, dass man dem Willen eine Freiheit von der Naturkausalität beimessen müsse.[54] Denn die Kausalität des Willens selbst sei als eine Kausalität aus Freiheit zu denken." Demzufolge schließe ich, setzt Kant als keines Beweises bedürfend, "eine Notwendigkeit des moralischen Gesetzes als obersten praktischen Gesetzes für vernünftige Wesen" voraus. Der Wille ist frei, weil ein Gesetz dem er gehorcht vorausgesetzt sein muss. Welch ein gedanklicher Unfugskreis! Ich bitte um Entschuldigung mir die Freiheit zu nehmen, nicht daran zu glauben. Nietzsche schrieb: „Das Verlangen nach ‚Freiheit des Willens‘, in jenem metaphysischen Superlativ-Verstande, wie er leider noch immer in den Köpfen der Halb-Unterrichteten herrscht, das Verlangen, die ganze und letzte Verantwortlichkeit für seine Handlungen selbst zu tragen und Gott, Welt, Vorfahren, Zufall, Gesellschaft davon zu entlasten, ist nämlich nichts Geringeres, als eben jene causa sui zu sein und, mit einer mehr als Münchhausen’schen Verwegenheit, sich selbst aus dem Sumpf des Nichts an den Haaren in’s Dasein zu ziehn.“ – Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, erstes Hauptstück: von den Vorurtheilen der Philosophen „Ich lache eures freien Willens und auch eures unfreien: Wahn ist mir das, was ihr Willen heißt, es giebt keinen Willen.“ – Friedrich Nietzsche: Nachlass, Sommer 1883, 13 [1-36], Zarathustras heilige Gelächter Ich selber betrachte die Frage ob ein jeder von uns, oder auch nur ein Einziger von uns, einen "freien Willen" hat, nicht nur als ein Spiel mit Worten das hin und wieder auf das Erleben weist; sondern als ein Wortspiel das selbst zum Erleben beiträgt und das letzten Endes selbst Erleben wird. Dein Jochen