Liebe Cristina, Deinen Brief fand ich um etwa zwei Uhr heute Morgen in dem "Postkasten" meines Rechners. Ich hatte die halbe Nacht mit Berichtigungen von Programmierungsfehlern verbracht, Fehler die ich aus Nachlässigkeit, vielleicht aber auch wegen geistiger Altersschwäche begangen hatte. Da erschien Dein Brief wie ein Stern dessen Licht den Geistesnebel durchbrach, "a star to every wandering bark, whose worth's unknown, although his height be taken." Deine Gedanken haben mich dann wie Dein Cellospiel durch den Halbschlaf, den Schlaf, das Träumen und das Wachen der Nacht begleitet, und schließlich zu diesen Antworten gebracht. Am wesentlichsten scheint mir meine Aufgabe Dir keine Briefe zu schreiben, die Dir im Ausblick, im Rückblick oder im Bewusstsein der Gegenwart Dein Leben verunstalten. Es wäre Eitelkeit von mir vorzuschlagen, dass unser Briefwechsel Dir Dein Leben irgendwie bereichern oder erweitern möchte. Und doch hege ich keinen anderen diesbezüglichen Wunsch. Meine Briefe zu beantworten brauchst Du Dich nicht verpflichtet fühlen. Im Grunde beanspruchen meine Briefe keine schriftliche Antwort; denn die schlüssige Antwort, und die einzig unerlässliche Antwort, die bist Du. Dank auch für die Erlaubnis Dir öfters zu schreiben. Vermag nicht vorauszubestimmen, inwiefern und wie oft ich mich dieser Großzügigkeit bedienen werde. Tatsache ist, dass ich ununterbrochen schreibe, dass all mein Schreiben (im Stillen) an (Menschen wie) Dich gerichtet ist, und dass ich stets irgendjemanden (wie Kierkegaard, hiin enkelte, jene(n) Einzelne(n)) wenn auch nur im Bereich des Ideals, benötige, um geistig ergiebig zu sein. Diese Einsicht besagt nicht, dass Du, statt Dich mit Deinem Cello zu unterhalten, Deine Tage mit dem Lesen meiner Schreibereien vertun solltest. Diese Einsicht bedingt aber die bedenkliche oder erleichternde Erwägung, dass auch meine Briefe an Dich nur literarische Übungen sind mit denen ich was Du wirklich bist, missbrauche, und die Du demzufolge nicht ernst nehmen solltest. Was nun den Inhalt Deines Briefes anbelangt, Deine erschütternde liebevolle Besorgnis um den Soldaten dessen Gehorsam seinem (göttlichen) "freien Willen" seinen Mitmenschen nicht zu töten, mit dem Gehorsam seinen (weltlichen) Befehlshabern seinen Mitmenschen dennoch zu töten, streitet, diese Besorgnis teile auch ich; und in Bezug auf diese Besorgnis besteht zwischen Dir und mir kein Meinungsunterschied. Tatsache ist, dass der Soldat der seinem "freien Willen" gemäß sich zu töten weigert, getötet wird wenn nicht von seinen "Feinden" dann von seinen "Freunden", will sagen, von seinen Kameraden. Die politische Angst meiner Jugend in Betreff auf die Nazi Verfolger, war die Furcht "dass auch ich ein solcher hätte sein können." Vor etwa 25 Jahren hab ich dieser Angst ein Kapitel in einem Roman gewidmet das Dir bei http://home.earthlink.net/~ernstmeyer/andere/kk07.html zugänglich ist. Soweit der erste Teil meiner Antwort, der Dir im Wilden Westen, wo Du Dich laut Area Code 323 befindest, mehr als nur alltägliche Grüße bestellen soll. Dein Jochen