Liebe Cristina, Greulich ist falsch buchstabiert. Sollte stehen "gräulich." Kommt aber auf ein und dasselbe hinaus. Bitte sag mir's - aber keinem sonst, - bin ich ein Holocaust Leugner wenn ich behaupte: a) dass wir uns, wenngleich im scheinbar friedlichen Vortex einer zerstörerischen Zyklone eingeschläfert, tatsächlich auch heute in eines Holocausts Mitte befinden, b) dass der Holocaust von Menschen entworfen und durchgeführt wurde, und demgemäß menschlich ist, und c) dass unser Herrgott, als er (1. Samuel 15) die Vernichtung und Ausrottung des Amalekiter Volkes beschloss, beorderte, und grimmig überwachte, ohne Erbarmen auch für das unschuldigste Lämmlein, die für unser zwanzigstes Jahrhundert protoypische "Menschengeschichte" oder sollte ich schreiben "Gottesgeschichte" inszeniert hat? Mir fällt auf dass Du und ich in jedenfalls zwei wichtigen Punkten der Ethik übereinstimmen. Erstens, dass in Betreff auf ethisches Verhalten zwischen dem Menschen und dem Tier kein grundsätzlicher Unterschied besteht. Denn Du sagst dass Moritz Entscheidungen trifft, dass Moritz ein Willensvermögen aufweist das dem menschlichen so ähnlich ist, dass Du es als Beispiel für die Freiheit des menschlichen Willens anführen kannst; indessen ich meine die Erbsünde bestünde nicht darin dass Eva ihrem Mann den Apfel vom Baum der Erkenntnis überhaupt besorgt hat, sondern darin dass es nur ein Apfel und nicht ein Ganzer Korb Äpfel war, oder vielleicht sogar ein Apfelstrudel mit dem sie Adam fütterte. Denn seine Apfeldiät, bestimmt ihn mit Wissen zu versehen, hat offenbar versagt; hat nicht genügt Adam klar zu machen, dass zwischen ihm, seiner Eva und den anderen Tieren nichts als ein eingebildeter Unterschied besteht. Demgemäß wäre es vernünftig anzunehmen, dass auch die anderen Tiere über Gewissen, Willen, und Redlichkeit nicht mehr und nicht weniger verfügen als die Menschen und als Moritz; so nämlich lautet meine Ansicht. Und Moritz soll mein Zeuge sein, dass Du mit mir in der ethisch-moralischen Vergleichbarkeit von Mensch und Tier übereinstimmst, indem Du ihn der Ungehorsamkeit und des schlechten Gewissens bezichtigst. In einer zweiten Perspektive stimmen Du und ich ebenfalls überein. Du sagst, wenn ich Dich recht verstehe, dass Moritz die Worte der Mutter "versteht" in einer Weise vergleichbar mit der in welcher ein Mensch die Sprache versteht, das ist, wie Adam die Stimme Gottes versteht. Meine Ansicht in dieser Beziehung: dass die Sprache göttlich ist, und dass der Mensch - oder jedenfalls der Durchschnittsmensch die Sprache ebensowenig versteht wie der Durchschnittshund. Lösen wir unsere diesbezüglichen Urteile als simultane Gleichungen dann ergibt sich als die Veränderliche, die Sprache, von der Du meinst dass Moritz sie fast so gut wie ein Mensch versteht, indessen es mein Vorschlag ist dass die Menschen die göttliche Sprache, wenn überhaupt, kaum besser verstehen als Moritz. Die Sprache, und wie sie sich zum subjektiven Erleben und zur objektiven Wirklichkeit verhält, ist der Schlüssel zu unserem umstrittenen Geheimnis. Ich will's nicht verhehlen, dass die gedanklichen (pseudo-philosophischen) Urteile meines hohen Alters nicht nur auf dem Gebiet der Ethik, der öffentlichen und privaten Moral, sondern auch in der Erkenntnistheorie, in Bezug auf die Deutung der Wissenschaften und der Vergangenheit, der Geschichte also, dass diese gedanklichen Urteile bewusst und berechnet radikal und entwurzelnd sind. Ich will auch der erste sein der vorschlägt dass die schamlose Zwanglosigkeit meiner Gedanken vielleicht nicht ein Zeichen der Reife des Geistes sein möchte, sondern ein Merkmal seiner Fäulnis, seines Verfallens in Altersschwäche, Unsinn und Irrsinn. Das musst Du entscheiden; aber bitte erzähl es keinem. Sonst kommen sie und holen mich ab in die Irrenanstalt. Dein Jochen