Die Stadien des Abbaus des Denkens stehen im Verhältnis zu den Stadien des Abbaus des Lebens. Das sinnvolle Denken verlangt eine beschließende Abrechnung nicht minder als das sinnvolle Leben. Auguste Comptes positivistisches Gebäude der Wissenschaften, wie es einst anspruchsvoll componiert war, und in das einzuziehen ich damals begierig war, muss ich jetzt am Ende des eigenen Lebens analysieren, auflösen, abtakeln, verschrotten. Wie beim Abreißen eines anderen Gebäudes, scheints kaum einen Unterschied zu machen, wo der Anfang der Auflösung gemacht werden soll. Vielleicht beim schwierigsten, bei den drohend unzerstörbaren, quasi betonenen Grundmauern der sogenannten mathematischen Logik, der Russell-Whitehead Phantasmagorie der Wirklichkeit. Sie ist das Spiegelbild nicht der Welt, sondern jenes zufälligen hinfälligen Geistes einzelner Menschen der das Zerrbild liefert das wir als Wirklichkeit anbeten. Die Vorstellung des Zeitlichen ist und bleibt Erinnerung, Erzählung, Geschichte. Die Verschmelzung von Raum und Zeit als Bewegungs, scheint mir, ist den mathematischen Physikern nicht gelungen. Die Bewegung, die Veränderung, die Verwandlung ist ein einzigartiges Erleben, ein Gemisch von Hiersein und Nichthiersein, also ein Abbruch des Seins. Das Sterben ist die letzte größte Bewegung. Heute Morgen scheint es mir dass die Naturwissenschaften überall über das Geheimnis der Bewegung, der Veränderung stolpern, und nicht drüber hinaus kommen. Denn Veränderung setzt Vergangenheit voraus und Vergangenheit ist verständlich nur als Erinnerung. Die Erinnerung aber ist das Grab der Geschichte, und somit aller Geisteswissenschaften. Will sagen, die Geisteswissenschaften vermoegen nicht in Angesicht der Erinnerung bestehen. Die Geisteswissenschaften werden von der Erinnerung aufgeloest, zersetzt. Die Dialektik von Idealisierung und Entidealisierung scheint mir heute Morgen als Schattenbild von Leben und Sterben. Denn Leben heißt Lieben, heißt idealisieren; und Sterben ist die Zurückgabe des Geliebten, also Entidealisieren. Das Idealisieren ist möglich nur in Gegenwart, nur im Zusammensein - und Zusammenbleiben - mit dem Geliebten; Trennung aber bewirkt den unvermeidlichen Einsturz des Ideals, und somit unerbittlich, das Entidealisieren. Die Tagesfrage, question of the day, ist der Holocaust verständlich, und wenn, ist das Verstehen des Holocaust, ist die Anmaßung den Holocaust zu verstehen nicht zu behaupten dass der Holocaust verständlich ist, und somit dessen Leugnung? Mein Prozessieren war - ist der Versuch den Holocaust zu verstehen, so wie der Funken von ein Automobilanlasserwicklung (starter coil) das Verständnis des Blitzes vorbereitet und ermöglicht.