Liebe Cristina, vorhin hatte ich mein Schreiben unterbrochen, weil ich hungrig war und mir ein spätes Mittagessen, oder ein frühes Abendessen besorgen wollte. Bitte versteh mich nicht falsch, ich mache mich nicht lustig über Deinen liebevollen Brief wenn ich die Fragen stelle, 1) war ich aus "freiem Willen" hungrig geworden? 2) hatte ich in Anbetracht des Hungers mein Schreiben "freiwillig" unterbrochen? 3) hab ich das Essen, spät oder früh wie es gewesen sein mag, mir stat aus Hunger aus freiem Willen besorgt? Wenn ich auf diese kleinen lächerlichen Fragen keine Antwort weiß, wie sollte ich die großen Fragen zu beantworten vermögen? Erstens: 1.Mose 3 …3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Eßt nicht davon, rührt's auch nicht an, daß ihr nicht sterbt. 4 Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; 5 sondern Gott weiß, daß, welches Tages ihr davon eßt, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.… Also, hat Eva ihrem Adam den Apfel aus "freiem Willen" gepflückt, oder hat Eva sich zu der Missetat aus "freiem Willen" verleiten lassen. Vermag das, wozu man sich verleiten lässt aus "freiem Willen" getan werden? Sophokles und seine Griechen jedenfalls haben behauptet dass Untat dem Unwissen entspringt, und dass es sowas wie freien Willen überhaupt nicht gibt. Aber vielleicht war an allem die Schlange schuld. Vielleicht hat die Schlange aus "freiem Willen" wissentlich und mit böser Absicht Eva den schicksalhaften Rat erteilt, bewusst und willentlich gegen das Gebot des göttlichen Vaters verstoßen, ebenso wie Moritz aus freiem Willen gegen das Gebot der (fast) göttlichen Mutter in den Wald entfloh. Zweitens: 1. Moses 4 3 Es begab sich nach etlicher Zeit, daß Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes; 4 und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer; 5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärde verstellte sich. 6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? und warum verstellt sich deine Gebärde? 7 Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so bist du angenehm; bist du aber nicht fromm, so ruht die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 8 Da redete Kain mit seinem Bruder Abel. Und es begab sich, da sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Der Ursprung von Kains Vergehen war seine Unfrömmigkeit. Die entscheidende Frage, war es aus "freiem Willen" dass Kain es unterließ fromm zu sein? War es in Kains Macht sich fromm zu machen? War es aus "freiem Willen" dass Kain sich weigerte zum Arzt zu gehen und sich ein Rezept für Frömmigkeit geben zu lassen und somit den Totschlag mit seinen katastrophalen Folgen zu verhüten? Oder war die Ursache von Kain Frömmigkeitsmangel, dass Gott es aus unerforschlichen Erwägungen unterlassen hatte Kain mit zureichender Frömmigkeit auszustatten. Daran wäre nichts zu ändern; denn auf den hebräischen Gott ist es gemünzt, Deus non possit peccare. Die alten Griechen waren mit Kant's Kategorischem Imperativ noch nicht vertraut. Bei ihnen war es lediglich eine Machtfrage. Liebe Cristina, wusstest Du eigentlich, mit was für einem Lästermaul Du Dich eingelassen hast? In meinem vorletzten Brief versuchte ich Dich mit meiner Rückführung der Problematik unserer Leben auf den Streit zwischen Gesellschaft und Individuum. Ich vermute dass sich auch andere Rückführungen aufstellen lassen, mit vergleichbaren heuristischen Vorteilen. Vorläufig aber verbleibe ich noch stark beeindruckt von der weitreichenden Bedeutung der Gesellschaftsanomie, wenn ich sie so nennen darf. Dein treffliches Beispiel vom Soldaten dessen "freier Wille" ihn vom auferlegten Zwang zu morden befreit, bestätigt meine These. Denn das Militär ist der Inbegriff der Vergesellschaftung. Die Armee ist die Menschenherde im eigentlichsten Sinne, wo der Einzelne gezwungen wird sich restlos in die Gruppe einzufügen, wo er zerstört wird, wenn er dies nicht will (sic!) oder nicht vermag. Mein liebes Kind, bitte werde mir nicht böse, wenn ich, Augenarzt der ich nun einmal bin, darauf hinweise, dass es uns optisch unmöglich ist zu erkennen was uns unmittelbar, das heißt auch nicht durch die geringste Entfernung getrennt, vor der Nase liegt. Warum, wenn wir die Vergesellschaftung verstehen wollen, bedenken wir nicht das musikalische Orchester dessen Mitglieder ihre musikalische Existenz jedenfalls während der Zeitspanne der Aufführung in einen bedingungslosen Zusammenklang, in eine "Symphonie" auflösen und verschmelzen. Erzähle mir, denn Du weißt es am Besten, wo bleibt der "freie Wille" wenn alles der Partitur und dem Stab des Dirigenten unterworfen wird? Mea culpa! Die Unverschämtheiten die ich mir erlaube, verdienen keine Antwort als das Schweigen. Und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb sende ich in Deiner Richtung Gedanken und Gefühle die mich weigere weiter zu beschreiben. Dein Jochen