Lieber Herr Nielsen, vielen Dank für Ihr verständnisvolles Schreiben. Wieder einmal eine umgehende Antwort, der Wirtschaftlichkeit halber, eh die ausgelösten Gedanken in Vergesslichkeit untergehn. Ich freue mich auf Ihren Besuch zum Jahresende, besinne mich aber der Tatsache, dass Ihr Besuch nicht mir sondern Ihren Kindern und Enkeln gilt. Wie stets hab ich so viel Zeit für Unterhaltungen wie Sie meinen erübrigen zu sollen, und bin zuletzt nicht enttäuscht wenn unsere Begegnung auf gegenseitiges nachbarliches Winken beschränkt bleibt. Der Gedanke der mich heute Morgen aus dem Bett trieb, und den ich aufschreiben möchte eh er sich verflüchtigt, ist dass mein Denken, dass der Geist kaum anders als der Körper einem natürlichen Lebenslauf, einem Lebenszyklus - life cycle - unterworfen wäre - und wie am Ende des Tages, des Monats oder des Jahres, eine finanzielle Abrechnung gehörig ist, so möchte es wünschenswert sein am Ende des Lebens eine Bilanz der Gedanken zu ziehen. Die Stadien des Abbaus des Denkens stehen im Verhältnis zu den Stadien des Abbaus des Lebens. Das sinnvolle Denken verlangt eine beschließende Abrechnung nicht minder als das sinnvolle Leben. Auguste Comptes positivistisches Gebäude der Wissenschaften, einst so anspruchsvoll entworfen, in das auch ich begierig war einzuziehen, verlangt jetzt am Ende des eigenen Lebens analysiert, aufgelöst, abgetakelt, verschrottet zu werden. Wie beim Abreißen manch eines anderen Gebäudes, scheints kaum einen Unterschied zu machen, wo der Anfang der Auflösung gemacht werden soll. Vielleicht beim schwierigsten, bei den drohend unzerstörbaren, quasi betonenen Grundmauern der sogenannten mathematischen Logik, der Russell-Whitehead Phantasmagorie der Wirklichkeit. Sie ist das Spiegelbild nicht der Welt, sondern jenes zufälligen hinfälligen Geistes einzelner Menschen der uns ein Zerrbild liefert das wir nun als Wirklichkeit anbeten. Die Vorstellung des Zeitlichen ist und bleibt Erinnerung, Erzählung, Geschichte.Die Verschmelzung von Raum und Zeit als Bewegung scheint mir ist den mathematischen Physikern nicht gelungen. Die Bewegung, die Veränderung, die Verwandlung ist ein einzigartiges Erleben, ein Gemisch von Hiersein und Nichthiersein, also ein Abbruch des Seins. Das Sterben ist die letzte größte Bewegung. Heute Morgen scheint es mir dass die Naturwissenschaften überall über das Geheimnis der Bewegung, der Veränderung stolpern, und nicht drüber hinaus kommen. Denn Veränderung setzt Vergangenheit voraus und Vergangenheit ist verständlich nur als Erinnerung. Die Erinnerung aber ist das Grab der Geschichte, und somit aller Geisteswissenschaften. Auch am Ende, und besonders dort bewährt sich die am Anfang behauptete Sokratisch-Faustische Einsicht: "Und sehe dass wir nichts wissen können." Die Dialektik von Idealisierung und Entidealisierung scheint mir heute Morgen als Schattenbild von Leben und Sterben. Denn Leben heißt Lieben, heißt idealisieren; und Sterben ist die Zurückgabe des Geliebten, also Entidealisieren. Das Idealisieren ist möglich nur in Gegenwart, nur im Zusammensein - und Zusammenbleiben - mit dem Geliebten; Trennung aber bewirkt den unvermeidlichen Einsturz des Ideals, und somit unerbittlich das Entidealisieren. Die Tagesfrage, question of the day, ist der Holocaust verständlich, und wenn, ist das Verstehen des Holocaust, ist die Anmaßung den Holocaust zu verstehen etwas anderes als zu behaupten dass der Holocaust verständlich ist, und somit dessen Leugnung? Mein Prozessieren war - ist der Versuch den Holocaust zu verstehen, so wie der Funken von ein Automobilanlasserwicklung (starter coil) das Verständnis des Blitzes vorbereitet und ermöglicht. Das alles sei genug, ist zuviel, für heute. Ihnen beiden alles Gute, und herzliche Grüße. Jochen Meyer