Liebe Cristina, Heute Morgen bin ich früh aufgestanden. Um sieben Uhr las ich Deinen Brief und empfand ein weiteres Mal die längst vertraute Freude und Dankbarkeit. Nach dem flüchtigen Frühstück um acht Uhr, fuhr ich mit Klemens, meinem Sohn, in die Stadt. Gegen Mittag fliegt er, mit einem schweren Koffer in der Hand und seiner Geige an der Schulter zu einer wochenlangen "Tagung" in New Orleans. Meine Aufgabe war das Auto zurück nach Belmont zu bringen. Derweil reichlich Gelegenheit über Deine Fragen nachzudenken. Entschuldige bitte, dass ich nur tropfenweise zu berichten vermag. Du schreibst: Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, was Kant mit seiner Philosophie wollte, Gutes oder Böses? Kreation oder Vernichtung? Was versteht Kant unter "ethisch"? Sollte nach Kant nicht ein Mensch so handeln, dass seine Handlung sowohl subjektiv als auch im Allgemeinen in der Gesellschaft als ethisch richtig gilt? Die Gesellschaft bestand ja damals nicht nur aus reinrassigen Deutschen, da waren auch Juden und andere Minderheiten darunter. Ich dachte ein allgemeines Gesetz nach Kant ist ein Gesetz, das dem Wohl aller dient und für alle gilt, Juden und Minderheiten inkludiert. Meine Antwort: Ich vermute dass Kant, als Nachfolger von Leibniz, eine quasi mathematisch-logische göttliche Weltregelung voraussetzte, ein umfassendes Gesetzesgefüge in welches Naturgesetze, Religionsgesetze und Staatsgesetze einbeschlossen waren. Von wem und in welcher Weise all diese Gesetze endeckt oder verhängt werden sollten, hat Kant, soviel ich weiß, nicht erörtert. "So viel ich weiß" ist ein sehr wichtiger Vorbehalt, denn ich bin kein Gelehrter, schreibe über alles und weiß nichts, ein Possenreißer, heiße mich Till Eulenspiegel. Der wurde bekanntlich in Kneitlingen geboren, und ich im benachbarten Braunschweig. Kant war ein Kind des 18. Jahrhunderts, dem der Unterschied von Subjekt und Objekt gleichgültig war; genauer das Jahrhundert in dem Subjekt und Objekt endgültig ihre Wirksamkeiten tauschten. Denn Vormals war Subjekt das ὑποκείμενον hypokéimenon ‚das Zugrundeliegende‘, und vormals war Objekt das dem zugrundeliegenden Subjekt zufällige, obiectum, das Entgegengeworfene. Oder so erklärt Till Eulenspiegel. Im 19. Jahrhundert war alles umgekehrt. Das Objektive wurde das Wahre, das Zugrundeliegende, das Subjektive eine nichtswürdige lächerliche Schrulle. Und dann erschien Kierkegaard ... und behauptete die Subjektivität sei die Wahrheit. Der Grund meines Denkens, die Wirklichkeit auf die ich mich verlasse, ist weder der Urknall, noch die Relativitätsberechnung, noch der Doppelhelix, auch nicht das Protoplasma das sich mittels Überleben des Tüchtigsten zum Menschen entwickelte. Die Wirklichkeit auf die ich mich verlasse, wie immer flüchtig und nichtig es auch sein mag, ist das gegenwärtige Bewusstsein von dem mein Denken von Augenblick zu Augenblick begleitet wird. Zugegeben dies Bewusstsein ist unzuverlässig und veränderlich; aber es ist die einzige mir zugängliche Wirklichkeit. Kierkegaard ist mein Zeuge: Die Subjektivität ist die Wahrheit. Diese Bewusstseinswirklichkeit wird von der Sprache zugleich beleuchtet und beschattet. Die Sprache dient einerseits die Bewusstseinswirklichkeit hervorzuheben; andrerseits droht die Sprache die Bewusstseinswirklichkeit zu verdrängen. So etwa scheint die Sprache die Wirklichkeit zu ersetzen wenn ich (mich) reden höre, wenn ich (meine) Bücher lese. Was auf den Schulen als Philosophie, Wissenschaft und Geschichte gelehrt wird ist großen Teils als Wirklichkeit verkleidetes Gerede. Als solches verstehe ich auch die Lehren Kants. Ich beabsichtige keineswegs die Herabsetzung von Philosophie, Natur- und Geisteswissenschaft wenn ich sie als "Gerede" bezeichne; will lediglich darauf hinweisen in welch hohem Maße die geistige Vergesellschaftung ein Sprachgefüge ist - mit Musik und bildende Kunst als eklatante Ausnahmen - demzufolge - wie bei Kant und im Altertum, bei Aristoteles - die Verwechslung von Sprache und Wirklichkeit sehr nahe liegt und unlösliche Rätsel gebiert. Tatsächlich ist meine geistige Tätigkeit in solchem Maße sprachgebunden und sprachbedingt, dass die Verwechslung von Sprache und Wirklichkeit kaum vermeidbar ist, und deshalb ist das Verständnis der Beziehung der beiden zu einander von großer Bedeutung. Ich erkläre mir Sprachgefüge jeglicher Art, einbeschlossen Natur- und Geisteswissenschaften als Dichtung. Dichtung aber erkläre ich als Sprache die vorgibt nicht Wirklichkeit zu ersetzen sondern auf Wirklichkeit hinzuzeigen. Mein Vorbild ist das Programmieren von Rechnern, wo eine Bestimmung statt einen Wert ausdrücklich zu nennen, die Speicheradresse angibt wo dieser Wert abgelesen zu werden vermag. (For example, the computer programming technique of specification by indirection, where a "pointer" is used to denominate not the value itself, but the memory location where a specified value is to be found.) Wenn ich nun die Begriffe nach denen Du fragst, wie etwa Instinkt, Intelligenz, Wille, Entscheidung bedenke, so rechne ich ihnen keine Wirklichkeit an, anders als jene welche sich aus Deinem (und meinem) Erleben ergibt. Kein Wunder, es ist selbstverständlich, dass es Meinungsunterschiede zwischen uns gibt, und dass wir es als unsere Aufgabe betrachten müssen, für jeden Ausdruck, für jeden Begriff ein so gemeinsames Bedeutungsgefüge wie möglich - nein, nicht zu entdecken sondern zu erfinden oder erdichten. Genug für heute. Fortsetzung folgt vielleicht, und wenn, tropfenweise. Dein Jochen