Liebe Cristina, Wie Du weißt, bedenke und beschreibe ich stets rücksichtslos was immer zur Zeit meine Gedanken und Gefühle beschäftigt. Deine Behauptung vom freien Willen und von der vermeintlichen Gelegenheit in der ich mich befände lediglich durch die Anstrengung des eigenen Willen, und ohne jegliche göttliche Gnade, fromm und tugendhaft zu werden, gibt mir zu denken und weckt mir manch brisante Erinnerung und Überlegung. Aus der Tatsache dass ich Dich mit meinen Erwägungen belästige, solltest Du aber keineswegs auf den Vorschlag oder gar auf die Verpflichtung schließen, Dich auch nur im geringsten dafür zu interessieren, oder in irgendeiner Weise darauf zu antworten. Zum ersten Mal erfuhr ich im ersten Jahr meines Medizinstudiums die Notwendigkeit den vermeintlichen Forderungen des kategorischen Imperativs zu begegnen: aus einem Brief an meine Eltern am 4. Februar 1951 "Morgen habe ich einen Feiertag. Ich feiere den 4. Juli. Auf dem Programm im Physiologie Labor steht nämlich dass man einem armen unschuldigen, lebendigen Frosch erst den Bauch aufschneiden, und dann ein Bein abhacken soll. Da musste ich mich auf das Sprichwort besinnen: Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz. So etwas Ungezogenes habe ich ja noch nicht einmal getan als ich klein war. Wie kann man von mir erwarten, dass ich morgen damit anfange? Morgen früh werde ich zur Vorlesung gehn, dann werde ich mich nicht wohl fühlen, ein bisschen ins Museum gehn, und dann nach Hause um zu arbeiten." (P.S. Es war sehr schön im Museum)" "Glücklicherweise wird dies das einzige Experiment sein, wo ich fehlen muss, denn alle andern Tierversuche werden von unserm kleinen Kreis tutti, zusammen, unternommen, und dann werde ich genug andere Arbeit finden ohne selbst die Tiere zu misshandeln. Mittwoch und Freitag werden es Schildkröten sein, und nächste Woche drei Katzen. Im Augenblick wächst meine Vereehrung für die Naturwissenschaften in solchem Maße, dass ich mich garnicht auszudrücken vermag. Das ist vielleicht auch besser so. Goethe hat einmal geschrieben: "Er nennt's Vernunft und brauchts allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein." Er hat die Menschen aber überschätzt und den Tieren unrecht getan." aus einem Brief an meine Eltern am 21. Februar 1951: "Aber ich wollte ja garnicht von mir schreiben, - das gibt nur Missverstänsnisse. Das Allerinteressanteste ist die Psychlogie der Studenten und der Dozenten zu beobachten. Wie kann man vernünftige geschulte Menschen zu dem Punkt bringen solche Dummheiten zu begehen? Es ist die Angst anders zu sein, Angst aus der Rolle zufallen, Angst allein dazustehen gegen Prof. Landis und seinen mit Teufelsgeist - ich brauche das Wort bewusst - organisierten Kurs. Jedermann will beweisen wie zuverlässig er ist. Darum stellt Alex sich hin, drängt sich, und macht jede Sezierung eines lebendigen Tieres, er will zeigen, dass es das auch kann; obwohl er hinterher viel klagt, wie ensetzlich es sei. - Er brauchte dies nicht, da noch 4 andere in der Gruppe sind, - ich habe bis jetzt die Tiere nur gestreichelt." =================== Bemerkt sei: Der erwähnte "Alex" ist der Bruder meiner künftigen Frau, mein Freund seit meinem 15. Lebensjahr bis auf den heutigen Tag, mit dem ich während unseres Allgemeinstudiums und während des ersten Jahrs unseres Medizinstudiums eine Wohnung teilte. Bemerkt sei ferner, dass die Lüge derer ich mich bediente um mich vor der Beteiligung an mir unliebsamen Tierversuchen zu drücken, in der Gesinnung Immanuel Kants wahrscheinlich um manches Böser war als die Quälerei eines Tieres an der zu beteiligten ich mich weigerte nur der Selbstgerechtigkeit willen, ohne dass ich sie in irgendeiner Weise zu verhindern versuchte. Indem ich die damaligen Umstände überdenke, fällt mir auf, dass Kants Moral gesetzgebunden ist. Kantische Tugend besteht in Gehorsam dem Gesetz wie es von der Obrigkeit verordnet und gedeutet wird. Für das Gewissen des Einzelnen der dem Gesetz seinen Gehorsam verweigert, for the conscientious objector, für den Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, hatte Kant so wenig Verständnis wie Sokrates, Platon oder Aristoteles. Demgemäß diente Kants Ethik die Beamtenschaft, die Bürokratie, den autoritären Staat bedingungslos zu bekräftigen. Für die jubelnden Deutschen die den Nazitriumphzug vom 18. Juli 1940 mit Blumensträußen unterstützten, hätte Kant keine Anweisungen gehabt, und den Soldaten der sich seinem Befehlshaber widersetzte, hätte er getadelt. Im Licht dieser Einsicht, verliert Deine Vorstellung einer durch allgemeine Verpflichtverweigerung verklärte Welt, allenfalls jeglichen Kantschen Segen. Auch scheint es mir unwahrscheinlich, dass Kant die Maßnahmen mit den ich selbst mich einst der eigenen Wehrpflicht entledigte, ethisch annehmbar gewesen wären. Weiß nicht ob ich Dir eine Fortsetzung dieses so schicksalbeladenen Themas des verunglückten kategorischen Imperativs, das sich über mein ganzes langes Leben erstreckt, ankündigen, versprechen oder androhen soll. Dein Jochen