Erstaunlich wie wenig Einzelheiten der zwei Jahren zwischen den beiden Aunfenthalten in Germantown Friends School in Philadelphia mir im Gedächtnis haften. Besinne mich des Entschlusses alle Bücher in der geringfügigen Schulbibliothek zu lesen, ein Vorhaben das aber nach nur kurzem scheiterte, weil mich die Reihenfolge der Bücher so langweilig stimmte. Besinne mich auf eine Lehrerin aus Chicago, namens Lilliana Bartolomy, von der ich außer dem Englisch auch Religionsunterricht empfing, und die als Beweis der Existenz Gottes anführte dass als sie vor einiger Zeit um ein paar Strümpfe gebetet hatte, und dassdiese ihr von einem unbenannten und unbekannten Engel oder von einem sonstigen Gottesboten beschert worden waren. Im Verlauf der Klassenbesprechungen stellte ich ab und zu Fragen, besinne mich meine gottesgläubige Lehrerin um die Bedeutung des Wortes "mystic" ersucht zu haben. Weiß nicht mehr ob es gelegentlich dieser oder einer anderen Frage war, dass Miss Bartolomy mich aus dem Klassenzimmer schmiss, und mir befahl das Ende der Klassenstunde auf dem Flur abzuwarten, dies um zu verhindern, wie sie sagte, dass ich fortführe mit meinen Fragen ihre Autorität zu untergraben. Besinne mich auch auf den sehr alten, und wohl schon etwas senilen Vorsteher der Volksschule, einem breitschultrigen, weißhaarigen Menschen, Mr. Edmundson geheißen, dessen Namen ein gewisser Zauber anhaftete, weil ich mit einem beträchtlichem Damm mit Stausee im Mittelzweig des Holston River vertraut war, der den Namen Edmundsen Dam trug, und angeblich zu seinem oder seiner Familie Besitz gehörte. Mr. Edmundson legte Wert auf sein höheres Wissen, dass er uns Schülern vorführte in dem er des öfteren das griechische Alphabet ableierte, alpha, beta, gamma, delta - bis ans abschließende Omega, versuchend den Eindruck zu hinterlassen, dass diese Kenntnisse genügten seine klassische Bildung zu bezeugen. In Philadelphia hatte ich die erste Hälfte der achten Klasse absolviert. Die neunte und zehnte Klasse verbrachte ich in Konnarock. Bald nach meiner Rückkehr hatte ich das Autofahren gelernt; bekam mit 12 Jahren meinen Führerschein, und unterstützte meine Eltern nunmehr indem ich zuweilen meine Mutter - die selnst nicht Auto fuhr - zum Einkaufen chauffierte, aber auch meinen Vater wenn er müde war, oder wie er zu sagen pflegte, erschöpft, durch die Berge zu den verschiedenen Patienten fuhr die er zu Hause zu besuchen hatte. Im Sommer belegte mein Vater einen Kurs in Radiologie in New York City, und aus Gründen die ich mir nicht mehr zusammenlegen kann, fuhr er voraus mit der Eisenbahn, indessen ich, kurz vordem ich fünfzehn Jahre alt wurde, meine Mutter und meine Schwester im Auto nach Philadelphia fuhr, wo mein Vater uns in Empfang nahm und und dann weiter nach New York fuhr, ins Besondere, nach New Rochelle. An dieser Stelle möchte ich eine Betrachtung einschieben die mir längst überfällig erscheint, wenn nur weil sie diesem Bericht zugrunde liegt und deshalb überall - oder vielleicht nirgends - verlangt betont zu werden, meine unabänderliche Überzeugung dass die Auswanderung meinen Eltern eine unheilbares Leid zugefügt hatte, in dessen Beschwichtigung ich die wesentlichste Aufgabe meines jungen Lebens zu erkennen meinte. Von Anfang an, seit unserer Ankunft in Konnarock, 1939, bis zu meiner Mutter Tod 1990, - sie hat meinen Vater drei Jahre überlebt, - war ich um sie besorgt, und habe für sie gesorgt. Die Einzelheiten werden sich in den aufeinanderfolgenden Stadien meiner Geschichte ergeben, wenn mir die Zeit sie zu schreiben gegönnt ist. So oft ich mein Unterbewusstsein erkundete, stieß ich auf die Vermutung, dass diese Sorge um meine Eltern, mir diente meine eigene Trennungsangst zu beschwichtigen. Es war von Anfang an selbstverständlich, dass ich meine Ausbildung nicht in Konnarock abschließen würde. Die paar Wochen in New Rochelle, von wo aus mein Vater mit der Bahn regelmäßig nach New York fuhr um Roentgentechnik und Diagnose zu erlernen, schienen damals wie jetzt ein passendes Vorspiel für meine eigene Ausreise von Konnarock Anfang des kommended Herbst. Ich besinne mich auf das kleine Haus, damals bewohnt von Kurt Friederichs, seiner Frau Nellie, und seiner Schwiegermutter, Ella Herxheimer-Bruell, besinne mich einer Stimmung von Abschätzigkeit von Seiten des Akademikers gegen meinen Vater der bar eines Ruhmestitels lediglich Landarzt war. Das junge Mädchen mit dem mich zu verkuppeln Frau Herxheimer-Bruell gesinnt war, hieß Lore, war das jüngste Kind des bekannten Mathematikers Richard Courant. Damals war ich von ihren beträchtlichen Fähigkeiten bedroht und beängstigt. Sie war eine vollendete Violinistin, und belehrte mich dass es ihr nachzumachen mir nie gelingen würde weil ich zu alt sei und die gefügigen Epiphysen an den Knochenenden sich längst unwiederruflich in ein unmusikalisches Gefüge verfestigt hätten. So sehr ich mich aich bemühte, hab ich das Geigenspielen nie gelernt; vielleicht hatte Lore recht, dass ich schon damals zu alt war anzufangen es zu lernen. Aber die Epiphysentheorie welche sie wahrscheinlich von ihrem physikalisch orientierten Vater angenommen hatte, scheint mir weit hergeholt und unbeweisbar. Am erinnerungswürdigsten von jenem Sommer waren unsere spätabendlichen Ausflüge an den Strand in Larchmont, wo Lori, meine Schwester Margrit und ich bei Mondlicht Schwimmübungen im flachen Ausläufer des Long Island Sound machten. Sechzig Jahre später begegnete ich Lori ein zweites Mal als sie bei einer Gedächtnisfeier für Peter Flanders im dritten Brandenburgischen Konzert die Bratsche spielte. Als wir uns zum zweiten Mal trafen, war aus Lori eine behäbige alte Dame geworden. Scheinbar hatte ich keinen Eindruck auf sie gemacht, denn die Begegnung in unsrer Jugend hatte sie vergessen. Aber auch für mich waren die Eindrücke jenes Sommers bald überholt. Die Einzelheiten meiner Umsiedlung nach Philadelphia in jenem Frühherbst 1945 sind mir entschwunden. Ziemlich sicher ist dass wir vier zusammen von New Rochelle zurück nach Konnarock gefahren sind; und dass meine Eltern dann eine zweite Reise nach Norden angestellt haben um mich nach Germantown zu bringen. Unwahrscheinlich dass ich die Reise allein mit der Eisenbahn machte; aber ich vermags nicht mit Sicherheit zu behaupten; habe zuviel vergessen.