Liebe Cristina, Dank für Deine umgehende Antwort, an der ich mich freue wie an allen Deinen Briefen. Ich hoffe Du findest es nicht herablassend von mir, wenn ich schreibe dass ich Deine Stellung würdige; und nicht anmaßend von mir, wenn ich schreibe, dass ich Deine Stellung verstehe. Es wäre uns möglich unser Problem semantisch zu erforschen, und einander fragen: was meinen wir mir Intelligenz, mit Instinkt, mit Entscheiden, mit Willen? Dergleichen Untersuchungen aber müssten von Dir eingeleitet werden; ich würde mich gern an ihnen beteiligen, scheue mich aber sie anzustrengen wegen der erforderlichen Zeit, die Du vielleicht anders verwenden möchtest. Du befindest Dich mit Deiner Auffassung über verantwortlich Entscheidung nach freiem Willen in erstklassiger geistesgeschichtlicher Gesellschaft, vornehmlich im Einverständnis mit Immanuel Kants Behauptung eines kategorischen Imperativs. Jahrelang hab auch ich denselben Standpunkt wie Du und Kant vertreten. Aber die Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges und die Greuel der Konzentrationslager vermag ich nicht damit zu erklären dass Millionen von Menschen an diesen Untaten beteiligt waren weil ihnen der Wille fehlte fromm zu sein; mit anderen Worten, dass sie sich an den Greultaten aller Art beteiligten, weil sie "schlechte" Menschen waren. Wenn Du den Mut hast Dir die Siegesparade der Nazis am 18. Juli 1940 anzusehen, https://www.youtube.com/watch?v=RCg8drhEmxw bekommst Du vielleicht eine Ahnung von dem Ausmaß der geistig-seelischen Katastrophe für die ich eine Erklärung bedarf; und diese, zugegeben vorläufige Erklärung ist, dass wir Menschen, nicht wie Adam wähnte "über" den anderen Tieren walten; sondern dass auch wir Tiere sind die ihrem Wesen gemäß urteilen und handeln, sei es gut oder schlecht, manchmal sehr weise, zuweilen aber auch unaussprechlich dumm; und dass wir einander akzeptieren müssen, wie wir nun einmal sind. Vielleicht mehr über dies schwierige Thema in einem späteren Brief. Inzwischen nochmals Dank für Deine Antwort. Dein Jochen